Erbschleicherei Anschleichen, Abschotten, Abzocken

Aufrichtige oder geheuchelte Hilfe? Bei Erbschleicherei gehen die Täter immer dreister vor, sagt Volker Thieler, der mit seiner Stiftung gegen das hemmungslose Abkassieren bei älteren Menschen kämpft.
Das Interview führte Silke Gronwald
Erbschleicherei: Die Täter werden immer dreister

Erbschleicherei: Die Täter werden immer dreister

Foto: ORESTIS PANAGIOTOU/ picture alliance / dpa

Herr Professor Thieler, wie häufig ist Erbschleicherei?

Thieler: Die Zahlen steigen unaufhörlich, wir bekommen immer mehr Beschwerden. Und auch die Dreistigkeit hat zugenommen. Es lohnt sich ja auch. In Deutschland werden nach Schätzungen zwischen 250 und 400 Milliarden Euro im Jahr vererbt.

Und davon fallen wie viele Millionen Erbschleichern zu?

Die Dunkelziffer ist hoch. Viele Fälle werden ja gar nicht bekannt. Die Angehörigen schrecken vor Prozessen zurück, wollen die Sache einfach abhaken – auch emotional. Zumal die Aussicht auf Erfolg unsicher sind. Man hat das Prozess­kostenrisiko, muss die Anwaltskosten, die Gerichtskosten zahlen. Da sind dann schnell viele Tausend Euro zusammen. Und die Rechtsschutzversicherung übernehmen das in der Regel nicht. Viele Opfer befürchten nicht zu Unrecht, dass sie auf diese Weise dem entgangenen Erbe auch noch ihr privates Geld hinterherschmeißen.

Gibt es den typischen Erbschleicher, die typische Erbschleicherin?

Nein, Sie glauben gar nicht, was wir hier in der Stiftung alles erleben. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Da treten plötzlich Angehörige auf den Plan, die sich Jahrzehnte nicht gerührt haben, schwarze Witwen, die die Todesanzeigen in der Tageszeitung studieren und sich noch auf dem Friedhof an den Witwer heranmachen. Man findet Erbschleicher in allen Berufsgruppen, Pflegende, aber auch Anwälte, Steuerberater und Ärztinnen sind dabei. Und es sind Männer wie Frauen. Manche Erbschleicher schalten Annoncen, in denen sie mehr oder weniger unverblümt nach Opfern suchen. Da steht dann zum Beispiel: Attraktive 40-Jährige sucht älteren, solventen Herrn für gemeinsame Unternehmungen.

Wie erfahren Sie von solchen Fällen?

Ein Klassiker ist, dass mich eine Tochter oder ein Sohn anruft und sagt: »Mein Vater ist 92 und hat eine Dame kennengelernt, die ist 44, und nun ist er wie ausgewechselt. Er tut nur noch, was diese Frau sagt, er ist ihr völlig hörig. Ich komme überhaupt nicht mehr an ihn ran. Was soll ich machen?«

Und was kann ich dann tun?

Ich hatte neulich so einen Fall. Die Tochter lebte in Skandinavien, die Mutter in München. Die beiden hatten all die Jahre ein inniges, gutes Verhältnis, haben regelmäßig telefoniert und alles. Aber eines Tages erhielt die Tochter einen Brief von ihrer Mutter mit den wüstesten Anschuldigungen. Da stand dann: »Du hast mich beklaut, bestohlen, ich möchte von dir nichts mehr hören.« Da bin ich mit der Tochter voll in die Recherche reingegangen, um herauszufinden, wer überhaupt dahintersteckt. Und siehe da, es war der Nachbar. Er wollte sich das Grundstück der alten Dame unter den Nagel reißen. Die Tochter hat daraufhin ihre Mutter aus den Fängen des Nachbarn befreit und sie zu sich nach Dänemark geholt. Heute sind die beiden zufrieden und glücklich. Aber es ist oft sehr schwierig, überhaupt wieder an den alten Menschen heranzukommen, wenn er von einem Erbschleicher systematisch abgeschottet wird.

Gibt es ein klassisches Vorgehen? Wie schaffen diese Menschen es so schnell, so viel Einfluss und Macht über ihre Opfer zu gewinnen?

Vielfach »belagern« sie ihr potenzielles Opfer in dessen Wohnräumen regelrecht, ziehen dort ein, machen sich breit, zahlen aber keine Miete. Sie sind anfangs sehr hilfsbereit, fürsorglich, liebevoll und machen die betroffene Person emotional von sich abhängig. Man kann sich Erbschleicherei als einen Prozess vorstellen, bei dem sich der Erbschleicher quasi »hocharbeitet«. Anfangs ist er vielleicht im Vermächtnis nur mit einem kleinen Geldbetrag berücksichtigt. Am Ende hat er es zum Alleinerben geschafft.

Aber nicht jeder Mensch, der sich um einen anderen Menschen kümmert, ist ein Erbschleicher?

Wahrlich nicht. Es gibt sicher viele tolle Leute, die zu Recht ein Teil des Geldes bekommen. Man muss da schon eine Grenze ziehen. Für mich beginnt Erbschleicherei, wenn eine klare Absicht und Hinterlist dahintersteckt, etwa wenn der alte Mensch bewusst von seiner Familie isoliert wird. Wenn er manipuliert wird, wenn versucht wird, ihn abhängig zu machen. Ich spreche bei Erbschleicherei immer von den drei A. Also erst Anschleichen, dann Abschotten und am Schluss Abzocken

Versuchen Erbschleicher auch schon zu Lebzeiten an Geld und Güter heranzukommen?

Auf jeden Fall. Wenn ein Erbschleicher erst mal das Vertrauen seines Opfers gewonnen hat, dann schaut er umgehend, wo was zu holen ist. Eine beliebte Methode ist etwa, sich Dienstleistungen bezahlen zu lassen, die nie erbracht wurden, oder aber Mondpreise dafür zu verlangen. Ich hatte mal den Fall einer sehr wohlhabenden Frau, die lebte im Pflegeheim und bekam von einer Bekannten regelmäßig Milchreis gekocht. Hört sich ja erst einmal sehr nett an, aber die Bekannte hat sich diesen Dienst mit 20.000 Euro honorieren lassen. Viele Erbschleicher versuchen auch Blankounterschriften zu bekommen, etwa auf Überweisungsformularen. Und zu einem späteren Zeitpunkt, wenn sich der Erblasser nicht mehr wehren kann, wenn er zu schwach oder krank ist und keinen Überblick mehr hat, räumen sie die Konten leer. Oder aber es verschwinden wertvolle Gegenstände auf wundersame Weise aus der Wohnung, Gemälde, Schmuck, Goldbarren, Bargeld. So wird der Nachlass schon im Vorfeld Stück für Stück ausgehöhlt. Und für die Angehörigen ist es später meist ungemein schwierig, das nachzuweisen.

Warum sind gerade ältere Menschen so anfällig für Erbschleicherei?

Die Einsamkeit. Es ist ganz klar die Einsamkeit, verbunden mit dem Gefühl, immer schwächer zu werden. Viele haben ernsthafte Krankheiten. Und dann steigt die Angst vorm Alleinsein. Allein zu sterben, ist für die meisten von uns eine Horrorvorstellung. Und genau das wissen Erbschleicher, das ist ihr Einfallstor. Sie gehen dabei sehr manipulativ vor, spielen mit den Ängsten der alten Menschen. Sagen dann so Dinge wie: Schau mal, wenn ich nicht wäre, dann hättest du nichts zu essen und nichts zu trinken, keine Medikamente, keine Hilfe. Deine Kinder und Enkel interessieren sich ja gar nicht mehr für dich, aber ich lass dich nicht allein, ich bleibe bis zum Schluss an deiner Seite, auf mich kannst du jederzeit zählen.

Und je einsamer ein Mensch ist, desto empfänglicher wird er für die Einflüsterungen?

Ja, das ist ganz typisch. Und auch sehr menschlich. Insofern tragen natürlich die Familienangehörigen eine Mitverant­wortung. Wenn etwa ein Sohn zu mir kommt und klagt: »Hilfe, bei meiner Mutter ist ein Erbschleicher«, dann frage ich schon mal: Wie lange haben Sie denn Ihre Mutter nicht besucht? Deswegen sage ich auch immer: Kümmert euch mehr um eure Angehörigen! Sonst hat ein Erbschleicher leichtes Spiel. Doch oft sind die Angehörigen zunächst einmal ganz erfreut, wenn jemand auftaucht, der sagt: Ich helfe deiner Mutter, deinem Vater. Ich kümmere mich, kaufe ein, leiste Gesellschaft, gehe mit ihm oder ihr spazieren. Die meisten Angehörigen sind dann ganz begeistert, weil sie weniger Arbeit haben. Der Erbschleicher nimmt sich die Zeit, die die Angehörigen oft nicht haben. Er sitzt den ganzen Tag neben dem künftigen Erblasser, redet auf ihn ein, isoliert ihn immer ein bisschen mehr, macht ihm weis, dass seine Familie eh nichts mehr von ihm wissen will. Und irgendwann stellen die Angehörigen dann fest: Um Himmels willen, ich komme an meine Mutter, an meinen Vater gar nicht mehr ran.

Was sind typische Warnzeichen?

Wenn Sie die Telefongespräche mit einer ihnen vertrauten Person nicht mehr so führen können, wie gewohnt. Wenn die Telefonate plötzlich abgehackt, kurz und knapp sind. Dann können Sie davon ausgehen, der Erbschleicher steht hinter Ihrem Angehörigen und kontrolliert alles. Der nächste Schritt ist, dass Sie mit Ihren Anrufen gar nicht mehr durchkommen, dass Sie abgeblockt werden, dass die Post abgefangen wird. Spätestens dann sitzt der Betroffene in der Falle.

Wenn ich als Angehörige den Verdacht habe, da ist ein Erbschleicher an meinen Eltern dran – bringt es dann etwas, den Erbschleicher direkt mit meinem Verdacht zu konfrontieren?

Gar nix. Das verstärkt die Abschottung eher. In so einem Fall kann ich nur raten: hinfahren, Erbschleicher rausschmeißen und den Angehörigen am besten bei sich aufnehmen. Gute Worte helfen da nur selten. Da muss man schon tätig werden.

Was sind das für Menschen, die so etwas tun?

Erbschleicher sind nicht immer von Anfang an Erbschleicher, oft haben sie zunächst eine ganz normale Rolle, sind Pflegerin, Freund, Nachbar, Steuerberaterin, Anwalt des Betroffenen. Aber an einem gewissen Punkt, meist, wenn der künftige Erblasser gesundheitlich abbaut, »verwandelt» sich die Person in einen Erbschleicher.

Also »Gelegenheit macht Diebe«? Oder suchen sich Erbschleicher systematisch ihre Opfer aus?

Ich glaube, es gibt beides. Diese Geldgier, diese Raffzahnmentalität muss schon in der Persönlichkeitsstruktur drin sein. Im Prinzip ist es wie im normalen Geschäftsleben, da haben Sie auch solche und solche. Der Unterschied zu einem normalen Betrüger oder Dieb ist vielleicht, dass der Erbschleicher viel weniger Angst haben muss, erwischt zu werden.

Trotzdem braucht es doch eine gewisse Skrupellosigkeit, um die Hilflosigkeit der alten Menschen so auszunutzen?

Ja, es gehört schon die Mentalität eines Metzgerhundes dazu. Das gelingt vor allem Menschen, die kaum moralische Grenzen kennen. Einer der dreistesten Fälle, der mir in meinem Berufsleben untergekommen ist, ist der Fall des Millionärs Luxi. Georg Luxi stellte im Alter von 82 Jahren seiner damaligen Lebensgefährtin Maria S. eine Generalvollmacht aus. Von da an schaltete und waltete wie sie wollte. Nur wenige Wochen später übertrug sie seine sechs Doppelhaushälften und sein gesamtes Barvermögen auf sich. Luxis Töchter wollten eingreifen, aber plötzlich war ihr Vater wie vom Erdboden verschluckt. Die Töchter beauftragten mich und wir haben ihn dann gesucht, sogar übers Fernsehen in der Sendung »Aktenzeichen XY«. Erfolglos. Maria S. hatte Luxi nach Tschechien verschleppt, wie sich später herausstellte. Erst Monate später tauchte er im Krankenhaus Zwiesel wieder auf: unterernährt, mit Schürfwunden und geschwächt durch einen verspätet behandelten Schlaganfall. Maria S. hatte ihn dort einfach ausgesetzt. Die letzten Wochen seines Lebens verbrachte der ehemalige Millionär dann als Sozialfall in einem Pflegeheim.

Kann ich mich vor solchen Machenschaften schützen, indem ich rechtzeitig einer Person meines Vertrauens eine Vorsorgevollmacht erteile?

Ja, aber Sie sollten sich auf jeden Fall anwaltlich beraten lassen. Es gibt so viele Fallstricke, beispielsweise, wenn Sie eine Vorsorgevollmacht haben, die jederzeit widerrufbar ist. Dann kann sich der Erbschleicher einfach einsetzen lassen.

Aber das fällt mir doch auf …

Nicht unbedingt! Die Erbschleicherin legt Ihnen vielleicht einen Zettel zum Unterschreiben hin, sagt: Den brauche ich für die Apotheke, um Medikamente zu holen. Sie schauen vielleicht nicht so genau drauf, unterschreiben und schon ist die alte Vorsorgevollmacht, die vielleicht bei Ihren Kindern liegt, unwirksam – und keiner hat was mitbekommen. Es fällt den Kindern erst auf, wenn sie plötzlich nicht mehr zu Besuch kommen dürfen. Die meisten Besuchsverbote für Angehörige erleben wir tatsächlich über die Vorsorgevollmacht. Ganz typisch ist auch, dass ein Geschwisterteil sich plötzlich ganz rührend um Vater oder Mutter kümmert. Oft ist es dasjenige Kind, das immer eher benachteiligt war, im Leben vielleicht gescheitert ist, eher ein schwieriges Verhältnis zu den Eltern hatte und nun ganz eifrig tut, sich eine Vorsorgevollmacht geben lässt und die anderen Geschwister ausbootet. Das erlebe ich häufig.

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Gronwald, Silke, Siegert, Almut

"Achtsam (Ver-)Erben

Verlag: Independently published
Seitenzahl: 215
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Und was passiert dann?

Wenn im Rahmen einer Vorsorgevollmacht sogenannte Insichgeschäfte (Selbstkontraktion) zugelassen sind, kann sich der oder die Bevollmächtigte Immobilien und Vermögen schon zu Lebzeiten des Erblassers überschreiben. Da muss er niemanden fragen, sich mit niemandem abstimmen, nicht mal mit dem Erblasser. Und nach dem Tod gibt es dann nichts mehr zu verteilen. Gegen solche Aktivitäten, so schäbig sie sind, kann man später juristisch kaum noch vorgehen. Die anderen Kinder glauben häufig noch, sie hätten ja immerhin noch Anrecht auf ihren Pflichtteil. Aber: Es ist ja gar kein Erbe mehr da. Und der Pflichtteil von nichts ist eben nichts.

Was müsste sich ändern?

Man sollte Erbschleicherei auch in Deutschland unter Strafe stellen. Andere europäische Länder sind da weiter, da gibt es zum Teil eine andere Rechtsprechung. Sie haben zudem Schutzorganisationen, die sich für alte Menschen engagieren und helfen, solchen Missbrauch zu erkennen, zu benennen und zu verhindern.

Das Interview ist ein Auszug aus dem Buch: "Achtsam (Ver-)Erben": Von Geschwisterzwist, alten Rechnungen und ungerechten Testamenten - ein psychologischer Wegweiser durch die Untiefen des Erbens."  Darin beleuchten Therapeutinnen, Soziologen, Geschwisterforscher, Mediatorinnen und Fachanwälten für Erbrecht das schwierige Thema Erbschaft. Wie entstehen Erbschaftskonflikte, wie kann man sie vermeiden oder lösen? Wie beeinflussen narzisstische Persönlichkeiten eine Erbengemeinschaft? Wie schützt man sich vor Verbitterung? Was ist mein emotionales Erbe, das ich weitergeben (möchte)? Warum behandeln Eltern ihre Kinder ungleich? Was ist ein gerechtes Testament? Wann hilft Mediation – und wann nicht mehr?

Die Autorinnen: Silke Gronwald studierte Volkswirtschaft und arbeitet für den "Stern" als Reporterin. Almut Siegert hat ihren Uni-Abschluss im Bereich Ethologie, Volkskunde und Lateinamerikanistik gemacht und arbeitet nun als freie Journalistin in Hamburg.

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