Samstag, 20. Juli 2019

Kolumne "Chefsache" Die Insel der Seligen

Martin Noé, Chefredakteur des manager magazins.
Henning Kretschmer für manager magazin
Martin Noé, Chefredakteur des manager magazins.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Es ist, als schwappten Eisberge über den Flur. Atemberaubende Polarlandschaften und Fjorde prangen an den Wänden der Zentrale von Hurtigruten in Oslo. Hausherr Daniel Skjeldam (43) hat Spaß an den Bildern - sie stehen für seine beste Geschäftsidee. Künftig schickt die norwegische Fährlinie immer mehr Gäste in neuen Schiffen auf Expeditionstour. Hurtigruten ist damit der jüngste Aufsteiger in einer wahren Boombranche: Kreuzfahrten. Wurde gestern noch gespottet, auf den Vergnügungsdampfern reisten nur "The newly wed, the rather fat and the nearly dead" (Flitterwöchner, Fettwänste, Scheintote), so wollen heute auch junge Familien und Manager auf ihr Traumschiff. Der Wirtschaftszweig blüht wie kaum ein zweiter.

Hochhaus zur See: Megaschiffe wie die "Symphony of the Seas" prägen den US-Markt.
Alberto Bernasconi/laif
Hochhaus zur See: Megaschiffe wie die "Symphony of the Seas" prägen den US-Markt.

mm-Reporter Michael Machatschke, der viele Branchengrößen wie den Carnival-Boss und ehemaligen Monsanto-Manager Arnold W. Donald (64) kennt, recherchierte die Hintergründe des Aufschwungs - und fand die Insel der Seligen. Anders als andere Touristikunternehmen sind die Spaßreeder vor Angreifern aus der Digitalwelt sicher, ihre Passagiere sind an Bord wie gefangen und wenn sie mal an Land gehen, zahlen sie aus Bequemlichkeit überhöhte Preise für die Ausflüge. Dazu kommen stupende Steuervorteile für Konzerne und deren Neigung, die Gesellschaften in Steueroasen anzusiedeln. Unter dem Strich stehen Gewinne, wie sie in nur wenigen Branchen möglich sind.

Die Aussichten der Unternehmenskapitäne sind grandios, trotz aller Diskussionen um umweltschädliche Schiffe und überfüllte Reiseziele. "Der Boom wird noch viele Jahre halten", ist sich Machatschke sicher. Unsere Titelgeschichte lesen Sie hier.

Siemens-Lenker Joe Kaeser: Er liebt das Spiel mit der Öffentlichkeit.
Julian Baumann für mm
Siemens-Lenker Joe Kaeser: Er liebt das Spiel mit der Öffentlichkeit.

Ganz anders, oft geradezu spaßbefreit, wirkt das Lebensgefühl der Topmanager in deutschen Konzernen, haben meine Kollegen Eva Buchhorn und Michael Machatschke in einer mehrmonatigen Recherche festgestellt. Sie trafen auf Vorstände, deren Geschäft sich rasant verändert, und das nur selten zu ihren Gunsten. Aufmüpfige Investoren und eine Gesellschaft, die sehr viel mehr Rechenschaft als früher einfordert, verleiden vielen Hochbegabten den Job an der Spitze. Zumal sie nicht gemeint sind, wenn über das Recht auf ein Leben neben der Arbeit diskutiert wird. Wie leben und führen Mann und Frau in solchen Zeiten? Darüber und über seine Art, mit der Öffentlichkeit umzugehen, sprachen wir auch mit Siemens-Chef Joe Kaeser (62), der gerade eine Morddrohung von einem Rechtsextremen erhalten hat. "Warum der Traumjob Chef oft zum Albtraum wird."

Angekommen: Benjamin Otto hat lange gebraucht, um seinen Platz zu finden.
Matthias Oertel für manager magazin
Angekommen: Benjamin Otto hat lange gebraucht, um seinen Platz zu finden.

Ein halbes Jahr lang traf mein Kollege Martin Mehringer immer wieder Benjamin Otto (44), der sich darauf vorbereitet, beim Hamburger Versandhändler die Macht zu übernehmen. Lange hatte er gezögert, seinem Übervater Michael Otto (76) nachzufolgen. Vielen, die den Kronprinzen kennengelernt hatten, galt er als zu weich und zu verträumt für die große Aufgabe: Das Werk der Familie samt 53.000 Arbeitsplätzen gegen digitale Angreifer wie Amazon zu verteidigen und nicht unterzugehen, wie die früheren Konkurrenten Neckermann und Quelle. Mehringer hält die Erfolgschancen, nach vielen Gesprächen mit Benjamin, seiner Frau und dem Vater sowie Managern aus dem Haus, für größer als vor dem ersten Treffen. Otto ist intelligent, ernsthaft, verlässlich, und manche seiner Ideen, die beim ersten Hören versponnen klingen, könnten eine große Kraft entfalten. Otto will, wie er sagt, jetzt "die nächste Stufe zünden". Das Porträt "Ein Freigeist für Otto" finden Sie hier.

Ihr

Martin Noé


Chefsache ist der wöchentliche Newsletter aus der Chefredaktion des manager magazins.

Jeden Freitagnachmittag kommentieren abwechselnd Sven Clausen und Martin Noé die vergangene Woche und geben einen Ausblick auf die kommende Woche.