Axel Springer "Gossen-Goethe" wird Springer-Edelfeder

Nun ist es amtlich: Franz Josef Wagner verliert seinen Posten an der Spitze der Berliner "B.Z.". Er wird allerdings nicht den Springer-Verlag verlassen, sondern in dem Haus als Chefkolumnist eine Art Edelfeder.

Berlin - Wagner hatte vor zwei Jahren die Leitung der "B.Z." übernommen. Noch vor kurzem schrieb er in einer Kolumne in der "Welt am Sonntag": "Die Karrieren von heute zeigen alle ein und dieselbe Kurve: rapider anfänglicher Aufstieg, dann die Horizontale, allmählicher Abstieg bis zu den Tiefen des Scheiterns."

Dabei meinte er durchaus nicht sich selbst - Gegenstand seiner Betrachtung war die Berliner Schwimmerin Franziska van Almsick. Ein wenig vorteilhaftes Foto der Olympia-Teilnehmerin überschrieb er mit der Schlagzeile "Franziska van Speck - als Molch holt man kein Gold".

Die Leser tobten, die Telefonleitungen glühten und der Geschäftsführer der Berliner Boulevard-Zeitung, Harald Wahls, meinte: "Es ist jetzt eine Stelle auf unserem gemeinsamen Weg erreicht, wo ich nicht mehr mitgehen mag."

Es war aber nicht eine missglückte Titelseite, die ihn den Chefredakteursposten kostete. Wagner wurde zum Risiko, weil er den Draht zur Zielgruppe verlor. Er hätte wohl wissen müssen, dass seine Attacke gegen "Franzi" van Almsick auch bei anhaltender Erfolglosigkeit von den Berlinern nicht toleriert werden würde.

Das Personalkarussell drehte sich unter Wagners Führung immer schneller. Zuletzt gingen sein Stellvertreter, der stellvertretende Lokalchef, der gerade erst eingekaufte Redakteur für besondere Aufgaben, die Chefreporterin und die stellvertretende Nachrichtenchefin.

Am Ende war es auch die anhaltend abwärts weisende Auflagenkurve, die Wagners Ende bei der "B.Z." besiegelte: Bei 290.000 Exemplaren fing Wagner an, heute steht die Auflage bei unter 260.000 Exemplaren.

Die "Neue Mitte" Berlins, die schicken Restaurants, die Reichen, Schönen und Mächtigen hätten ihn fasziniert. Die eigentliche Leserschaft in den Arbeitervierteln des Berliner Westens hingegen sei ihm dauerhaft fremd geblieben. "Zu viel Gendarmenmarkt - zu wenig Neukölln" lautet der Befund. Seine Wortgewalt soll Wagner - in der Branche oft als "Gossen-Goethe" tituliert - jetzt in "neue Kolumnenformate für mehrere Zeitungen des Verlages" investieren.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.