Videospiele Twitch, der etwas andere Straßenfeger

Amazon übernimmt eine Plattform, auf der sich Menschen Videospiele anschauen. Also nicht selbst spielen, sondern wirklich nur anschauen. Und dafür zahlt Jeff Bezos fast 1 Milliarden Dollar? Was will er mit Twitch? Die Antwort ist simpel.
Von Andrea Rungg
Jeff Bezos: Der Amazon-Chef investiert im großen Stil - und wohlüberlegt

Jeff Bezos: Der Amazon-Chef investiert im großen Stil - und wohlüberlegt

Foto: AP

Hamburg - Die Zuschauerzahlen von Videospielen sind binnen kurzer Zeit nach oben geschnellt. Das Marktforschungsunternehmen IHS hatte im Juni prognostiziert, dass Nutzer 2018 insgesamt 6,6 Milliarden Stunden Videospiele anschauen werden. Im Jahr 2013 waren es immerhin schon 2,4 Milliarden Stunden - und das war bereits ein deutliches Wachstum zum Vorjahr mit 1,3 Milliarden Stunden.

Über verschiedene Plattformen erreichte die höchste Zuschauerzahl bislang die Weltmeisterschaft des Riot-Games-Spiels "League of Legends". 32 Millionen sahen beim live kommentierten Wettbewerb zu. TV-Quoten in dieser Höhe erreichen in Deutschland nur noch Fußballspiele. Das Finale der Weltmeisterschaft in Brasilien guckten hierzulande beispielsweise fast 35 Millionen Zuschauer.

"Esports Videos waren zunächst eine Nische, aber sie haben sich über verschiedene Plattformen zu einer schnell weitverbreiteten Kategorie der Unterhaltungsindustrie entwickelt", schrieb IHS in einer Studie Anfang Juni. Als Esports Videos definiert IHS Online abrufbare Videospiel-Wettbewerbe.

Die Entwicklung von der Nische zum Massenphänomen ist durch drei Dinge befeuert worden: Erstens sind die großen Videospiel-Titel fast ausgereift. Zweitens fördern ihre Entwickler Esports-Wettbewerbe. Und drittens hat die Existenz von stabil laufenden Onlinevideo-Plattformen wie Googles  Videoplattform Youtube oder eben Twitch Videospieler angezogen.

Von der Nische zum Massenphänomen

Bei dem drei Jahre jungen Unternehmen Twitch schauten im Juli 55 Millionen Nutzer 15 Milliarden Minuten Videos. Einen Monat zuvor waren es noch 45 Millionen Nutzer - und das war schon eine Verdoppelung zum Vorjahresmonat. Twitch erlöst Geld über Abonnements und Werbung. Wie viel, dazu schweigt das Unternehmen.

Viele Zuschauer wollen via Twitch von den besten Spielern lernen oder wissen, ob sich der Kauf eines Videospiels für sie lohnt. Amazon  würde sich dann sicherlich als passende Verkaufsplattform andienen. Immerhin dürften Twitch-Nutzer zur kauffreudigsten Gruppe der Videospieler zählen, den so genannten Hardcore-Gamern. Sie setzen immer noch den Löwenanteil in einem Milliardenmarkt um, der 2017 verschiedenen Prognosen zufolge ein Volumen zwischen 90 und 100 Milliarden Dollar erreichen soll.

Von den besten Spielern lernen - oder das Spiel vor dem Kauf testen

Der weltgrößte Onlinehändler will zudem mehr und mehr zum Inhalteanbieter werden. Einen Streaming-Service mit Serien und Filmen hat er bereits im Programm. Über eine Anbindung von Twitch könnte Amazon so auch mehr Geld über Werbung generieren. Denn vor Übertragungen oder während der Pausen können Unternehmen Werbefilme schalten.

Und wer nun noch glaubt, Videospielen sei ein brotloser Zeitvertreib, der muss leider eines besseren belehrt werden: Felix Kjellberg, ein 24-jähriger Schwede, verdient nach Angaben des "Wall Street Journals" 4 Millionen Dollar im Jahr  durch Werbung. Kjellberg hat auf Youtube einen Kanal mit dem Pseudonym PewDiePie. Mehr als 30 Millionen Abonnenten schauen ihm zu, wenn er kommentiert wie er spielt.

Kjellberg verdient mehr Geld als manch ein Profi-Videospieler. Das ergibt zumindest ein Preisgeld-Ranking von Esportsearnings.com. Die besten Zocker kommen aber immerhin noch auf ein Jahrespreisgeld von mehr als 1 Million Dollar.