Bertelsmann Boykottaufruf aus der Szene

Der Medienriese ist bei Napster eingestiegen, um von der Bekanntheit und den Millionen Nutzern zu profitieren. Doch die Napster-Fans rufen zum Boykott auf und die Musikindustrie will nicht auf die Klage gegen die Musiktauschbörse verzichten.

Frankfurt/Main - Wenn sich ein lästiger Konkurrent nicht verdrängen lässt, sollte man ihn am besten kaufen. Die überraschende Allianz des Medienkonzerns Bertelsmann mit dem umstrittenen Datentauschnetz Napster hat ein geteiltes Echo ausgelöst. Manager mehrerer US-Musikvermarktungsfirmen begrüßten die Bereitschaft von Napster, künftig Tantiemen an die Inhaber der Urheberrechte abzuführen.

Napster-User protestieren

In der Napster-Szene löste die Zusammenarbeit einen Sturm der Entrüstung aus. Vom Boykott und Ende von Napster ist die Rede. "Zurück in den Untergrund", heißt es in einem Beitrag. Andere sagen "Gnutella wird die Zukunft sein" oder rufen zu Protest-E-Mails an den Chef der Bertelsmann eCommerce Group, Frank Sarfeld, auf. "Die Zahl der Nutzer wird schrumpfen", prophezeit ein Schreiber, ein anderer meint, "es gibt genug Dateien im Netz, wir brauchen dafür nicht zahlen".

Andere Stimmen mahnen zur Gelassenheit: "Ob sich die Nutzer von Napster mit der Club-Geschäftsphilosophie von Bertelsmann anfreunden, muss man abwarten", auch ist von einem "vernünftigen Kompromiss" die Rede, der allen entgegenkommen dürfte.

"Napster hat immer noch einen Server zwischen den Usern und somit auch einen Angriffspunkt für die Plattenindustrie Gegen einen geringen monatlichen Beitrag, der zusätzlich noch andere Vorteile bietet und humane Kündigungsfristen beinhaltet, hat sicher niemand etwas einzuwenden." Mit Napster habe "etwas begonnen, was niemals sterben wird. Lasst uns das nicht vergessen!"

RIAA will Klage nicht zurückziehen

Der Verband der amerikanische Musikindustrie RIAA erklärte, dass er zwar die Allianz begrüßt, die laufende Klage gegen Napster wegen Verletzung von Urheberrechten wird aber nicht zurückgezogen. Die Vorsitzende des RIAA, Hilary Rosen, sagte: "Es liegt noch einiges an Arbeit vor uns." Sie verwies darauf, dass wichtige Fragen noch unbeantwortet seien. So sei noch nicht geklärt, ob die über Napster verbreitete digitale Musik künftig verschlüsselt werde und damit vor dem unkontrollierten Kopieren geschützt sei.

Urteil soll demnächst fallen

Annähernd zwei Millionen Musiktitel im MP3-Format standen bei Napster zum Download zur Verfügung. Ein großer Teil davon ist urheberrechtlich geschützt - ihre Bereitstellung zum allgemeinen Download mithin rechtswidrig. Darauf weist die Zugangssoftware von Napster auch ausdrücklich hin: "Die Einhaltung der Copyright-Gesetze liegt in Ihrer Verantwortung."

Doch darum haben sich viele Benutzer nicht weiter gekümmert: Gibt man im Napster-Suchfenster die Namen aktueller Popgruppen ein, so wird fast alles aufgelistet, was die Musikindustrie im Angebot hat. Der Verband der amerikanischen Tonträgerindustrie (RIAA) setzte denn auch alle rechtlichen Mittel gegen das in San Mateo ansässige Unternehmen ein. In den nächsten Wochen soll ein Urteil fallen.

Kostenpflichtiges Abosystem

Mit diesem Damokles-Schwert vor Augen hat sich Napster eineinhalb Jahre nach seiner Gründung durch den Studenten Shawn Fanning unter den Schutz eines starken Partners begeben. Die Bertelsmann Music Group (BMG) unterstützt Napster finanziell beim Aufbau eines kostenpflichtigen Abonnementsystems, das unter anderem den vollständigen Katalog der digitalen Musiktitel von BMG zur Verfügung stellt.

Mit dem Start dieses Dienstes lässt BMG seine Klage gegen Napster fallen. Zugleich löst Bertelsmann so auch mit einem Schlag das Problem, dass die Internet-Nutzer bisher kaum eine Möglichkeit hatten, bei den Großen der Musikindustrie ebenso bequem einzelne digitale Songs zu beziehen wie bei Napster. Fraglich ist allerdings, ob die BMG-Konkurrenten und anderen vier Kläger gegen Napster - Sony, Warner, EMI und Universal - der Einladung folgen, sich an dem neuen Projekt zu beteiligen.

Middelhof klopft sich auf die Schulter

"Napster hat dem Musikvertrieb eine neue Richtung gewiesen", erklärte Bertelsmann-Vorstandschef Thomas Middelhoff, "und wir glauben, dass dies die Grundlage für bedeutende und aufregende neue Geschäftsmodelle bilden wird."

Der Erfolg der Allianz mit der Bertelsmann eCommerce Group (BeCG) wird wohl entscheidend davon abhängen, wie viele der mehr als 37 Millionen Napster-Nutzer die Umwandlung des Dienstes mitmachen. Umfragen zufolge soll die Bereitschaft für die Zahlung einer Abonnementsgebühr durchaus vorhanden sein. Allerdings erwarten die Nutzer dann auch, dass sie die Musikdateien auch auf Geräte wie MP3-Player übertragen können und nicht von strikten Verschlüsselungstechniken daran gehindert werden.

Ein Sprecher der Bertelsmann eCommerce Group erklärte, dass die Beteiligung des Medienkonzerns wahrscheinlich ein Mehrheitsanteil sein werde. Der Name Napster soll auch nach einer Mehrheitsübernahme auf jeden Fall erhalten bleiben, da er mittlerweile zu einem Markenzeichen mit einem eigenen Marketingwert geworden sei.

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