Montag, 9. Dezember 2019

Massenaufruf zur Forschung Überforderte Wissenschaftler, geforderte Laien

Kleinteilige Schönheit: So sieht eines der Millionen "Events" aus, das der Teilchen-Detektor "Atlas" verfolgt und dokumentiert. Laien sollen nun sichten helfen.

Was Wissenschaftler nicht schaffen, soll die Schwarmintelligenz erledigen: Hobby-Physiker aus aller Welt sollen zum Beispiel die Welt der Teilchen durchforsten - und damit immerhin auf den Spuren eines Nobelpreisträgers wandeln.

Hamburg - Früher war Physik eine einsame Wissenschaft. Der Forscher suchte nach Daten und dann nach Erkenntnis. Heute liefern leistungsstarke Systeme so viele Daten, dass auch professionelle Wissenschaftler auf die Schwarmintelligenz zurückgreifen. Nun soll Ottonormalforscher sogar für das renommierte Cern-Institut aktiv werden. Und das setzt eigentlich nur eines voraus.

Wer einen Internet-Anschluss hat, kann mitmachen. Denn per Internet sollen die Hobbyforscher sich bei der Wissenschaftsplattform Higgs Hunters anmelden und die Datenmassen, die der Atlas-Detektor erzeugt, durchforsten. Das berichtet die Site "physicsworld". Die Gründe für diesen Hilferuf liegen auf der Hand - der Detektor liefert einfach zu viele Informationen.

Stark vereinfacht, ist Atlas ist eine Art Riesenmikroskop (immerhin 46 Meter lang) aus dem Wissenschaftsinstitut Cern. Atlas beobachtet, wie sich Teilchen im Raum bewegen, der Rechner dahinter wählt 100 interessante so genannte "Events" pro Sekunde von einer Milliarde aus. Ein "Event" ist es in der Diktion der Wissenschaftler, wenn Proton auf Proton trifft, Teilchen auf Teilchen. Nichts anderes also, als wenn man Menschen in dichtgedrängten Fußgängerzonen beobachtet. Die meisten weichen aus - doch immer wieder rumpeln zwei Menschen ineinander.

Atlas: Als Modell wirkt er übersichtlich - in Realität mit 46 Metern eher beeindruckend und verwirrend. Zumindest für Nichtphysiker
Auf Teilchenebene ist die Verkehrsdichte indes um Längen höher. Protonenbündel - mit je zehn Protonen - zucken 40 Millionen Mal durcheinander. Und ungefähr einmal pro Sekunde kommt es zu einer Kollision solcher Teilchen. Entsprechend speichert Atlas pro Jahr eine Datenmenge, die gedruckt drei Milliarden Bücher umfassen würde. Der gigantische Analyseaufwand soll in der Beobachtung der Entstehung neuer Teilchen münden. Wissenschaftler vermuten, dass genau das bei den Teilchenkollisionen passieren kann.

Nur - es sind einfach zu viele Daten, selbst für die 3000 Wissenschaftler, die an dem Projekt beteiligt sind. Entsprechend sollen es die Nicht-Physiker richten. Einloggen, die von Atlas erzeugten Fotos durchkämmen - und melden, wenn etwas Ungewöhnliches beobachtet wird. "Wir hoffen, unsere Daten werden die internationale Forscher-Gemeinde inspirieren, inklusive Studenten und Bürgerforscher", sagte zuletzt Rolf-Dieter Heuer, der Direktor des Cern.

Für viele Hobbyforscher dürfte mit dieser Aufgabe ein ganz besonderer Reiz verbunden sein. Immerhin wandeln sie damit auf den Spuren des Wissenschaftlers Peter Higgs, der für die Entdeckung der so genannten Higgs-Teilchen, die gleichfalls von Atlas verbucht werden sollen, den Nobelpreis erhalten hat.

Wem das zu kleinteilig ist, der kann der Wissenschaft noch auf andere Art und Weise helfen - und Kondore zählen. Auch das ist ein Projekt, das Higgs Hunters bündelt. Mit einer Spannweite bis zu drei Metern sind die Vögel etwas einfacher zu sehen als Protonen.

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