China Steiniger Weg in die E-Zukunft

Optimistische Prognosen versprechen China rosige Aussichten im Internet-Business. Bislang bleiben die Umsätze der chinesischen Web-Portale jedoch weit hinter den Erwartungen zurück.

San Francisco - Seit Monaten bescheinigen verschiedene Prognosen dem Reich der Mitte eine blühende Online-Zukunft. So sollen etwa bis im Jahr 2003 45 Millionen der 1,25 Milliarden Chinesen im Internet surfen. Im E-Commerce werden einer BDA-Studie zufolge bis 2004 Umsätze in Höhe von 4,8 Milliarden US-Dollar erwartet.

Die harte Realität der chinesischen New Economy sieht jedoch sehr nüchtern aus: Bislang nutzen nur etwa 12 Millionen Chinesen das Internet, und auch die Umsätze der Internet-Companys nehmen sich nur spärlich aus. Angaben des Consulting-Unternehmens Merrill Lynch zufolge werden Chinas drei führende Web-Portale, Sina.com, Sohu.com und Netease.com, dieses Jahr zusammen gerade mal 1,4 Millionen US-Dollar im E-Commerce umsetzen. Über Online-Werbung sollen die drei Web-Firmen magere 25,5 Millionen US-Dollar erwirtschaften.

Surfer wollen kein Geld ausgeben

Dabei beklagen sich die chinesischen Marktführer nicht einmal über mangelnde Besucherzahlen. Vielmehr macht der Web-Ökonomie zu schaffen, dass bislang nur die wenigsten Surfer gewillt sind, online Geld auszugeben. Sina.com, das erfolgreichste chinesische Portal, konnte etwa Angaben seines Chief Operating Officers Daniel Mao zufolge im letzten Quartal nur 2,5 Prozent des Umsatzes über sein E-Commerce-Angebot erwirtschaften.

Die chinesischen Top-Dot-Coms trösten sich derweil damit, dass der E-Commerce-Sektor noch völlig in den Kinderschuhen steckt. Die Hälfte der User ist seit höchstens sechs Monaten online, und auch Kreditkarten sind im Riesenreich nur wenig verbreitet. Zunächst sei es deshalb erst einmal wichtig, die neuen Web-Nutzer als Kunden zu gewinnen, erklärte jüngst etwa ein Netease-Sprecher.

Online-Werbung lässt zu wünschen übrig

Entsprechendes gilt auch für die Online-Werbung. Ein chinesisches Web-Unternehmen kann sich Angaben der Internet-Werbeagentur Doubleclick Asia zufolge glücklich schätzen, wenn auf 10 bis 15 Prozent seiner Sites Werbung gebucht wurde – in den USA werden zum Vergleich durchschnittlich 40 bis 60 Prozent der Online-Angebote mit Anzeigen belegt.

Investoren wollen inzwischen allerdings mehr als nur hohe Traffic-Zuwachsraten auf den Websites sehen und kehren chinesischen Online-Unternehmen immer öfters den Rücken. “Es besteht eine völlig falsche Erwartungshaltung”, erklärte Billy Ho, Manager des Core Pacific Hong Kong Fund, gegenüber dem "Wall Street Journal". "Die Investoren werden sehr intolerant und verlangen Ergebnisse, die in den nächsten ein bis zwei Jahren sowieso noch nicht vorzuweisen sind. Die Stimmung ist komplett umgeschlagen."

Pekings Kurs verschreckt Investoren

Nicht zuletzt verschreckt auch Pekings äußerst zwiespältiger netzpolitischer Kurs potenzielle Kapitalgeber. Auf der einen Seite werden Hightech-Vorzeigeprojekte massiv gefördert, auf der anderen sorgt die Kommunistische Partei mit spektakulären Aktionen gegen das Online-Business immer wieder für Negativschlagzeilen – so etwa mit der Schließung zahlreicher Internet-Cafés oder der Zensur regimekritischer Websites. Erst Anfang des Monats hat die Regierung neue Vorschriften erlassen, die eine noch strengere Web-Kontrolle gewährleisten sollen.

Jochen A. Siegle, San Francisco

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