US-Wahl Der Wähler hat gesprochen, die Juristen haben das Wort

Der Kampf um das Weiße Haus ist längst zur Schlacht von Amerikas Top-Anwälten geworden. Die Präsidentschafts-Kandidaten Al Gore und George W. Bush haben Truppen von hochkarätigen Advokaten um sich geschart.

Washington - Nach der verwirrendsten Präsidentschaftswahl in der Geschichte der USA strömen Anwälte aus dem ganzen Land nach Florida, um bei den zahlreichen, immer unübersichtlicher werdenden Verfahren mitzuarbeiten.

"Who is Who" der US-Anwälte

Die Liste der Anwälte, die für Al Gore und George W. Bush arbeiten, liest sich dabei wie ein "Who is Who" der Branche.

Der jüngste Zugang im Gore-Lager ist einer der prominentesten Anwälte der USA: Der 59-jährige David Boies hatte auf Seiten der amerikanischen Regierung im Frühjahr das Kartellverfahren gegen Microsoft geführt und dabei den Software-Riesen in die Knie gezwungen.

Anschließend kämpfte er für die umstrittene Internet- Musiktauschbörse Napster gegen den einflussreichen Verband der amerikanischen Musikindustrie - und war dabei so erfolgreich, dass Bertelsmann den einstigen Feind kürzlich aufkaufte.

Boies wird ein fotografisches Gedächtnis und eine für amerikanische Anwälte ungewöhnliche Vorliebe für Anzüge von der Stange nachgesagt. Auch Gegner gestehen ihm eine brillante Verhör- und Befragungstaktik zu.

Deutlich wurde dies in einer Videobefragung des mächtigen Microsoft-Gründers Bill Gates, der plötzlich unsicher wie ein ertappter Schuljunge wirkte.

Zu den weiteren Staranwälten auf Seiten der Demokraten zählen der 59-jährige Lawrence Tribe, der als einer der Kandidaten für den Obersten Gerichtshof im Falle eines Gore-Sieges gilt, und Kendall Coffey.

Er hatte im Kampf um den kubanischen Flüchtlingsjungen Elian auf Seiten der Verwandten in Miami gegen Justizministerin Janet Reno gestritten. Ebenfalls auf Seiten der Demokraten steht Alan Dershowitz, der unter anderem O.J. Simpson vertreten hatte.

Republikaner begannen spät mit der Anwalts-Suche

Während die Demokraten bereits unmittelbar nach der Wahl begonnen hatten, die besten Anwälte anzuheuern, brauchten die Republikaner etwas länger. Auf ihrer Seite steht unter anderem der 60-jährige Theodore Olson - ein enger Freund des durch den Lewinsky-Skandal berühmt gewordenen Sonderermittlers Kenneth Starr, und der Wahlrechtsexperte Benjamin Ginsberg.

Um die Anwälte, die bis zu 500 Dollar pro Stunde verlangen, bezahlen zu können, haben beide Parteien bereits früh neue Spendensammlungen begonnen. Die Demokraten fungierten dafür bereits am 8. November ein ursprünglich als Siegesfeier geplantes Frühstück in Gores Hauptquartier in Nashville in eine Spendensammlung um und nahmen dabei drei Millionen Dollar ein.

Parteien brauchen viel Geld für ihre Advokaten

Die Republikaner brauchten ein wenig länger, setzten dann aber auf das schnelle Internet. In dringenden E-Mails baten sie um Spenden für ihren "Bush-Cheney- Nachzählfonds".

Beide Seiten müssen ihre Kriegskassen wohl noch weiter auffüllen, denn die Liste der Klagen und Gegenklagen wird immer unübersichtlicher. So stehen Klagen der Republikaner an, die Handnachzählungen generell verbieten lassen wollen.

Die Demokraten ihrerseits unterstützen Klagen, um eine Verlängerung der Abgabefrist für die Wahlergebnisse zu erreichen. Dann geht es unter anderem auch darum, welche Stimmzettel gezählt werden - etwa solche, in denen die Lochkarten nicht durchlöchert wurden, sondern nur eine "Grübchen" haben.