Kommentar Spätes Erwachen

Jahrelang hat Bertelsmann das Musikgeschäft im Web verschlafen. Mit dem Einstieg bei der Online-Musiktauschbörse Napster ist der Medienriese endlich aufgewacht, meint mm-Redakteurin Alexandra Knape.

Hamburg - Ein Aufschrei ging durch die Musikindustrie, als die Online-Musiktauschbörse Napster an den Start ging. Plötzlich war sie da und wurde zu dem schnellst wachsenden Angebot, das die Internet-Geschichte bisher zu bieten hat.

Die großen Musikunternehmen wirkten wie gelähmt. Überzeugende eigene Konzepte für den Web-Vertrieb fehlten. Hilflos mussten die Plattenmultis zusehen, wie Dateien mit ihren Musikstücken durch das Netz flossen, ohne dass sie daran verdienten. Die Versuche, selbst im Internet-Musikgeschäft Fuß zu fassen, blieben kläglich.

Um so folgerichtiger wirkt der Schachzug von Bertelsmann, sich nun aus Mangel an eigenen Ideen eine der erfolgreichsten Online-Plattformen anzueignen. Getreu dem Motto: Verleibe dir ein, was du selbst nicht besser kannst.

Einer millionenschweren Werbekampagne gleich hatte jeder Bericht über den Feldzug der Musikindustrie gegen Napster die Popularität des US-Unternehmens gesteigert. Rund 37 Millionen Nutzer haben sich inzwischen registriert. Ein Wert, der für Bertelsmann kaum hoch genug einzuschätzen ist; zumal es sich um äußerst aktive Internet-Nutzer und damit potenzielle E-Commerce-Kunden handelt.

Rund drei Viertel der Napster-Nutzer sind laut Andreas Schmidt, dem Chef der Bertelsmann eCommerce Group, bereit für Musikstücke zu zahlen, wenn diese legal und in guter Qualität angeboten würden. Hieraus will er Kapital schlagen.

Ob sich die Millionen Napster-Nutzer tatsächlich so einfach in die Tasche greifen lassen, bleibt fraglich. Immerhin gibt es nicht nur Napster - auch Gnutella und Co. bieten den Nutzern den kostenlosen Download von Musik-Dateien an. Die Napster-Fans könnten zu diesen Angeboten abwandern und damit würde Bertelsmann erneut in die Röhre gucken.

Alexandra Knape

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