Montag, 14. Oktober 2019

Editorial Der Fall Klatten

Steffen Klusmann, Chefredakteur des manager magazin
David Maupilé
Steffen Klusmann, Chefredakteur des manager magazin

Das Kurhaus Wiesbaden atmet wilhelminischen Geist und gehört zu den prunkvollsten Festbauten der Republik. Ausgerechnet dort veranstaltet das ums Überleben kämpfende Tech-Unternehmen SGL Carbon alljährlich seine Hauptversammlung. Schon 2015 schlug ein Aktionär vor, lieber in eine Jugendherberge zu ziehen. Jahrelang dicke Verluste, ein bedrohlich schwindendes Eigenkapital, ein um 70 Prozent geschmolzener Börsenwert: SGL, um das sich einst die ersten Adressen der deutschen Industrie stritten, entwickelt sich zum Milliardengrab. Schmerzlich vor allem für Großaktionärin Susanne Klatten. Die BMW-Erbin führt den Aufsichtsrat und wollte dort erstmals beweisen, dass sie auch an vorderster Front gestalten kann. Warum der Fall SGL Potenzial hat, ihr Image als erfolgreiche Unternehmerin zu beschädigen, schildert mein Kollege Dietmar Student in unserer Titelgeschichte "Lady in Red" ab Seite 36.

Die Stahlkocher vom Exitus bedroht, die Bauwirtschaft auf Zwergenmaß geschrumpft, die Versorger zu Zombies mutiert - und die Autobauer im Dieseldunst. Viele deutsche Wirtschaftsdomänen sind inzwischen arg angeschlagen, ein Befund, der eigentlich gar nicht zum selbstbewussten Auftritt von Made in Germany passt. Und doch ist er Realität: So vorbildlich wir international mit unseren Überschüssen in Haushalt und Handelsbilanz noch dastehen mögen, das industrielastige, auf Export und Skalierung ausgelegte Modell hat die besten Zeiten hinter sich, die Substanz wird dünner, der Absatzmarkt enger. mm-Reporter Michael Machatschke hat das vermeintliche Paradies einer schonungslosen Analyse unterzogen: ab Seite 90.

Trommeln gehört zum Geschäft, heißt es. Starunternehmer wie Richard Branson, Teslas Elon Musk oder auch John Legere, Chef von T-Mobile USA, haben das Trommeln in eigener Sache gar zum Geschäftsmodell erhoben. Millionen Anhänger folgen ihnen über die sozialen Netzwerke, eine Marketingpower, die sich in Geld kaum aufwiegen lässt. Musk hat Tesla trotz seiner durchwachsenen Erfolgsbilanz zur Elektro-Ikone gemacht, Legere die ungeliebte US-Tochter der Telekom auch via Twitter gedreht. Was man draufhaben muss, um bei der Webgemeinde als Messias durchzugehen, hat Klaus Werle ermittelt: ab Seite 100.

Was Steve Jobs und Steve Ballmer konnten, das kann Oliver Bäte schon lange. Seine internen Auftritte zelebriert der seit 14 Monaten amtierende Allianz-Chef mit ähnlich missionarischem Eifer wie die legendären Tech-Granden. Auch inhaltlich unterscheiden sich die Inszenierungen kaum noch von dem, was an der Westküste gepredigt wird: Der ehemalige McKinsey-Partner verwandelt die 126 Jahre alte Traditionsadresse gerade in ein gigantisches digitales Versuchslabor, für das es keine Blaupause gibt. Zweieinhalb Stunden lang gewährte Bäte meinen Kollegen Angela Maier und Dietmar Palan Einblick in seine Pläne. An deren Erfolg wird sich auch die Wandlungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft ablesen lassen. Den Werkstattbericht finden Sie ab Seite 50.

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