Der Uber-Hype Achtung, die Verrückten sind unterwegs!

Uber hat fast drei Milliarden Dollar Spielgeld. Investoren haften dem fünf Jahre jungen Startup ein Preisschild von mehr als 40 Milliarden Dollar an. Die spinnen doch, denken Sie nun bestimmt! Stimmt, absolute Spinner! Nur leider kommt diese Spezies von Verrückten ganz gut durchs Leben.
Von Andrea Rungg
Uber-Chef Travis Kalanick auf einer Tech-Konferenz in San Francisco

Uber-Chef Travis Kalanick auf einer Tech-Konferenz in San Francisco

Foto: Getty Images

Hamburg - Uber ist ein rebellisches Unternehmen. Das Management, allen voran Gründer und Chef Travis Kalanick, geriert sich als schwer erziehbar. Er inszeniert sich als Rotzlöffel, verkleidet in feinen Anzügen. Dazu trägt er seriös anmutendes graumeliertes Haar. Er sitzt auf Podien cool in seinem Stuhl, als habe er ihn gerade spielend erobert. Er bezeichnet seine Gegner, in der Regel die Taxiindustrie, als Arschlöcher. Seine Wettbewerber lässt er sabotieren.

Für kritische Reporter erwägt ein Top-Manager eine Schmutzkampagne. Es dürfe nur niemand wissen, dass Uber dahinter stecke. Protestierenden Fahrern, ohne die es den Service gar nicht geben würde, droht der Uber-Chef mit automatisierten fahrerlosen Autos. Manche Politiker findet Kalanick wunderbar, die meisten seien aber uninspiriert. Natürlich sind jene uninspiriert, die in ihm nicht den Genius erkennen, die nicht gleich jedes Gesetz für ihn umschreiben. Ach ja, und mit dem Datenschutz nimmt es das Unternehmen auch nicht so genau, aber daran sind Nutzer schon fast gewöhnt.

Fotostrecke

Fahrdienst im Größenwahn: Wie Uber zum meistgehassten Startup wurde

Foto: Tobias Hase/ dpa

Gerade das Rebellische, das Verbotene, dieses Zerstörungswütige, das macht Uber für Investoren so interessant. Unter anderem dafür schmeißen sie dem Unternehmen seit der Gründung insgesamt fast drei Milliarden Dollar hinterher und glauben dabei, das Unternehmen sei mehr als 40 Milliarden Dollar wert. Verrückt, muss man sagen. Aber als netter, höflicher Biedermann ist im Silicon Valley noch keiner über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden. Für Kalanick ist es gar eine Auszeichnung als Zerstörer, als Rebell klassifiziert zu werden. Einer der Besprechungsräume bei Uber heißt "War Room". Der Name ist für das Unternehmen durchaus Programm. Ein Investor Ubers sagte mal, dass man kein Zerstörer sein könne ohne dabei auch Arschloch zu sein .

Das Silicon Valley hat nun einmal eine Zerstörer-Kultur, die im besten Fall mit etwas Schöpferischem daherkommt. Das mag nicht jeder gut finden, aber es ist nun einmal eine Tatsache, dass Millionen, manchmal gar mehr als eine Milliarde Menschen Angebote aus dem Silicon Valley nutzen. Ob Microsoft , Apple , Google , Amazon , Facebook  - ihre Schöpfer sind und waren keine Heiligen.

Es geht nicht nur um die Beförderung von Personen

Wie häufig hat man in der Vergangenheit bereits gedacht, das kann doch nicht gut gehen, wenn man sich nur Feinde schafft, wenn ein Unternehmen dauernd glaubt, Regeln brechen zu müssen, wenn die Gründer sich aufführten, als gehöre ihnen die Welt. Und dann ist es doch immer gut gegangen und das Wachstum ging unaufhaltsam weiter. Wer kühn war, wer unvorstellbares wagte, der hat es meistens weit geschafft. Für Produkte die unser Leben vermeintlich vereinfachen sehen wir Verbraucher über vieles hinweg - schlimmer, es interessiert uns oft nicht. Wir sind eben bequem.

Die Investoren haben Uber nicht nur viel Geld zu einer derartig hohen Bewertung nachgeworfen, weil Uber Personen von A nach B befördern will. Sicherlich ist jeder entwickelte Markt für sich genommen einer mit einem Umsatzvolumen im niedrigstelligen Milliardenbereich. In Deutschland beispielsweise lag das Umsatzvolumen im Jahr 2012 nach Angaben des statistischen Bundesamtes bei rund 3,7 Milliarden Euro. Das Potenzial ist also durchaus da, will Uber alleine Personen befördern.

Das Unternehmen glaubt aber auch daran, binnen Minuten mehr als nur Personen transportieren zu können. Wenn Sie über die Tannenbäume noch lachen, die Uber im vergangenen Jahr in US-Großstädten transportieren ließ, dann werden Sie vielleicht bald nicht mehr lachen, wenn Sie irgendwann im Laden etwas bestellen und es ihnen via Uber zugestellt wird. Es ist zweifelsohne ein kühner Plan, aber die Realität zeigt auch, dass viele Menschen in Großstädten kein Auto mehr besitzen und Paketzusteller unter der Masse an Kartons fast zusammenbrechen. Die meisten werden es sicherlich als bequem empfinden, wenn das Paket durch die bloße Berührung unseres Smartphones geliefert wird.

Der Verbraucher neigt zur Bequemlichkeit. Koste es, was es wolle

Da dürfte es dann irgendwann vergessen sein, dass Uber sehr viel Geld in Gerichtsprozessen verbrannte, damit es überhaupt in vielen Städten in vielen Ländern aktiv sein darf. Wen interessiert es irgendwann noch, dass der Chef von Uber lange ein "Arschloch"-Image pflegte, weil das quasi zur Krönung im Silicon Valley dazugehörte? Es wird Entschuldigungen geben, es wird ein bisschen Demut versprochen - und dann geht es weiter.

Und das stellt Uber sich so vor: Der Markt wird schon irgendwann regeln, wie wir mit Unfällen, Versicherungsfällen und Taxifahrern umgehen, die möglicherweise in Existenznöte geraten sind, weil die Preise für Fahrten im Keller sind. Uber wird Milliarden Dollar Umsatz machen, hohe Gewinne erzielen und bald unter Jubel an die Börse gehen und noch mehr Milliarden Dollar einsammeln. Wer den ganzen Zirkus nicht mitmacht, der gilt als rückständig, der ist noch nicht im digitalen Zeitalter angekommen. Das gilt für Gesetzgeber, für Taxifahrer und Nutzer gleichermaßen. So kolportierte es Uber gerne zuletzt.

Wenn man sich das Geschäftsgebaren von Uber anschaut, dann beschleicht einen das Gefühl, dass Unternehmen habe den Werbespruch "Think Different" von Apple aus dem Jahr 1997 Wort für Wort inhaliert und noch ergänzt um eine Attitüde, die einen anwidert. Gerade deshalb fällt es noch schwerer das Unternehmen zu ignorieren - auch wenn man es durchaus gerne tun würde.

In "Think Different" hieß es damals: "An alle, die anders denken: Die Rebellen, die Idealisten, die Visionäre, die Querdenker, die, die sich in kein Schema pressen lassen, die, die Dinge anders sehen. Sie beugen sich keinen Regeln, und sie haben keinen Respekt vor dem Status Quo. Wir können sie zitieren, ihnen widersprechen, sie bewundern oder ablehnen. Das einzige, was wir nicht können, ist sie zu ignorieren, weil sie Dinge verändern, weil sie die Menschheit weiterbringen. Und während einige sie für verrückt halten, sehen wir in ihnen Genies. Denn die, die verrückt genug sind zu denken, sie könnten die Welt verändern, sind die, die es tun."

Gut möglich, dass auch Uber künftig diesem Credo gerecht wird und der wirtschaftliche Erfolg tatsächlich kommt. Auch wenn sich dann kaum jemand mit Firmenchef Kalanick darüber freuen würde - außer die Investoren natürlich.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.