Dienstag, 12. November 2019

Erholung nach Kurssturz abgebrochen Wirecard-Chef dementiert erneut - Aktie fällt trotzdem

"Die Darstellung im Artikel ist inhaltlich substanzlos und falsch": Wirecard-Chef Markus Braun (Bild Archiv) widerspricht der jüngsten kritischen Berichterstattung der "Financial Times" zu den Bilanzierungspraktiken des Konzerns erneut
Peter Kneffel/DPA
"Die Darstellung im Artikel ist inhaltlich substanzlos und falsch": Wirecard-Chef Markus Braun (Bild Archiv) widerspricht der jüngsten kritischen Berichterstattung der "Financial Times" zu den Bilanzierungspraktiken des Konzerns erneut

Die Aktie des im Dax notierten Finanzdienstleisters Wirecard Börsen-Chart zeigen tut sich am Donnerstag mit einer weiteren Stabilisierung schwer nach dem Kurseinbruch infolge neuerlicher Anschuldigungen der "Financial Times". Am späten Donnerstagvormittag gaben die Papiere am Dax-Ende 2,3 Prozent auf 119,65 Euro ab. Am Dienstag waren sie zeitweise bis auf 107,80 Euro und damit das tiefste Niveau seit April abgesackt.

Analyst Antonin Baudry von der HSBC kürzte in einer aktuellen Studie sein Kursziel von 225 auf 190 Euro, signalisiert damit aber immer noch ein Erholungspotenzial von fast 59 Prozent. Der neuerliche FT-Vorfall zeige, wie hilfreich eine Anlegerveranstaltung von Wirecard zum Thema Unternehmensführung und Umgang mit seinen Drittpartnern wäre, erklärte Baudry. Er wünscht sich insgesamt eine höhere Transparenz, glaubt aber weiter an die starken Fundamentaldaten.

"Das operative Geschäft läuft hervorragend"

Am Dienstag hatte die namhafte britische Wirtschaftszeitung Umsätze und Gewinne in Dubai und Irland als möglicherweise zu hoch angezweifelt. Wirecard wies Vorwürfe eines Fehlverhaltens jedoch "kategorisch" zurück. Wirecard-Chef Markus Braun sieht in einem Interview mit der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-afx weiter keine Beeinträchtigung des Tagesgeschäfts durch die wiederholt kritische Berichterstattung. "Wir sehen keine Risiken für unser Geschäft", sagte Markus Braun. "Das operative Geschäft läuft hervorragend, wir schließen einen großen Deal nach dem anderen ab."

Nach dem Bericht der "FT" war am Dienstag der Aktienkurs zeitweise um bis zu 23 Prozent eingebrochen - rund vier Milliarden Euro Börsenwert hatten sich binnen Kürze in Luft aufgelöst.

"Die Darstellung im Artikel ist inhaltlich substanzlos und falsch", bekräftigte Braun das Dementi des Dax-Konzerns . Braun ist mit einem Anteil von 7 Prozent der größte Aktionär des Unternehmens.

"Alle Geschäftsbeziehungen, die in unseren Abschlüssen verbucht wurden, sind natürlich authentisch", sagte er in Bezug auf die von der "FT" aufgeworfenen Zweifel an Kundenbeziehungen. Seit geraumer Zeit veröffentlicht die Zeitung kritische Berichte rund um den deutschen Finanzkonzern mit Sitz in Aschheim bei München. Im Frühjahr hatte eine Artikelserie den Aktienkurs in gut einer Woche um fast die Hälfte abstürzen lassen. Im Zuge von Untersuchungen musste Wirecard dann einräumen, dass einige Geschäfte in Singapur falsch verbucht wurden, aber in deutlich geringerem Umfang als von der Zeitung suggeriert. Systematische Luftbuchungen schließt das Unternehmen aus.

Der Fall beschäftigt weiter die Behörden

In Deutschland gehen Staatsanwaltschaft München und Finanzaufsicht Bafin dem Verdacht unerlaubter Marktmanipulation durch Spekulanten nach, die mit schlechten Nachrichten die Aktie unter Druck bringen und daran mittels sogenannter Leerverkäufe verdienen wollen. Die Bafin verbot zeitweise sogar neue Leerverkäufe mit der Wirecard-Aktie. Den neuerlichen Vorfall von Dienstag untersucht die Behörde ebenfalls in Abstimmung mit der Staatsanwaltsschaft München. Für ein erneutes Verbot von Leerverkäufen sehe die Bafin aber keinen Grund, sagte eine Sprecherin.

Das Unternehmen wiederum geht rechtlich per Strafanzeige gegen Mitarbeiter der Londoner Zeitung vor, weil sie mit Spekulanten unter einer Decke stecken sollen. Die "FT" sieht sich allerdings nach eigens in Auftrag gegebenen Untersuchungen einer Anwaltskanzlei von diesen Vorwürfen entlastet. Das Unternehmen werte den Artikel des Journalisten als neuerlichen Versuch, von den Anschuldigungen abzulenken, sagte Braun.

Braun unterstellt Zusammenhang von Bericht und auslaufenden Optionen

Braun vermutet hinter den kritischen Berichten das Wirken von sogenannten Shortsellern, die mittels Leerverkäufen von Aktien Geld an sinkenden Kursen verdienen wollen. "Das Interesse an schlechter Berichterstattung könnte auch mit auslaufenden Optionen zusammenhängen."

Im Zuge des Dax-Aufstiegs vor gut einem Jahr hatte die Wirecard-Aktie bei 199 Euro den höchsten Stand erreicht, derzeit liegt sie mit gut 122 Euro deutlich davon entfernt. Anfang 2015 hatte der Kurs noch um die 40 Euro betragen.

Schon im Februar 2016 hatte ein selbsternanntes Analysehaus mit einem dubiosen Research-Bericht die Aktie deutlich einbrechen lassen. Kräftiges Wachstum bei Umsatz und Ergebnis hatte den Kurs aber vor allem ab 2017 deutlich steigen lassen. Wirecard verdient sein Geld vor allem mit der Abwicklung von Zahlungen im Internet und profitiert daher im großen Stil vom Boom des Online-Shoppings.

rei/dpa-afx

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