Angriffsziel Deutschland Wie sich das Geschäftsmodell aktivistischer Investoren wandelt

Beim japanischen Unternehmen Toshiba könnten aktivistische Investoren bald im Aufsichtsrat mitmischen. Und auch in Deutschland sind solche Angriffe häufiger zu erwarten, vor allem in der Auto- und Energiebranche.
Dankbares Ziel: Aktivistische Investoren werden vermehrt in der Energiebranche erwartet

Dankbares Ziel: Aktivistische Investoren werden vermehrt in der Energiebranche erwartet

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Jochen Tack / imago images/Jochen Tack

Es war eine Meldung, die vergangene Woche für Aufsehen in der globalen Finanzwelt sorgte: Der angeschlagene Siemens-Rivale Toshiba beugt sich nach jahrelangem Streit offenbar seinen Angreifern. Im Vorfeld der Hauptversammlung im nächsten Monat hat der japanische Konzern mehrere externe Kandidaten für das Aufsichtsgremium vorgeschlagen – darunter auch zwei Abgesandte von aktivistischen Hedgefonds. Nachdem mehrere Restrukturierungsversuche des von Skandalen geschüttelten Konzerns gescheitert waren, dürften die aggressiv auftretenden Investoren damit ihrem Ziel ein Stück näher sein: Toshiba von der Börse zu nehmen.

Vor allem die US-Investmentfirma Farallon Capital Management, die über rund sechs Prozent der Toshiba-Aktien verfügt, will Toshiba seit Langem als privates Unternehmen weiterführen und so einen maximalen Gewinn aus ihrem Einsatz holen. Nun soll Eijiro Imai, Managing Director bei Farallon, ins Board ziehen. Und zusätzlich soll auch der von Paul Singer (77) geführte Hedgefonds Elliott einen Sitz erhalten: Nabeel Bhanji soll für den weltgrößten Aktivistenfonds künftig in dem Führungsgremium sitzen. Die Personalien gelten als möglicher Wendepunkt im Dauerkonflikt um einen der bekanntesten Industriekonzerne der Welt. Und als Teil der neuen Strategie der Investoren.

Einmal mehr richtet sich damit aber auch der Blick auf das Geschäftsmodell der Aktivistenfonds. Üblicherweise versuchen sie, über den Erwerb kleinerer Aktienpakete Einfluss auf Management und andere Investoren zu gewinnen – zur Not, indem sie den Vorstand öffentlich unter Druck setzen. Die Liste der Elliott-Opfer beispielsweise ist lang, in Deutschland mischte der Hedgefonds bei Thyssenkrupp oder bei Bayer mit. Auch bei der Fusion der Immobilienkonzerne Vonovia und Deutsche Wohnen klinkte sich Elliott ein. Gerade erst war der potenzielle Toshiba-Aufseher Bhanji wieder in Deutschland unterwegs, um nach Geschäftschancen zu suchen.

64 Unternehmen sind "äußerst gefährdet"

Deutschland, das zeigt eine Studie der Boston Consulting Group (BCG), ist aktuell ein lukrativer Markt für aktivistische Investoren. BCG-Partner Rüdiger Wolf hat dafür mit Co-Autor Johannes Burkhardt 430 Unternehmen untersucht, die jeweils eine Marktkapitalisierung von mindestens 100 Millionen Euro und einen Streubesitz von mindestens fünf Prozent aufweisen. "Wir haben zum Beispiel untersucht, ob ein Aktienkurs den Zielen der Aktivisten entspricht und wie hoch die Verschuldungsquote innerhalb der Kapitalstruktur ist", sagt Burkhardt. Ihr alarmierendes Ergebnis: Derzeit sind 64 Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz "äußerst gefährdet", einen Angriff zu erleben.

Aktivistische Hedgefonds werden in der Regel von schwächelnden Aktienkursen oder strukturellen Problemen in den Unternehmen angezogen. Anders als in den USA sei die Performance hingegen "nicht einer der primären Faktoren", so Burkhardt. Die Coronapandemie habe gezeigt, wie leistungsfähig viele Unternehmen trotz Krise geblieben seien. Die Aktivisten würden darum eher auf die Kapitalstruktur und Finanzierungspolitik der Firmen schauen.

Die Unternehmensstrategie sei dann eine der größten Angriffsflächen, so Burkhardt. Viel eher als auf höhere Dividenden oder Aktienrückkäufe würden Aktivisten den Fokus auf Führungsstärke legen und eine Straffung der Geschäftsbereiche fordern. "Zwar ist die Anzahl neuer Attacken gleich geblieben, die Anzahl bestehender Beteiligungen hat sich jedoch stetig erhöht", sagt Wolf. Dies zeige, dass viele Aktivisten langfristige Strategien verfolgen würden.

Auch Elliott übernimmt mittlerweile in einigen Unternehmen eine längerfristige Rolle ein. Neu ist etwa, dass der Fonds nun wie bei Toshiba selbst Abgesandte in Gremien schickt oder sogar gemeinsam mit anderen Investoren Unternehmen von der Börse nimmt. In einem solchen Fall bleibt der Hedgefonds in einem Konsortium so lange dabei, wie das Ziel-Unternehmen auf Wert getrimmt wird. Die Logik dahinter: Bei einem Verkauf ein paar Jahre später wollen die Aktivisten dann noch mehr verdienen.

Weniger Angriffe in der Öffentlichkeit

Wie sich das Bild der klassischen Hedgefonds-Aktivisten verändert hat, zeigt sich auch in der BCG-Studie. "Zunehmend beobachten wir auch Asset Manager, die sich in die Unternehmensführung einmischen", sagt Autor Wolf. Besonders sogenannte ESG-Themen seien dabei relevant. ESG steht für Umwelt (Environmental), Soziales (Social) und verantwortungsvolle Unternehmensführung (Governance). Dabei drängen Fonds das Management etwa, ihre Klimaschutzpläne schneller umzusetzen.

In Deutschland hat dies jüngst der Mini-Investor Enkraft Capital bei versucht. Öffentlich versuchte der Hedgefonds das Management unter Druck zu setzen und forderte, das klimaschädliche Braunkohlegeschäft abzuspalten. Doch der Investor scheiterte bei der Abstimmung auf der Hauptversammlung des Energieversorgers: 97 Prozent der Anteilseigner stimmten gegen den Trennungsantrag.

Eigentlich ist die Zeit der lautstarken Angriffe aber eher vorbei. Auffällig sei laut BCG-Studie, dass Aktivisten weniger über die Öffentlichkeit agieren würden als in den Vorjahren. Anders als in den USA sei es in Deutschland nicht üblich, Attacken öffentlich zu fahren. Solche Kampagnen sind teuer, können oftmals mehrere Millionen Dollar kosten. Zudem habe es in der Vergangenheit Fälle gegeben, in denen sich große Investoren schützend vor das Management gestellt haben. "Dann ist eine Kampagne von aktivistischen Investoren so gut wie tot", sagt Burkhardt.

Vermehrte Angriffe in Automobil- und Energiebranche erwartet

Die Studie haben Wolf und Burkhardt noch vor dem Ukraine-Krieg durchgeführt. Dieser habe die aktivistischen Investoren zeitweise wieder gebremst. "Solange die Volatilität hoch ist, wollen Investoren ihr Geld lieber trocken halten", sagt Wolf. Das gelte auch für Aktivisten. Daher gebe es aktuell wieder etwas mehr Zurückhaltung. "Weiterhin erwarten wir aber, dass die Krise mehr Anhaltspunkte für aktivistische Angriffe gibt und die Anzahl daher weiter anziehen wird", so Wolf. Durch mehr Kursschwankungen an der Börse gebe es auch wieder mehr Schwächephasen.

Vor allem in der Automobil- und in der Energiebranche erwarten die Berater einen deutlichen Schub an Angriffen. "Bei der dramatischen industriellen Veränderung wird noch wahnsinnig viel in den Sektoren passieren", prophezeit Wolf. Unternehmen sollten daher regelmäßig überprüfen, ob Aktivisten bereits zu ihrem Aktionärskreis gehören. Denn bis zu einem Angriff könne es oft einige Jahre dauern.

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