Neuer Markt "Börse ist nur Psychologie"

Der Kursabsturz der Wachstumswerte lässt sich mit fundamentalen Daten nicht erklären. Die derzeitige Verkaufswelle wird auch von psychologischen Faktoren ausgelöst. Der Markt braucht wieder Sichterheit.

Frankfurt am Main - Am Neuen Markt ist am Mittwoch ein Ende des Tals der Tränen nicht in Sicht. Mit Ausnahme von einem Tag war das Barometer bereits den gesamten November auf Talfahrt.

Händler gaben sich skeptisch zu etwaigen Unterstützungslinien. Institutionelle Anleger bescherten dem Markt eine Verkaufswelle, während die Nachfrage fast völlig erlahmt sei. Zusätzlich wirke sich das Wahlgerangel in den Vereinigten Staaten psychologisch negativ aus.

Die US-Wahl zieht die Börsen nach unten

Zuvor hatte das Oberste Gericht von Florida hat im Streit um die US-Präsidentenwahl zu Gunsten des Demokraten Al Gore entschieden. Die umstrittenen Handzählungen können fortgesetzt und in das Endergebnis einbezogen werden, urteilte das Gericht am Mittwochmorgen (deutsche Zeit). Damit bleibt weiter offen, wer neuer Präsident der USA wird.

"Das kann man schon als Schock bezeichnen," sagte Dirk Bach von der DG Bank. Er sprach, ebenso wie sein Kollege Steffen Krautwald von M. M. Warburg, von einem Käuferstreik. Die charttechnischen Unterstützungslinien sind für Bach weg gebrochen.

Je nach Entwicklung der Vorgaben aus Übersee sieht er ein Potenzial von zehn Prozent. Fundamental indes sei der Markt auf vertretbarem Niveau, gäbe es derzeit nicht das allgemeine Misstrauen gegen High-Tech-Werte.

"Börse ist nur Psychologie"

Auf die politische Situation in den Vereinigten Staaten angesprochen, sagt er "Börse ist nur Psychologie." Und am volatilen Neuen Markt fielen denn auch Über- sowie Untertreibungen besonders stark aus.

Denn in den Vereinigten Staaten bahnt sich offensichtlich kein fundamentaler politischer Wechsel an. "Moderate Leute" dürften nach Einschätzung von Christian Tuschhoff, Forschungsdirektor am Aspen-Institut in Berlin, wichtige Rollen spielen. Der Wissenschaftler begründet dies mit den komplizierten Mehrheitsverhältnissen im Kongress.

"Der Wirtschaft kommt es vor allem auf Sicherheit an," sagt er weiter. So lange diese nicht gegeben ist, wird der psychologische Druck auf den Märkten möglicherweise weiter gehen. Tuschhoff erwartet eine endgültige Entscheidung über den neuen US-Präsidenten bis zum 12. Dezember.

Ein anderer Händler wies darauf hin, dass der Markt sich weitgehend selber überlassen bleibe, da keine Unternehmenszahlen mehr anstünden. Daher würden die lange überbewerteten Titel deutlich "eins auf die Mütze" bekommen.

Das Geld geht "raus aus dem Markt"

Somit scheint akut nichts den Mittelabfluss zu stoppen: "Das Geld geht raus," sagte Karsten Rahlf von der Vereins- und Westbank aus Hamburg.

"Es sprudelt wie aus Gießkannen," sagte sein Kollege Krautwald und spielte damit auf die derzeitige Verkaufsflut an. Kaum habe der Markt angesichts regelmäßig gefallener Stop-Loss-Marken einen Schub abgearbeitet, folge schon der nächste.

Stop-Loss-Marken sind von Anlegern definierte Tiefstände, zu denen automatisch Aktien verkauft werden.

Eine Entwicklung, die offensichtlich von der Jahreszeit unterstützt wird. Krautwald berichtet von Spezialfonds, die zum Jahresabschluss schlecht laufende Werte abstießen.

Fondsmanager verkaufen anfällige Werte

"Window-dressing" heißt diese Art von Kosmetik unter Börsianern. So haben sich in den letzten Tagen die Anzeichen vermehrt, dass die Fondsmanager verstärkt Kapital von den schwankungsanfälligen Wachstumswerte abziehen und dieses dann in defensive Titel investieren.

Rahlf ist jedoch nicht vollends negativ gestimmt: "Der Markt ist für Überraschungen gut." Was das jedoch perspektivisch bedeute, ließ er offen. Kurzfristig versteht er jedoch ein nicht ganz so großes Minus darunter.

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