Innovationen aus dem Silicon Valley Wie Apple, Alphabet und Co. den Gesundheitsmarkt erobern wollen

EKG-Messung auf Tablet-PC

EKG-Messung auf Tablet-PC

Foto: Maja Hitij/ picture alliance / dpa

Sie wollen den Krebs finden - früher, als es derzeit jeder Arzt kann. Dafür arbeiten Forscher des US-Start-ups Grail seit 2016 an neuen Bluttests. Eine erste klinische Studie zeigt Ergebnisse, die Hoffnung machen . Und auch die beiden reichsten Menschen der Welt sehen Potenzial: Microsoft-Gründer Bill Gates und Amazon-Chef Jeff Bezos haben in Grail investiert, das bereits 1,6 Milliarden Dollar Kapital bekommen hat.

Die großen US-amerikanischen Tech-Konzerne investieren immer häufiger in Unternehmen wie Grail und die Summen selbst werden stetig größer . Gleichzeitig ziehen die Unternehmen eigene Initiativen auf, um auf dem Gesundheitsmarkt relevanter zu werden. Allein in den USA wurden da vergangenes Jahr 3,5 Billionen US-Dollar  umgesetzt - ein vielversprechendes Wachstumsfeld also für Apple, Amazon und Co.

Die Google-Mutter Alphabet beispielsweise will ihre Möglichkeiten nutzen, große Mengen Daten auszuwerten. Die eigene Forschungseinheit "Verily Life Sciences" arbeitet dafür mit der University of North Carolina und Harvard zusammen: Mit dem "Project Baseline" wollen sie herausfinden, was eine gute Gesundheit ausmacht. Dann soll mit den Informationen Tausender Teilnehmer erarbeitet werden, mit welchen präventiven Schritten Gesundheitskosten gespart werden können.

Vorbild Apple: Amazon plant eigene Kliniken

Gerade da setzen viele Überlegungen der Konzerne an, weil das US-amerikanische Gesundheitssystem sehr teuer ist. Die Ausgaben für Gesundheit lagen laut OECD zuletzt bei 9832 Dollar pro Kopf - in Deutschland betrugen sie etwa die Hälfte.

Große Unternehmen stellen in den USA ihren Mitarbeitern in der Regel die Krankenversicherung. Gute Konditionen zu bieten, hilft den Tech-Konzernen auch im Kampf um Talente. Da die Gesundheitskosten aber seit Jahren steigen, wachsen die Ausgaben mit. Um das zu ändern, hat sich der E-Commerce-Gigant Amazon mit Warren Buffets Berkshire Hathaway und der Investmentbank JPMorgan zusammengeschlossen. Die drei Konzerne beschäftigen etwa eine Million Menschen, Details zu ihrem Vorhaben verraten sie allerdings noch nicht.

Amazon plant auch, seine Mitarbeiter künftig selbst medizinisch zu versorgen. Wie das klappen kann, wird laut einem Bericht des TV-Senders CNBC gerade in einem Pilotprojekt getestet. Eine kleine Anzahl von Ärzten betreue demnach ausgewählte Mitarbeiter und bei Erfolg solle das Ganze Anfang 2019 ausgeweitet werden.

Apple hat diesen Weg bereits eingeschlagen. Unter dem Namen AC Wellness haben im kalifornischen Santa Clara zunächst zwei Kliniken eröffnet, die nur für Apple-Angestellte da sind. Nicht nur soll das die Gesundheitsausgaben des Konzerns senken, auch wolle Apple hier neue Health-Produkte und -Services testen, bevor sie der breiten Konsumentenmasse angeboten werden, berichten Insider gegenüber CNBC .

54.000 Menschen nehmen an medizinischer Studie teil - dank App Store

Die Tech-Konzerne fokussieren sich bisher vor allem auf naheliegende Versuche: Alphabet auf Datenauswertung, die Facebook-Tochter Oculus Rift setzt ihre VR-Brille bei einem Test in einem Kinderkrankenhaus ein. Mithilfe der virtuellen Simulation sollen Studenten und Ärzte komplizierte Operationen üben. Amazon versendet bereits rezeptfreie Medikamente und überlegt nun, zur Apotheke zu werden. Apple wiederum erprobt Möglichkeiten seiner Apple Watch, einer smarten Uhr, die Bewegung, Schlafqualität und Herzfrequenz erfasst. Gemeinsam mit der Stanford-Universität testet der Konzern in einer Studie, ob die Uhr dafür geeignet ist, Herzrhythmusstörungen beim Träger zu entdecken.

Die Studie verbreitete das Unternehmen per Apple-Watch-App über seinen App-Store. So habe Stanford über 54.000 Teilnehmer rekrutieren und mehr Daten sammeln können als bei solchen Studien üblich, sagte Stanfords Medizindekan Lloyd Minor der "New York Times ". "Uns hat das die Augen geöffnet."

Zwar entstehen neue Möglichkeiten, allerdings stellt sich auch die dringende Frage, warum Patienten gerade Tech-Konzernen ihre sensiblen Daten anvertrauen sollten. Datenskandale wie Facebooks Cambridge-Analytica-Desaster zeigen, dass bei den Tech-Giganten noch viel verbessert werden muss.

"Bewahrermentalität der Politik"

Während sich in den USA genug Bereitwillige finden, dürfte sich das in Deutschland schwieriger gestalten. "Deutschland hat eine andere Tradition, über Innovation zu reden", sagt Inga Bergen, Geschäftsführerin des Berliner Hautkrebs-Diagnose-Start-ups Magnosco. Auch sei in den USA wegen der hohen Gesundheitskosten der Druck größer, etwas zu verändern.

Mit Blick auf Google und Co. gebe es aktuell keine vergleichbaren Internet- oder Tech-Konzerne in Deutschland, die Innovation auf dem Markt vorantreiben könnten, sagt Stephanie Kaiser, Gründerin des Start-up-Brutkastens Heartbeat Labs und neuerdings Mitglied im Digitalrat der Bundesregierung. "Klassische Infrastruktur-Konzerne wie SAP oder Medizin-Technik-Konzerne wie Siemens verhalten sich nicht viel anders als ihre US-amerikanischen Wettbewerber Oracle und GE". Mehr Dynamik sehe man aktuell bei Start-ups in der Branche, findet Kaiser.

Die jungen Unternehmen sehen Probleme im deutschen System. Der Trend ginge in Europa hin zu mehr Regulierung, sagt Inga Bergen. Das hemme Innovation. Und: "Ein Hindernis ist die Bewahrermentalität in der Politik und weiten Teilen des Gesundheitswesens."

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gibt sich indes innovationsfreundlich, lud zuletzt gar Start-ups ins Ministerium, die ihre Ideen präsentieren sollten. Er wolle kreative Wege für einen schnelleren Einsatz neuer Technologie und digitaler Entwicklungen im Gesundheitsmarkt finden, so Spahn zum "Handelsblatt ". Aber: "Bevor wir etwas regulieren, müssen wir es verstehen."

Deutschland, China, USA - wer künftig die Nase vorn hat

Spahn kämpft noch mit Altlasten, der elektronischen Gesundheitskarte zum Beispiel. Damit sollen Patienten digital alle Diagnosen und Informationen zu Medikamenten dabei haben können. Doch das Projekt zieht sich seit mehr als einem Jahrzehnt: Es hat Milliarden verschlungen, die Probleme wollen nicht enden.

"Ein Problem der jungen Unternehmen ist oft, für ihre Angebote Krankenkassen an Bord zu holen," sagt Jürgen Graalmann, ehemaliger Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands und heute Gründer der Agentur "Die BrückenKöpfe". "Es ist aber ein entscheidender Punkt für den Marktzugang, dass Kassen schneller neue Ideen annehmen und die Kosten dafür erstatten." Vorraussetzung sei, dass der Nutzen der neuen Idee auch nachgewiesen wurde. Da fehle es allerdings noch an geeigneten Zulassungswegen für neue digitale Versorgungsangebote.

Dass Innovationen künftig nur aus den USA kommen können, glaubt er nicht. "In Deutschland haben wir zum Beispiel herausragende Forschungsinstitute wie Fraunhofer oder Max Planck." Auch würden US-Lösungen in Deutschland wegen der komplexeren Regulierung und anderen Versorgungswegen nicht immer funktionieren. "Telemedizin beispielsweise ist in den USA ein riesiger Trend. Der kommt hier zwar auch an, aber die Umsetzung wird länger dauern."

Gesundheitsexpertin Stephanie Kaiser sieht das ähnlich: "Es gibt auch in Deutschland Bereiche, in denen Innovationen entstehen werden, auch wenn das im Gesundheitsbereich sehr herausfordernd ist."

Start-up-Chefin Inga Bergen hingegen denkt, dass die neuen Entwicklungen eher aus China kommen werden. "Dort wird völlig frei geforscht, ohne die ethischen Grenzen, die in Europa und den USA herrschen." Sie sieht aber auch positive Veränderungen im deutschen Gesundheitswesen: So wandle sich die alte Mentalität immer schneller. "Wenn das Fax endlich ausgedient hat, dann sind wir einen ganzen Schritt weiter."

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