Freitag, 20. September 2019

Neuer Markt Die Zeichen stehen auf Sturm

Die erhoffte Erholung der Wachstumswerte lässt weiter auf sich warten. Stattdessen durchbricht der Nemax All Share eine Unterstützung nach der anderen. Ist der Neue Markt noch zu retten?

Frankfurt - Die Stimmung vieler Anleger ist mit den Kursen der Wachstumswerte auf einen Tiefpunkt gefallen. Der Nemax All Share durchbrach am Mittwochmittag die Marke von 2100 Punkten und notierte damit so niedrig wie seit Oktober 1998 nicht mehr. Am Donnerstag ging die Talfahrt weiter.

Damit setzt sich die fatale Entwicklung der vergangenen Monate nahtlos fort. Jede positive Nachricht verpufft, jede negative Meldung wird zum Anlass genommen, weiter auf die geschundenen Werte einzuprügeln. Jüngste Hiobsbotschaft: Dem Pleitekandidaten Gigabell wurde von der Deutsche Börse AG die Zulassung zum Neuen Markt entzogen, der Handel der Aktien wird am Freitag eingestellt. Auch EM.TV droht Presseberichten zufolge das Delisting.

Die meisten Händler sind sich einig: Mit einer baldigen Erholung ist angesichts solcher Nachrichten nicht zu rechnen. Sie sprechen von einem "Käuferstreik" auf breiter Front und stellen sich auf ein hartes Jahr ein. Der Aktienhändler René Parmantier von der Frankfurter Gontard & MetallBank bringt die Stimmung auf den Punkt: "Die Leute haben sich genug die Finger verbrannt. Es gibt kein Interesse mehr an der Börse." Erst in der zweiten Jahreshälfte, so seine vorsichtige Einschätzung, könnte es am Neuen Markt zu einer wirklichen Erholung kommen.

Kapitalvernichtung von 270 Milliarden Mark

Bis dahin, so die weit verbreitete Einschätzung, dürfte die Kapitalvernichtung am Neuen Markt weitergehen. Allein im Zeitraum Mitte März 2000 bis zum heutigen Tag wurde in diesem Börsensegment ein Vermögen von umgerechnet 270 Milliarden Mark zerstört. Das entspricht in etwa dem addierten Bruttoinlandsprodukt der Bundesländer Hamburg, Bremen und Brandenburg.

Es ist jedoch nicht nur die gewaltige Kapitalvernichtung, die dem Neuen Markt zu schaffen macht. Stärker noch leidet er unter dem Vertrauensverlust, der mit den zahlreichen Skandalen in diesem Segment verbunden ist. Seit Mitte des vergangenen Jahres vergeht kaum eine Woche ohne neue Hiobsbotschaften. Ad-Hoc-Meldungen wurden manipuliert, Bilanzen frisiert und Aktienkurse mit Hilfe willfähriger Analysten nach oben gepusht.

Immer wieder Hinweise auf Insider-Geschäfte

Dazu kommen die zahlreichen Fälle, in denen handfeste Indizien auf Insider-Geschäfte hindeuten. Vorerst letztes Beispiel: Am vergangenen Montag erschreckte das österreichische Internet-Unternehmen Blue C die Anleger mit einer drastischen Umsatzwarnung. Wenige Tage zuvor jedoch waren die Handelsumsätze bereits signifikant nach oben gegangen. Das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel hat Emittlungen aufgenommen, der Vorstand der AG allerdings hält alles für einen "Zufall". Ein Frankfurter Händler dazu: "Langsam ist der Neue Markt nicht mehr ernst zu nehmen. Kein Wunder, dass immer mehr Börsengänge abgesagt werden."

Einen kleinen Hoffnungsschimmer allerdings gibt es noch für alle, die an eine Rettung des ehemaligen Boom-Segmentes glauben: Der Bargeldbestand der am Neuen Markt aktiven Fondsmanager ist derzeit ungewöhnlich hoch. Sie haben nach einem Bericht der Tageszeitung "Die Welt" etwa 600 Millionen Mark in der Kriegskasse.

Allerdings, und das ist die schlechte Nachricht, sind sie bislang nicht gewillt, das Geld auch auszugeben. Bevor sie ihre Kaufoffensive starten, so die einhellige Meinung, müsse sich die konjunkturelle Lage in den USA aufklären. Und danach sieht es im Augenblick nicht aus.


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