Montag, 19. August 2019

Banking-Start-up N26 jetzt 2,3 Milliarden Euro wert Das ist der Gründer von Deutschlands wertvollstem Fintech

Valentin Stalf (33), Gründer und CEO der digitalen Bank N26 - die es inzwischen auf eine Milliardenbewertung bringt
picture alliance / Wolfgang Kumm
Valentin Stalf (33), Gründer und CEO der digitalen Bank N26 - die es inzwischen auf eine Milliardenbewertung bringt

Auffällig war bei Valentin Stalf (33) schon immer eins: seine selbstbewusste bis großspurige Vision. Erst wenige Monate gab es seine Banking-App, aber auf Veranstaltungen hatte der Gründer 2015 bereits etablierte deutsche Banker in Unglauben versetzt. Sollten sie diesen jungen Mann mit den langen blonden Haaren, der eine "Milliarden-Company" bauen will, wirklich ernst nehmen?

Tatsächlich ist der gebürtige Wiener seiner Vision einen großen Schritt näher gekommen. Bekannte Wagniskapitalgeber investieren 260 Millionen Euro in sein Berliner Start-up N26, wie das Fintech-Unternehmen am Donnerstagmorgen bekannt gab. Die Bewertung: 2,3 Milliarden Euro. Damit ist die junge digitale Bank in den Kreis der sogenannten Unicorns - der Start-ups mit Milliardenbewertung - aufgestiegen.

Stalf, der nach seinem Wirtschaftsstudium in St. Gallen bei der Berliner Start-up-Fabrik Rocket Internet Börsen-Chart zeigen anlernte, kann steiles Nutzerwachstum vorweisen. Nach Unternehmensangaben hat sich die Zahl der Kunden in den vergangenen zwölf Monaten auf 2,3 Millionen verdreifacht. Täglich gewinne man außerdem in Europa mehr als 10.000 neue Kunden, so der Gründer zur "Welt".

Lange haben Valentin Stalf und sein Mitgründer Maximilian Tayenthal (38) darauf gesetzt, dass ihr Produkt für sich spricht und neue Nutzer überzeugt. Viel Marketing gab es nicht für die App, die Banking für das Smartphone optimieren will. Erst seit vergangenem Jahr hängen in deutschen Großstädten Werbeplakate für N26 - "Nicht die Bank deines Opas".

"Bei Rocket lernt man, keine Angst zu haben"

Ursprünglich hatten die Österreicher Stalf und Tayenthal 2013 in einem Wiener Wohnzimmer damit begonnen, ihr Unternehmen aufzubauen. Die erste Idee war anspruchsloser als die Gründung einer Bank: Sie wollten eine App entwickeln, in die Eltern Guthaben für ihre Kinder laden können, um so deren Ausgaben zu managen. Papayer tauften sie ihr Start-up - doch nach ein paar Monaten erschienen die Möglichkeiten zu begrenzt. "Im Nachhinein betrachtet ein kleiner und schwieriger Markt", schrieb Stalf später. Sie warfen das Konzept um und begannen, N26 zu entwickeln. Der neue Plan: eine "paneuropäische Bank".

Die Zeit bei Rocket Internet unter CEO Oliver Samwer (46) hat Stalf dabei geprägt. Rocket sei eine der besten Schulen für Gründer, die es in Deutschland gebe, sagte er einst der "FAZ". "Bei Rocket lernt man, keine Angst zu haben: Du willst eine Bank gründen? Just do it."

Bei dem Fokus auf das Große ist allerdings auch - ganz nach Rocket-Art - wichtige Kommunikation auf der Strecke geblieben. So bewies Stalf fehlendes Einfühlungsvermögen, als sein Start-up 2016 mehreren Hundert Kunden das Konto kündigte, ohne Gründe zu nennen. Das Unternehmen erntete einen Shitstorm. Als ein Hacker bei der App im gleichen Jahr schwere Sicherheitslücken entdeckte, bezeichnete das Unternehmen den Experten als "IT-Sicherheitsdoktoranden" und bemühte sich erst im Nachgang um genauere Erklärungen.

Ärger mit der Finanzaufsicht

Sicherheit bleibt bei dem Fintech ein Problemthema: Ende 2018 fing sich N26 Ärger mit der Bundesaufsicht für Finanzdienstleistungen (BaFin) ein. Die "Wirtschaftswoche" hatte gezeigt, dass aus dem Ausland Konten per Video-Identifikation mit gefälschten Ausweisen eröffnet werden konnten. Mittlerweile ist N26 in 24 Märkten aktiv. Die Behörde untersucht nun die Fälle. Stalf zeigt sich unbewegt. So etwas könne in einer Bankfiliale genauso passieren, sagte er der "Welt". Man bewege sich "nicht außerhalb des Industriestandards".

Von unangenehmen Nachrichten will der CEO den Erfolgsglanz seines Start-ups nicht trüben lassen. So hält er lieber Geschäftszahlen zurück, die womöglich noch nicht in das visionäre Bild seiner Bank passen, die nun "global" werden soll. Der Umsatz? Ein wohlgehütetes Geheimnis. Auch will das defizitäre N26 nicht sagen, wie viele der 2,3 Millionen Kunden überhaupt für das Girokonto oder andere Produkte in der App zahlen.

Weitere Bank-Start-ups sind Stalf derweil auf den Fersen. Der britische Konkurrent Revolut ist in Deutschland aktiv und wetteifert mit N26 um den Heimatmarkt. Investoren wie Index Ventures und DST Global gaben den Briten umgerechnet rund 300 Millionen Euro. Die Londoner Mobile-Banking-Start-ups Monzo und Atom Bank sind ähnlich gut finanziert.


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Noch sind auch die deutschen Direktbanken DKB und ING mit 3,8 und neun Millionen Kunden größer als N26. Angesichts der Geschwindigkeit des Kundenzuwachses dürfte das Unbehagen in den etablierten Häusern aber zunehmen.

Ein großer Durchbruch könnte N26 bald bevorstehen: Das Start-up will seine Banking-App in den nächsten Monaten in den USA launchen. Stalf zeigt sich wie gewohnt: "Es gibt dort bislang keine Bank wie unsere", befindet er im "Welt"-Interview. "Wir treten an, um in den USA den Marktführer im mobilen Banking zu bauen." Gelingt das, könnte der Gründer die Kundenzahl wie anvisiert in diesem Jahr auf fünf Millionen verdoppeln. An dem Schritt in die Staaten haben sich allerdings schon einige deutsche Start-ups verhoben. Immerhin hat N26 bei dem Unterfangen so viel Geld wie keiner von ihnen auf dem Konto.

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