IBMs milliardenschwere Cloud-Wette Warum IBM 34 Milliarden für eine Open-Source-Firma zahlt

Ginni Rometty: Die Chefin von IBM sucht mit der Milliardenübernahme von Red Hat den Befreeiungsschlag

Ginni Rometty: Die Chefin von IBM sucht mit der Milliardenübernahme von Red Hat den Befreeiungsschlag

Foto: REUTERS

Bis zur Bekanntgabe des 34-Milliarden-Dollar Deals mit der Softwarefirma Red Hat hatte Virgina "Ginni" Rometty auf das Jahr 2018 wahrscheinlich so ziemlich verzichten können. Gleich eine ganze Reihe von Hiobsbotschaften hatte die 61-jährige CEO und Präsidentin von IBM in diesem Jahr bereits zu verkraften.

Erst verkündete Warren Buffett, dass er sein IBM-Investment von einst 10 Milliarden Dollar auf Null heruntergefahren habe . Im Juli wurde dann publik, dass die von IBM so gehypte KI-Technologiesparte Watson die Erwartungen im Gesundheitsbereich gründlich enttäuschte.  Und im Oktober musste Big Blue nach drei Quartalen, in denen das Wachstum nach fünf Minus-Jahren endlich wieder angezogen hatte, dann auch noch erneut schrumpfende Umsätze verkünden .

Um fast 15 Prozent ist der Aktienkurs des Unternehmens im Jahresverlauf bislang eingebrochen. Und auf Grund des stolzen Kaufpreises für Red Hat gab die Aktie am Montag zunächst um weitere 4 Prozent nach.

Luft nach oben gäbe es da genug. Dessen ist sich auch Rometty bewusst - und will Big Blue mit einem 34-Milliarden-Zukauf, dem teuersten in der 107-jährigen Firmengeschichte, wieder fitter für die Zukunft machen.

Als Kaufobjekt hat sich die 61-Jährige die Firma Red Hat ausgesucht, einen 1993 gegründeten Software- und Dienstleistungsanbieter aus North Carolina, dessen Geschäftsmodell auf dem Open-Source-Betriebssystem Linux basiert - einer quelloffenen Alternative zu Windows von Microsoft. Deren Programmiercode ist öffentlich und kann von allen eingesetzt werden.

Dabei fügt Red Hat Linux weitere Software hinzu und bietet seinen Kunden neben diesem abobasierten Gesamtpaket auch Dienstleistungen an. Das Unternehmen beschäftigt weltweit rund 12.000 Menschen, machte im Geschäftsjahr 2018 einen Umsatz von 2,9 Milliarden Dollar und einen Gewinn von 259 Millionen Dollar.

Warum ausgerechnet Red Hat?

Wie IBM ist Red Hat dabei auch im stark umkämpften Cloudgeschäft tätig, in das Unternehmen wie Google, Amazon, SAP, Oracle, Microsoft und Alibaba zuletzt massiv investiert haben.

Dabei spielt auch IBM vorne mit - geriet allerdings im Public-Cloud-Geschäft angesichts der Finanzkraft seiner Konkurrenz zunehmend unter Druck. Hinter Amazon (AWS), Microsoft und Google musste IBM hier zuletzt sogar Platz vier an den chinesischen Technologiekonzern Alibaba abtreten , der massiv in das Cloudgeschäft drängt und keine Kosten und Mühen scheut, sich neben den großen westlichen Konzernen in dem Markt als wichtiger Anbieter zu etablieren.

Mit dem Kauf von Red Hat wagt IBM nun eine - allerdings sehr teure - Flucht nach vorne, zahlt IBM mit 190 Dollar je Anteilsschein doch einen 63-prozentiger Aufschlag auf den Red-Hat-Schlusskurs vom Freitag.

Doch Red Hat bietet IBM eine Perspektive und einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz, auf den Rometty große Hoffnungen setzt - und zwar in der so genannten Hybrid Cloud, der Experten eine große Zukunft vorhersagen .

Hybrid-Clouds sind Kombinationen aus einer oder mehreren so genannten Public Clouds, wie sie AWS oder Google anbieten, und so genannten privaten Cloud-Umgebungen, wie sie viele Unternehmen auch mit unternehmenseigener Hardware betreiben.

Der Vorteil für Unternehmen besteht darin, dass sie, je nach Sensibilität, Möglichkeiten und momentanen Bedürfnissen, beispielsweise die Ausführung geschäftskritischer Aufgaben in der lokalen privaten Wolke mit der anderer weniger sensibler in der öffentlichen Wolke kombinieren können. Und bei Belastungsspitzen leicht auf zusätzlliche Ressourcen von externen Cloudanbietern zugreifen können.

Was sich IBM vom "Schweiz-Modell" erhofft

Diese Kombination, die Kunden größtmögliche Flexibilität ermöglichen soll, gilt als einer der Trends der kommenden Jahre . Und nicht nur IBM, sondern auch Microsoft, Amazon und Google haben sich aufgestellt, die Ansprüche der Kunden mit ihren Hybrid-Wolken-Technologien zu erfüllen.

Mit dem Kauf von Red Hat will sich IBM hier nun einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz kaufen: Nämlich den, nach eigenen Angaben auf einen Schlag der größte Hybrid-Cloud-Anbieter der Welt zu werden. Und gleichzeitig der einzige mit einer Open-Cloud-Lösung im Portfolio.

Ein Schachzug, der es IBM ermöglichen könnte, sich als eine Art neutrale "Schweiz" im Cloudcomputing zu positionieren. Als ein Partner für Unternehmen, die in die Cloud wollen, sich aber nicht von einem Anbieter abhängig machen wollen.

Ein Markt, den Red Hat bis 2021 auf 73 Milliarden Dollar schätzt. 

Gelingt die kulturelle Integration?

Allerdings könnte die kulturelle Integration nicht ganz einfach werden. So hat IBM Red Hat zwar laut dessen CEO Jim Whitehurst zugesichert, auch weiterhin als eigene Geschäftseinheit operieren zu können - nur mit mehr Wumms im Rücken. Doch die Firmenkulturen unterscheiden sich enorm.

Während IBM den Ruf eines bürokratielastigen Technologie-Dinos hat und zuletzt eher mit Kuriosa denn mit Erfolgen für Schlagzeilen sorgte, herrscht bei dem deutlich jüngeren und kleineren Open-Source-Laden Red Hat ein dynamischeres Klima, das die Beschäftigten auch bislang schätzten. Und eines der Meriokratie: So soll Red-Hat-Gründer Marc Ewing Linux-Erfinder Linus Torvalds beim IPO 1999 aus Dankbarkeit Aktienoptionen zugesprochen haben, die diesen zum Millionär machten.

Ob Romneys Wette tatsächlich aufgeht, bleibt abzuwarten. Aber sie bietet IBM schon einmal neue Perspektiven im Cloudgeschäft - und eine neue Marketingstory, die IBM aktuell gut gebrauchen kann.

Womöglich könnte 2018 für Rometty doch noch zu einem guten Jahr werden.

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