US-Wahl CNN & Co. zelebrieren das Wahldrama

Dem journalistischen Waterloo der amerikanischen Fernsehsender in der Wahlnacht folgte eine überraschend schnelle Auferstehung.

Washington - Das seither andauernde Drama um die Präsidentschaft beschert ihnen ein so großes Thema, dass es hilft, die Schmach vom 7. November mit den falschen Siegerehrungen vergessen zu lassen.

Die Nachrichtenkanäle berichten seither im 24-Stunden-Rhythmus über das spannende Tauziehen um die Führung der Supermacht und haben dabei Zuschauerzahlen wie lange nicht mehr. Der Branchenführer CNN feiert sich sogar schon wieder selbst: "Wieder einmal ist es CNN", lautete die Schlagzeile ganzseitiger Zeitungsanzeigen der Nachrichtenfabrik aus Atlanta, die sich in diesen Tagen "Amerikas Wahlhauptquartier" nennt.

Eine Geschichte ohne Sex und Gewalt

Die Verantwortlichen der Sender sind geradezu elektrisiert von dem Geschehen in Florida. "Diese Geschichte hat einfach alles", sagt Erik Sorenson, Vizepräsident des Kabelsenders MSNBC. "Sie ist wichtig und spannend. Es ist eine saftige Geschichte, aber es geht nicht um Sex oder Gewalt."

Anders als bei den von ähnlichem Fernsehwirbel begleiteten Ereignissen wie dem O.J. Simpson-Prozess, der Lewinsky-Affäre oder Schulschießereien müssen sich die Redaktionen keine moralischen Vorhaltungen über die Schürung und Ausbeutung von Sensationslust anhören.

"Es geht um sauberen, aggressiven politischen Machiavellismus", findet der Gastgeber der MSNBC-Talkshow "Hardball", Chris Matthews. Es ist sozusagen die tägliche, reale Version von "Westwing", der populären TV-Serie über den Alltag in einem fiktiven Weißen Haus.

TV-Sender kämpfen um die Rückgewinnung der Glaubwürdigkeit

Möglicherweise können die Fernsehanstalten in diesen Tagen etwas von der Glaubwürdigkeit zurück erwerben, die ihnen in der Wahlnacht abhanden gekommen ist. "Das Ergebnis ist endgültig: Wir haben verloren", überschrieb die "Washington Post" eine kritische Rückschau auf den Abend, an dem alle Fernsehsender zunächst Gore zum Sieger in Florida erklärten, dann Bush und schließlich niemanden mehr.

Umfragen zufolge glauben 53 Prozent der Amerikaner, das Fernsehen habe zu großen Einfluss auf die Politik. Dies gilt vor allem an Wahlabenden, wenn schon Sieger verkündet werden, während an der Westküste noch stundenlang gewählt wird.

Für die Berichterstattung über den Auszähl- und Prozesskrimi in Florida haben die Sender nun schon eine klare Konsequenz aus den Erfahrungen der Wahlnacht gezogen: Sie wagen keine Vorhersagen über den Ausgang mehr.

Die Sieger sind: Komiker und Kabarettisten

Es gibt im amerikanischen Fernsehen aber auch schon klare Gewinner des andauernden Wahldesasters. Komödianten und Kabarettisten haben Stoff wie noch nie, und Talkmaster wie David Letterman und Jay Leno wetteifern Abend für Abend vor einem Millionenpublikum um die treffendsten Bonmots zur Lage der Präsidentschaft.

Zum Beispiel über Dialoge beim Stimmenauszählen in Florida: "Hier hat einer für den Trottel gestimmt - ist das nun Bush oder Gore?" Oder: "Wir sollten extra vorsichtig sein, weil jede Stimme zählt - ha, ha, habe nur Spaß gemacht." Oder: "Weder der eine noch der andere ist Präsident. So kann es bleiben."

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