Waffen aus dem 3D-Drucker Per Mausklick Mord

Waffen aus dem 3D-Drucker sind eine reelle Gefahr, nicht nur in den USA. Wer ein Verbrechen mit einer Plastikwaffe begeht, kann es leichter vertuschen.
Von Judith Henke
Cody Wilson, Gründer von Defense Distributed, und die erste Waffe aus dem 3D-Drucker: Der "Liberator"

Cody Wilson, Gründer von Defense Distributed, und die erste Waffe aus dem 3D-Drucker: Der "Liberator"

Foto: Eric Gay/ dpa

Die Webseite Defcad ist eine Art iTunes für Waffen. Statt durch Songs scrollt sich der User durch eine illustre Auswahl an Schusswaffen. Ein paar Klicks später wird ihm ein Preis vorgeschlagen: 10 Dollar. Dann gilt es zu warten, bis der USB-Stick im Briefkasten liegt. Auf dem Datenträger ist ein Waffenplan, der verbunden mit einem 3D-Drucker zur tödlichen Realität werden kann: In wenigen Stunden hat sich der Kunde seine eigene Waffe ausgedruckt - komplett aus Plastik, abgesehen vom Schlagbolzen, der aus einem gewöhnlichen Nagel besteht, und der Munition.

Mal einfach im Büro eine Waffe ausdrucken - für den Amerikaner Cody Wilson ist diese Vorstellung ein "Ideal der Freiheit". Der Bürger sei unabhängig vom Staat, wenn er sich selbst eine Waffe ausdrucken könne - selbst dann, wenn die US-Verfassung irgendwann mal geändert werden würde. Waffen-Narr Wilson hat die Gruppe "Defense Distributed" gegründet und betreibt das wohl bekannteste Online-Portal für 3D-Drucker-Waffenpläne.

In Amerika umstritten, in Deutschland verboten - und im Netz zu finden

Deutsche können sich auf dem Portal jedoch keine USB-Sticks mit Waffenplänen bestellen. Das ist auch nicht in jedem amerikanischen Bundesland möglich. Wilson bewegt sich rechtlich auf dünnem Eis. Fünf Jahre lang hat sich Defense Distributed vor Gericht mit der US-Regierung gestritten, die unter Donald Trump zunächst entschieden hatte, die Gruppe gewähren zu lassen.

Ein US-Bundesgericht focht diese Entscheidung jedoch an und untersagte, die Waffenpläne zu veröffentlichen. Indem Defense Distributed sie nun verkauft, umgeht sie das Urteil.

Während es in Amerika erlaubt ist, sich für den Privatgebrauch eine Waffe zu basteln, brauchen Deutsche dafür eine so genannte Büchsenmacherlizenz. Doch 3D-Drucker gibt es schon für unter 300 Euro und auch, wenn Deutsche keine Möglichkeit haben, über Defcad einen USB-Stick zu kaufen: Auf dem Open Source-Dienst GitHub sind Kopien für alle möglichen 3D-Drucker-Waffen zu finden.

Die wohl berühmteste Plastikwaffe ist eine Pistole mit der zynischen Bezeichnung Liberator. Die Pläne der Feuerwaffe wurden 2013 veröffentlicht und danach immer weiter verbessert. Sie gilt als die erste Waffe der Welt, die aus dem 3D-Drucker kommt. In einem Demovideo schießt Defense Distributed-Gründer Wilson mit der Waffe. Sie funktioniert, allerdings nur für einen Schuss. Knackpunkt des Liberators ist der Lauf. Das Geschoss einer Pistole erreicht seine hohe Geschwindigkeit, weil es mit Druck aus dem Rohr gefeuert wird - im Prinzip nicht anders, als würde jemand ein Papierkügelchen aus einem Strohhalm blasen. Dabei muss der Lauf, also das Rohr der Waffe, einen hohen Druck von 3000 bis 3500 bar aushalten.

Stahl ist für diesen hohen Druck stark genug, Kunststoff nicht, erklärt Johann Höcherl, der als Professor für Waffen- und Munitionstechnik an der Universität der Bundeswehr München lehrt. Allerdings sei bei einer Kunststoffwaffe auch der Druck geringer.

"Das Geschoss fliegt nicht so schnell, kann aber trotzdem töten"

Höcherl schildert grob, wie eine Waffe funktioniert: Der Schlagbolzen schlägt auf das Anzündhütchen, dadurch wird das Schießpulver, das sich in der Patronenhülse befindet, angezündet. So wird ein hoher Druck aufgebaut. Das Rohr der Waffe ist zu Beginn dieses Prozesses am engsten und diese Enge verstärkt den Druck, der beim Abbrennen des Pulvers entsteht. "Es entsteht ein gegenseitiges Hochschaukeln", sagt Höcherl. Je höher der Druck, desto höher die Geschwindigkeit, mit der das Pulver brennt und mit der das Geschoss aus der Waffe fliegt. Da ein Kunststofflauf einen geringeren Widerstand hat als ein Lauf aus Stahl, würde von Beginn an weniger Druck aufgebaut. Das Kunststoffrohr muss also weniger Druck aushalten, weshalb überhaupt eine Waffe aus dem 3D-Drucker funktionieren kann. "Das Geschoss fliegt eben nicht so schnell, aber man kann sein Gegenüber trotzdem massiv damit schädigen und sogar töten."

Auch lasse sich schlechter nachverfolgen, wer den Schuss abgegeben hat. In normalen Handfeuerwaffen finden sich im Lauf Vertiefungen ähnlich wie bei einer Schraube, die dem Geschoss Drall verleihen, sagt Höcherl. "Jede Hülse hat nach dem Schuss sogenannte Systemspuren, zum Beispiel Kratzer, die ganz typisch für eine bestimmte Waffe sind. Aber Rillen in einem Kunststofflauf würden sich in ein Geschoss nicht einprägen." Dadurch könne die Polizei Hülsen keiner bestimmen Waffe und damit gegebenenfalls auch keinem Täter zuordnen.

Entdeckungsrisiko bei Tat mit Kunststoffwaffe geringer

Auch Philipp Cachée, der als forensischer Ballistiker Spuren in Waffen sichert, sieht in Waffen aus dem 3D-Drucker eine ernstzunehmende Gefahr. "Das Entdeckungsrisiko ist geringer", sagt er. Wer sich einmal auf dem Schwarzmarkt eine illegale Waffe organisiert habe, wäre wenig gewillt, sie wieder herzugeben. Aber eine Plastikwaffe lass sich leicht entsorgen und vernichten - und bei Bedarf wieder eine neue herstellen. "Mit solchen Waffen ist zwar nur ein Schuss möglich. Aber ein Schuss kann einer zu viel sein", sagt der Sachverständige für Waffen und Munition.

Für Sportschützen oder Jäger seien 3D-Drucker-Waffen uninteressant, sagt Cachée. Sie kämen nur für den illegalen Gebrauch in Frage. Auch das Bundeskriminalamt sorgt sich um die Waffen aus dem 3D-Drucker - eine Waffe aus Plastik lässt sich bei der Sicherheitskontrolle im Flughafen nicht so leicht entdecken. In einem vertraulichen Schreiben der Behörde vom 17. Juni 2013 heißt es, "die Waffen seien geeignet, Angriffe auf die Sicherheit des Luftverkehrs durchzuführen."

Das BKA hat selbst mit einem 3D-Drucker eine Waffe gedruckt und damit experimentiert. Auf einer Anfrage antwortete eine BKA-Sprecherin: "Polizeitechnische Versuche haben ergeben, dass die Herstellung von schussfähigen Waffen mittels 3D-Druckern prinzipiell möglich ist. Die Benutzung ist jedoch mit einer hohen Verletzungsgefahr für den Schützen behaftet." Polizeiliche Relevanz hätten 3D-Drucker-Waffen in Deutschland noch nicht.

Das bedeutet, als Tatwaffe gerieten sie noch nicht ins Visier der Polizei. Interessant ist, dass das BKA in den Kunststoffwaffen auch ein wirtschaftliches Risiko sieht, da urheberrechtlich geschützte Originalteile einfacher nachgebaut werden könnten. Bekannte Hersteller von Handfeuerwaffen wie Sig Sauer, C.G. Haenel und Heckler&Koch sehen in der Innovation aus dem 3D-Drucker wohl keine Konkurrenz für ihre Produkte und wollten sich auf Anfragen von manager magazin nicht äußern.

Für Sportschützen uninteressant

Die USA, in der 3D-Drucker-Waffen legal sind, ist für Heckler&Koch jedoch ein wichtiger Markt für zivile Schusswaffen. Fast 40 Prozent seines Gesamtumsatzes macht H&K dort. Gerade baut das Waffenunternehmen in Columbus, Georgia, ein 23 Millionen Euro teures Werk, das ausschließlich Pistolen, Sport- und Jagdgewehre für den zivilen Markt produzieren wird. Ein Vertriebsmitarbeiter eines Unternehmens, das H&K-Waffen für den zivilen Markt in Deutschland vertreibt, ist sich sicher, dass Waffen aus dem 3D-Drucker für Sportschützen und Jäger uninteressant sind, weil sie keine Präzision haben. Außerdem seien Kunststoffwaffen für den Schützen selbst hochgefährlich.

Ein 3D-Drucker für eine schussfähige Waffe kostet mindestens 3000 Euro. Bei Erzeugnissen aus billigeren Druckern besteht die Gefahr, dass sich die Kunststoffteile beim Abtrocknen verziehen. Das Mittelstück der Kunststoffpistole käme leicht windschief aus Billigdruckern heraus, schreibt das von der IT-Nachrichtenseite Heise herausgegebene Make Magazin. "Es wird höchstens durch Zufall funktionsfähig sein."

"Ghost Gun" mit Hilfe einer CNC-Fräse

Doch Waffen aus dem 3D-Druckern sind nicht die einzige Idee, mit der Defense Distributed schießwütige amerikanische Bürger bewaffnen will. Sie verkaufen auch CNC-Fräsen. Damit lassen sich aus Aluminium jene Teile einer Schusswaffe fräsen, die in den USA unter das Waffenrecht fallen - sogenannte Lower Receiver. Das sind die einzigen Teile einer Waffe, die nicht frei verkauft werden, weil sie die Registrierungsnummer der Waffe enthalten. Wer sich mit der CNC-Fräse eine so genannte "Ghost Gun", also eine Waffe mit unregistriertem unteren Gehäuse, herstellt, muss sich nur noch die restlichen 20 Prozent der Waffe kaufen. Als ein einzelner Mann vor zwei Jahren im amerikanischen Orlando fast 50 Menschen tötete, stieg der Umsatz für die CNC-Fräse von Defense Distributed von 30.000 auf 50.000 Dollar pro Woche.

Mehr lesen über