US-Wahl Jeder gegen jeden

Katherine Harris, Innenministerin Floridas, spricht Tacheles. Sie will keine Handnachzählungen mehr. Nach Auswertung der Brief-Wahlen soll der neue Präsident am Sonnabend feststehen.

Tallahasse - Derzeit führt George W. Bush mit 300 Stimmen. Aber auch wenn das Ende der Wahl in Sicht ist, der Streit um Handnachzählungen scheint endlos. Der republikanische Präsidentschaftskandidat George W. Bush lehnte am Mittwoch (Ortszeit) einen Vorschlag seines demokratischen Kontrahenten Al Gore ab, alle Stimmen in dem entscheidenden Bundesstaat Florida nochmals per Hand zählen zu lassen.

Gore bestand darauf, dass zumindest die von den Demokraten in drei Bezirken Floridas anberaumten Handnachzählungen der Stimmen in das Endergebnis einfließen. Dies lehnte die republikanische Innenministerin Floridas, Katherine Harris, jedoch ab. Harris sagte, das Ergebnis der Wahl werde nun nach Berücksichtigung der Briefwahlstimmen aus dem Ausland am Samstag feststehen.

Bush spricht mit Gore erst nach der Wahl

Bush sagte in Austin, Gore setze mit seinem Vorschlag sein bisheriges Vorgehen lediglich fort. Die Nachzählungen per Hand würden dazu führen, dass die Stimmen in Florida unterschiedlich ausgewertet würden. Dies wäre weder fair noch genau, sondern willkürlich und chaotisch.

"Der Ausgang der Wahl wird bestimmt durch die Stimmen und durch das Gesetz", sagte Bush. Er lehnte zugleich ein von Gore vorgeschlagenes baldiges Treffen ab. Er würde sich freuen, Gore zu treffen, aber erst nach der Entscheidung der Wahl, sagte Bush.

Gore hatte zuvor in Washington erklärt, die Handauszählungen der Stimmen in den als Hochburgen der Demokraten geltenden Bezirken Palm Beach, Broward und Miami-Dade müssten auf jeden Fall abgeschlossen und in dem Endergebnis berücksichtigt werden. Er würde auch einer Nachzählung aller Stimmen Floridas per Hand zustimmen, falls Bush dies bevorzuge, sagte Gore. Er fügte hinzu, danach das Ergebnis akzeptieren und nicht juristisch anfechten zu wollen.

Beweise reichen nicht für Handnachzählungen

Er gehe davon aus, dass die Zählung innerhalb von sieben Tagen nach Beginn beendet werden könne, wenn es keine weiteren Unterbrechungen gebe. "Dies ist die Zeit, jeden Wähler und jede Stimme zu respektieren", sagte Gore.

Die Demokraten haben Unregelmäßigkeiten bei der Wahl vom 7. November geltend gemacht und erhoffen sich von den Nachzählungen in den drei Bezirken den Sieg für Gore.

Harris lehnte die Berücksichtung der Handnachzählungen aus Palm Beach, Broward und Miami-Dade am Mittwoch ab. Sie sagte in Tallahassee, die Bezirke hätten keine ausreichenden Beweise dafür geliefert, warum die ursprünglichen Ergebnisse der Präsidentenwahl ergänzt werden sollten. Die Bezirke hatten zuvor ihre Begründungen eingereicht, für die Harris ihnen eine Frist bis Mittwoch 20 Uhr MEZ gesetzt hatte.

Demokraten nennen Harris "unbesonnen"

Die Bezirke erklärten Harris zufolge, Stichproben hätten gezeigt, dass bei der ursprünglichen Auszählung Fehler gemacht worden seien. Gores Wahlkampfberater William Daley bezeichnete die Erklärung von Harris als "unbesonnen und überstürzt". Er kündigte an, die Entscheidung vor einem Bundesgericht in Florida anzufechten.

Der Oberste Gerichtshof in Florida hatte am Mittwoch einen von Bushs Mannschaft unterstützten Antrag Harris' abgewiesen, die Handnachzählungen zu stoppen.

Das Ergebnis der US-Präsidentenwahl soll nach Angaben von Harris nun am Samstag nach Auszählung der rund 4000 Briefwahl- Stimmen in Florida feststehen. Die Briefwähler aus Florida - vor allem Soldaten und Beamte im Auslandseinsatz - hatten bei früheren Wahlen mehrheitlich für den republikanischen Kandidaten gestimmt.

In diesem Jahr versprechen sich die Demokraten jedoch einen Vorteil von den Briefwahl: Sie hoffen auf die Stimmen der in Israel lebenden US-Bürger, die mit dem jüdischen Kandidaten der Demokraten für das Amt des Vize-Präsidenten, Joseph Lieberman, sympathisieren. In Israel sollen rund 4000 Bürger aus Florida leben.