US-Wahl Herber Schlag für den Vizepräsidenten

Das Urteil des Obersten Gerichtshofs in Florida war für den Demokraten Al Gore der Beginn eines Rennens gegen die Zeit. Die erste Runde hat er verloren. George W. Bush will jetzt vor den Obersten Gerichtshof der USA ziehen.

Washington - Die Republikaner wollen einem bericht des Fernsehsenders CNN zufolge damit die Einbeziehung der Handauszählungen im US-Bundesstaat Florida anfechten.

Am Dienstag hatte der Oberste Gerichtshof von Florida entschieden, dass die manuell nachgezählten Stimmen in Florida berücksichtigt werden müssen.

Danach sollten bis zum Sonntag, spätestens Montag die Ergebnisse der Handzählungen vorliegen. Der Druck durch die kurze Frist war so groß, dass der Bezirk Miami-Dade am Mittwoch aufgab und die Zählungen der 654 000 Stimmen ganz einstellte. Für Gore stellte dies einen herben Schlag dar.

Die Demokraten kündigten sofort rechtliche Schritte an, um den Bezirk zur Auszählung zu zwingen. Miami-Dade hatte erst am Montag mit der Zählung begonnen, und dort hatte Gore auch auf die meisten Stimmen gehofft.

Gore holte weiter auf

Nach der Handauszählung von knapp 20 Prozent der Stimmen konnte er bis Mittwochvormittag bereits knapp 160 Stimmen zulegen. Der Stimmengewinn für Gore, der durch den Ausstieg wieder hinfällig wurde, war bereits genau so hoch wie in den beiden anderen demokratischen Hochburgen Palm Beach und Broward zusammen.

In Palm Beach und Broward waren die Zähler schon deutlich weiter, aber auch hier mussten sie stets mit neuen Unterbrechungen durch neue Hindernisse oder weitere Klagen rechnen.

Wahlhelfer fühlen sich durch Richter bestätigt

Das Urteil der Obersten Richter Floridas war für die Wahlhelfer, die in den letzten Tagen immer wieder verspottet oder offen angefeindet worden waren, in dem ganzen Chaos eine willkommene Rechtfertigung für ihre mühselige Arbeit gewesen.

Der Chef der Wahlkommission in Palm Beach, Charles Burton, erklärte: "Es ist schön, dass das Oberste Gericht uns einstimmig bescheinigt, dass wir das Richtige machen." Er äußerte sich zuversichtlich, dass die Auszählung rechtzeitig beendet werden könne.

Einige Beobachter hatten dies allerdings bereits vor der Entscheidungs Miami-Dades angezweifelt. In ihrem Urteil hatten die Richter einen sehr engen Zeitrahmen gesetzt, und dabei nicht einmal das für die Amerikaner wichtigste Familienfest Thanksgiving berücksichtigt.

Viele nach der tagelangen Nerven aufreibenden Arbeit völlig erschöpften Zähler hatten sich bereits für das Wochenende verabschiedet.

Motivierte Zähler gesucht

Für Vizepräsident Gore kommt es jetzt darauf an, möglichst viele Helfer zu mobilisieren. Sollte er es nicht schaffen, Bushs Vorsprung aufzuholen, droht ihm neben der Niederlage auch noch schwerer politischer Schaden. Er stünde als derjenige da, der die unglaubliche Schlacht um Florida völlig umsonst entfachte.

Die Demokraten begannen deshalb bereits, selbst im weit entfernten Washington nach Freiwilligen zu suchen. Vor allem junge Mitarbeiter der demokratischen Kongressabgeordneten wurden an die Auszählungsfront nach Florida gerufen.

Erschwerend in dem Rennen gegen die Zeit kommt hinzu, dass die Obersten Richter keine verbindlichen Regeln dafür festlegten, welche Wahlzettel nun berücksichtigt werden müssen. Der Hauptstreit dreht sich dabei um die "eingedrückten" Wahlkarten.

Hier hatten die Wähler die in Florida übliche Lochkarte bei der Abstimmung nicht richtig durchstochen, sondern das Feld für den Kandidaten nur eingedrückt.

Während die Demokraten die Anerkennung dieser Stimmen vor Gericht erzwingen wollen, weil sie sich hier eine besonders große Ausbeute erwarten, kämpft das Bush-Lager erbittert dagegen. Die Republikaner sehen darin eine willkürliche Interpretation der Absicht des Wählers.

Bush enttäuscht vom Urteil

Ihr Kandidat Bush hat sich in einer ersten Erklärung nach dem Gerichtsentscheid zu Gunsten seines Rivalen Gore enttäuscht ausgedrückt. Er warf dem Obersten Gericht in Florida am Mittwoch vor, seine Kompetenz überschritten und das Wahlgesetz des Bundesstaates neu interpretiert zu haben.

Er wiederholte seine Kritik an der von den Demokraten geforderten Handauszählungen. Sie seien ungenau und unfair.

Bushs Sprecherin Karen Hughes hatte den Demokraten sogar vorgeworfen, das Wahlergebnis zu verdrehen und neu zu erfinden. Neue Klagen und Einsprüche gegen die Auszählung in den drei Bezirken waren damit programmiert.

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