Börse heute SAP bricht ein

An den deutschen Aktienmärkten bestimmten Rekordverluste wieder das Tagesgeschehen. Der Dax konnte sich im Sog der Technologietitel nur mühsam behaupten.

Frankfurt am Main - Die deutschen Standardwerte haben am Mittwoch im Sog eines Rekordverlusts der Wachstumstitel am Neuen Markt schwach geschlossen. Der Dax schloss 2,5 Prozent schwächer auf 6510,54 Punkten. Die pessimistische Stimmung der Anleger und Verkäufe durch Fondsgesellschaften bescherten dem Nemax 50 den größten Punkteverlust aller Zeiten. Mit einem Minus von 269 Zählern entsprechend 7,8 Prozent schloss er bei 3175,72 Punkten. Im Tagesverlauf hatte das Börsenbarometer ein Allzeit-Tief bei 3105 Zählern (minus rund zehn Prozent) markiert.

Händler führten die Kursverluste auf Verkäufe bei Fonds und Privatanlegern zurück, die versuchten "zu retten, was zu retten ist". Zudem sorgte eine erneut deutlich negativ tendierende Nasdaq-Index für Verkaufslaune. In den USA notierten die maßgeblichen Indizes im Minus.

Einige Börsianer bezeichneten die Stimmung als mies. Die Kurse befänden sich im freien Fall, und es sei auch wegen des ungewissen Ausgangs der Präsidentenwahl in den USA nicht absehbar, wann mit einer Bodenbildung im Dax und am Neuen Markt zu rechnen sei. "Jetzt wird nur noch verkauft, bei uns wird schon auf neue Tiefststände am Neuen Markt gewettet", sagte ein Händler. Börsianer in den USA sagten, nachdem der republikanische Kandidat für das Vize-Präsidentenamt Dick Cheney wegen Schmerzen in der Brust ins Krankenhaus eingeliefert wurde, seien die Aktienmärkte zusätzlich belastet.

SAP unter Druck

Im Dax standen vor allem SAP unter Druck und verloren knapp 9,3 Prozent auf 173,75 Euro, was Händler mit der allgemeinen Negativ-Stimmung für Technologiewerte begründeten. Infineon büßten 4,8, Siemens 1,8 Prozent ein.

Finanztiteln gerieten ebenfalls unter Druck. Allianz büßten zwei Prozent auf 395 Euro und Münchener Rückversicherung knapp 3,9 Prozent auf 363,36 Euro ein. Die Aussichten auf eine abgeschwächte Automobilnachfrage in den USA belastete Marktbeobachtern zufolge die Fahrzeughersteller. BMW gaben um vier Prozent auf 34,98 Euro und Volkswagen um 2,8 Prozent auf 55,70 Euro nach. DaimlerChrysler konnten Händlern zufolge im Wege einer technischen Erholung ihrer Vortagesverluste abbauen und gingen kaum verändert aus dem Handel.

Zu den wenigen Gewinnern gehörten mit einem Plus von gut 1,1 Prozent auf 71,93 Euro Henkel, die damit ihre Aufwärtsbewegung vom Dienstag fortsetzten.

Ausverkauf am Neuen Markt

Ein regelrechter Ausverkauf hat vor allem Den Neuen Markt erschüttert: Die Technologiebörse stürzte innerhalb weniger Stunden auf ein neues Jahrestief. Am Vormittag fiel das Barometer für die Wachstumswerte, der Nemax-All-Share, zeitweise um fast acht Prozent auf 3.052,29 Punkte. Nach einer kleinen Erholung ging er am Abend wieder auf Talfahrt und schloss bei 3058,63 Punkten.

Aktienexperten in Deutschland verwiesen auf die schlechten Vorgaben der Nasdaq und schlossen weitere Kursstürze am Neuen Markt nicht aus. Zugleich sprachen sie von einer Übertreibung nach unten. Hendrik Garz von der WestLB Panmure nannte den Kurssturz am Neuen Markt rational nicht mehr begründbar. Denn grundsätzlich habe sich nicht viel an den positiven Aussichten der New Economy geändert. Die Investoren nähmen derzeit aber die positiven Nachrichten nicht wahr. Die "schlechte Stimmung" habe eine gewisse Eigendynamik entwickelt.

Rolf Elgetie, Stratege bei der Commerzbank Securities, führte die Turbulenzen an den Wachstumsmärkten vor allem darauf zurück, dass die US-Investoren aus steuerlichen Gründen im großen Stil im Oktober Technologiewerte verkauft hätten und jetzt mit Neuinvestitionen warteten. Das Handelsvolumen sei daher sehr dünn. Spätestens Anfang nächsten Jahres sollte sich der Markt aber wieder beruhigen.

Rainer Gerdau von Dresdner Kleinwort Benson sagte, der Neue Markt werde so lange schwach bleiben, bis sich die Nasdaq erhole. Dann sollte er aber deutlich stärker zulegen als die US-Wachstumsbörse. Er wies daraufhin, dass die nicht mehr ganz so optimistischen Wachstumsaussichten wichtiger Technologiefirmen für das vierte Quartal die Stimmung an den Märkten belaste

Wall Street erneut schwach

Die amerikanischen Aktienmärkte haben auch unter den anhaltenden Unsicherheiten um die US-Präsidentschaftswahl und Ertragssorgen im Wachstumsbereich gelitten und waren erneut schwach. Der Dow Jones lag bei Handelsschluss in Europa rund ein halbes Prozent im. Der NASDAQ verlor rund zweieinhalb Prozent.

Händlern zufolge sind noch immer die unentschiedene US-Präsidentschaftswahl sowie anhaltende Sorgen des Marktes über die Ertrags- und Wachstumsperspektiven der Technologieunternehmen Ursachen für die schlechte Stimmung. Zusätzlich hatte das Oberste Gericht in Florida am Vorabend entschieden, die Ergebnisse der Handauszählungen in die US-Wahlentscheidung mit einzubeziehen. Händlern zufolge bringe die damit zusammen hängende Verzögerung den Märkten anhaltende Unsicherheit.

Europabörsen unter massivem Druck

Schließlich zeigten sich die Europäischen Aktienmärkte unter erheblichen Verkaufsdruck. Nur Wien konnte sich mit einem relativ geringen Minus von 0,2 Prozent gut aus der Affäre ziehen. Dahingegen büßten die übrigen Märkte zwischen jeweils 1,7 Prozent in Mailand und Zürich bis zu 3,6 Prozent in Madrid ein. Der CAC 40 in Paris verlor 2,2 Prozent und der AEX in Amsterdam um 2,4 Prozent an Boden. Der FT SE 100 in London schwächte sich sogar um 2,5 Prozent ab.

Euro unter 85 US-Cent

Die Nachwehen der Veröffentlichung des ifo- Geschäftsklimaindex vom Dienstag und die andauernde Unsicherheit über den Wahlausgang in den USA haben am Mittwoch den Euro deutlich unterhalb von 0,85 US-Dollar gehalten. Bei Handelschluss in Europa notierte die Gemeinschaftswährung bei 0,845 Dollar.

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