Lauschangriff aus USA US-Techindustrie droht Absatzeinbruch wegen Prism

Auch in Asien schlägt die Spähattacke der US-Geheimdienste hohe Wellen. Jetzt wird überprüft, wie anfällig Firmen, Ministerien und Konsumenten gegen die US-Lauschangriffe sind. Den US-Internet- und Software-Riesen droht der Verlust wichtiger Aufträge.
Von Markus Gärtner
NSA-Zentrale in Fort Meade: Die US-Geheimdienste haben ihrer exportstarker Tech-Industrie einen Bärendienst erwiesen

NSA-Zentrale in Fort Meade: Die US-Geheimdienste haben ihrer exportstarker Tech-Industrie einen Bärendienst erwiesen

Foto: DPA

Hamburg - Die Späh-Kampagne des amerikanischen Geheimdienstes NSA könnte für die Internet- und High Tech-Schmieden aus den USA gravierende Folgen haben. Bis nach Indien und Indonesien geben Zeitungen ihren Lesern Ratschläge, wie sie den Lauschangriffen der US-Firmen künftig entkommen können. "Wenn Sie Google Chrome benutzen, kappen Sie zuvor die Verbindung zu Ihrem Google-Konto", rät die Times of India. Das Blatt rät den Lesern zugleich, lieber RedPhone zu verwenden und nicht Skype. Mit dem Browser-Dienst "Hide my Ass" könne man zudem anonym im Web surfen und den Schlapphüten in Amerika angeblich ein Schnäppchen schlagen.

Auch in Deutschland werden Empfehlungen herum gereicht, wie Internet-Nutzer sich gegen die Spähangriffe über Google oder Yahoo wehren können. Doch die Wahrheit ist: Selbst Firmen und Behörden sind zutiefst verunsichert, nicht nur private Nutzer. Bei einer Konferenz der United Nations Economic and Social Commission for Asia vor wenigen Tagen in Bangkok gaben 20 von 33 teilnehmenden Delegationen aus Asien Gmail, Hotmail oder Yahoo als bevorzugte Email-Adresse an. Das offenbart eine enorme Verletzlichkeit gegen die flächendeckende Schnüffelei der US-Dienste.

Beim Daten- und Emailverkehr über die Server der amerikanischen Internetfirmen riskieren die Nutzer in Asien, dass die US-Regierung - und eventuell europäische Dienste - mitlesen. Und das hat in der ganzen Region große Besorgnis ausgelöst. "Mitarbeiter bei den Regierungen in Asien-Pazifik wollen bisher meist ihre Mails an Gmail oder Yahoo geschickt bekommen, weil ihre Dienst-Server oft große oder verschlüsselte Dateien ablehnen", erklärt der Sicherheitsberater und Chief Technology Officer Marek Bialoglowy bei ITSEC Asia in Jakarta.

"Manchmal haben wir Probleme, Mails mit Photos, Videos oder anderen großen Dateien zu verschicken und müssen daher öffentliche Mail-Konten benutzen", bestätigt Gatot S. Dewa Broto, der Sprecher des indonesischen Kommunikations-Ministeriums. Entschuldigend fügt er hinzu: "Ich nutze Gmail nur in Notfällen."

Prism-Checks stehen auf jedem Dienstplan

Selten geht es in Behörden zwischen Shanghai, Seoul und Saigon so strikt zu wie im Stadtstaat Singapur. Dort müssen Regierungsbeamte von speziell gesicherten Computern aus das Internet anwählen oder Mails verschicken. Doch allerorten wird nun die Nutzung amerikanischer Server und Internet-Dienste überprüft. Pingelige Prism-Checks stehen praktisch auf jedem Dienstplan.

Laut Japans Kabinetts-Sekretär Yoshihide Suga ist die Regierung in Tokio dabei, mit Blick auf die Schlapphut-Offensive in den USA die komplette Online-Sicherheit zu überprüfen.

Für die US Techfirmen könnte das erhebliche Probleme beim Absatz bedeuten, vor allem bei öffentlichen Ausschreibungen. Was passiert mit verschlüsselter Kommunikation der Kunden, wenn der US-Lieferant die eigene Verschlüsselungstechnik der NSA weitergibt ? Sind Daten eines europäischen Mittelständlers in der "Cloud" eines US-Unternehmens noch sicher ?

Fragen, die sich Tausende von Firmen auf dieser Seite des Atlantiks nun stellen. Im Internet kursieren bereits Boykott-Aufrufe gegen Facebook  , Microsoft  , Google  und Konsorten, auch im Blog des Harvard Business Review, in dem der Autor feststellt: "Die vergangenen Wochen haben die Beziehung zwischen der Europäischen Union und den USA grundlegend verändert."

Klage gegen NSA, FBI und sieben Technologieriesen aus den USA

In der Tat: Nicht wenige in Brüssel wollen das künftige Freihandelsabkommen mit den USA, das seit Anfang Juli in einer ersten Runde in Washington verhandelt wird, vom Verhalten der USA in der Prism-Affäre abhängig machen. Und die EU-Kommission denkt laut über die Verlegung von Cloud-Zentren nach Europa nach. Im Klartext: Der "Daten-Totalitarismus" in den USA stellt mehr als die Hälfte der weltweit führenden Online-, Software und Hardware-Firmen vor ein Dilemma: Der US-Regierung helfen, oder die Kunden schützen.

Eine falsche Antwort könnte immensen Schaden anrichten. In Frankreich wurde am 11. Juli Klage gegen die NSA, das FBI sowie sieben Techfirmen der USA - darunter Microsoft  , Yahoo  und Apple  - eingereicht. "Das eklatante Eindringen in die Sphäre privater Personen stellt eine ernste Bedrohung ziviler Freiheiten dar und könnte, wenn sie nicht gestoppt wird, die Herrschaft der Gesetze beenden", heißt es in der Klageschrift.

Die Vizepräsidentin der EU-Kommission Neelie Kroes beklagt, dass die Spähaktionen der NSA eine Atmosphäre des Misstrauens bei Cloud-Anwendern geschaffen hätten. "Warum sollten Sie jemanden dafür bezahlen, dass er Ihre Geschäftsgeheimnisse speichert, wenn Sie davon ausgehen müssen oder wissen, dass die Daten gegen Ihren Wunsch weiter gegeben werden?"

Auch in den USA selbst werden solche Fragen gestellt - wenn auch nur vereinzelt. Im IT-Magazin "The Register" wird in dem Kommentar "Warum ich die US-Wolke boykottiere" festgestellt, "ich fühle mich ethisch daran gebunden,, mit meinem Geldbeutel (über diese Affäre) abzustimmen."

Große Nervosität im Silicon Valley

Kommentare und Aufrufe wie diese haben im Silicon Valley große Nervosität ausgelöst. "Unsere Firmen setzen für Milliarden Dollar Produkte und Dienstleistungen in Übersee ab, und keine dieser Firmen kann ihren Kunden Sicherheit vor amerikanischen Spionen garantieren", wettert der IT-Spezialist John Dvorak: "Glaubt außer mir noch jemand, dass dies ein Problem für den Handel ist?"

In Zeitungen wie der San Diego Union-Tribune wird ausgesprochen, was die kommerziellen Prism-Mittäter nun umtreibt: "Wir sollten uns sorgen über die Folgen, die dieser Skandal für die Industrie von Kalifornien hat." Das Problem des Sunshine State sei nicht, dass US-Behörden flächendeckend lokale Kommunikation aufzeichnen, sondern dass sie das mit Ausländern machen.

"Unsere führenden Branchen, Reedereien, Tourismus, Technologie und Unterhaltung, können nicht überleben ohne das Vertrauen und den guten Willen im Ausland. Wir beheimaten zwei der verkehrsreichsten Häfen der Welt, wir sind der führende Exporteur von Ingenieurleistungen, Design, Architektur und Finanzen, unsere Wappen-Firmen, Apple  , Google, Facebook, Oracle  , Intel  , Hewlett-Packard, Chevron und Disney, hängen von Verkäufen in Übersee ab", heißt es dort.

Großteil der Verkaufserlöse kommt aus Übersee

In der Tat: Bei Apple kommen 61% der Verkaufserlöse aus Übersee. In Europa werden pro Quartal über 12 Milliarden Dollar Umsatz erzielt. Doch Europa und Asien, wo sich jetzt Widerstand gegen die US-Techriesen regt, haben bereits in den jüngsten Quartalen die Verkaufszuwächse in der Apple-Bilanz gedämpft.

Für den Betreiber der weltweit größten Suchmaschine, Google, stellt Europa den größten Markt in Übersee dar. Bei Microsoft steuerte 2012 das Auslandsgeschäft 93 Prozent zum Vorsteuergewinn bei. Und die Nutzerzahlen von Facebook wachsen viel schneller außerhalb der USA als auf dem Heimatmarkt.

Auch die enttäuschenden Bilanzzahlen von Firmen wie Google und Microsoft haben in der vergangenen Woche gezeigt: Die Verkäufe in Europa leiden unter der Marktschwäche in weiten Teilen des Kontinents.

In Asien macht sich derweil erstmals das Abbremsen der großen Schwellenmärkte bemerkbar. Eine Tabelle der fünf größten Softwarefirmen der Welt, die das Researchunternehmen IDC Worldwide erstellt hat, illustriert für das vergangene Jahr rückläufige globale Marktanteil für Microsoft und IBM sowie Stagnation bei Oracle, während SAP leicht zulegen konnte. Bei Microsoft, wo das Geschäft unter dem Umbruch in der Computerwelt leidet, setzt man Hoffnungen auf Firmenkunden und die Cloud. Doch genau in diesen Segmenten könnte sich der Rummel um den Prism-Skandal negativ niederschlagen.

Techriesen als Komplizen der Geheimdienste

Ausgerechnet in den verbliebenen Wachstumsmärkten in Übersee könnte jetzt Gegenwind für die US-Internet- und Software-Schmieden aufkommen. Dort sieht man die jüngste Forderung führender Internetfirmen an die Adresse der NSA, bei der Überwachung ein bisschen Transparenz walten zu lassen, als scheinheilig. Zu lange waren die Tech-Konzerne als Komplizen tätig, ohne ihre Kunden aufzuklären.

Die US-Konzerne sind in Europa ohnehin ins Visier von Wettbewerbshütern geraten. Google erreicht mit seinem Suchmaschinen-Geschäft in einigen Einzelmärkten der EU bis zu drei Viertel Marktanteil. Das hat die Europäische Union auf den Plan gerufen. Und die Kommission hat erst im März eine Strafe von 561 Millionen Euro gegen Microsoft verhängt, wegen der Browser-Auswahl bei Windows.

Google wiederum wurde vor wenigen Tagen von EU-Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia aufgefordert, im drei Jahre währenden Antitrust-Verfahren endlich mehr Details offen zu legen. Nicht zu vergessen die Versuche europäischer Regierungen, die Steuerschlupflöcher zu schließen, die Internet-Riesen wie Google, Amazon und Apple in den vergangenen Jahren weidlich ausgenutzt haben. Vor einem Jahr durchsuchten französische Fahnder das Büro von Google in Paris und präsentierten dem Unternehmen anschließend einen Steuerbescheid über 1,7 Milliarden Euro.

Lauschangriff und Steuertricks: Der Ruf der Techschmieden ist lädiert

Der Druck nimmt für die US Techschmieden zu einer Zeit zu, in der die USA ohnehin fallende Marktanteile im globalen IT-Geschäft beklagen. Und das, während Barack Obama bis 2015 die Exporte der US-Wirtschaft verdoppeln will. Zwar spielen in den USA die wissens- und technologieintensiven Industrien laut den Science and Engineering Indicators 2012 mit 40 Prozent des BIP eine deutlich größere Rolle als in Europa (32%) und in Japan (30%). Doch der US-Anteil an der globalen Produktion dieser Industrien ging demnach im vergangenen Jahrzehnt von 42 auf 33 Prozent zurück. Und der US-Anteil an den weltweiten High Tech-Exporten fiel von 22 Prozent Ende der 90er Jahre auf 15 Prozent am Ende des vergangenen Jahrzehnts.

Die USA haben im Wettlauf um die High Tech-Dominanz, in dem China immer mehr aufholt, viel zu verlieren: Ihre Industrien produzierten 2010 Technologiegüter für satte 390 Milliarden Dollar. Und ausgerechnet bei den nächsten großen Zukunfts-Geschäften, dem Gang in die Wolke und dem Geschäft mit großen Datensammlungen, ziehen für die US-Firmen nun dunkle Wolken auf.

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