Warum wir Fußball-Rambos verklären Robos statt Ramos

Von Sascha L. Schmidt
Übler Treter: Real Madrids Sergio Ramos hält gerne mal drauf

Übler Treter: Real Madrids Sergio Ramos hält gerne mal drauf

Foto: Lalo R. Villar/ AP
Sascha L. Schmidt
Foto: Falco Peters

Sascha L. Schmidt  ist Lehrstuhlinhaber und Leiter des Center for Sports and Management (CSM)  an der WHU - Otto Beisheim School of Management. Dort widmet er sich der "Zukunft des Sports" als einem seiner zentralen Forschungsschwerpunkte. Zudem ist er akademischer Leiter der "SPOAC - Sports Business Academy by WHU" , die sich als Weiterbildungsinstitution für künftige Führungskräfte im Sportbusiness etabliert hat. Schmidt studierte, promovierte und habilitierte an den Universitäten Essen, Zürich, St. Gallen, der EBS Universität in Oestrich-Winkel sowie an der Harvard Business School in Boston und war danach Strategieberater bei McKinsey und Unternehmer.

Sergio Ramos von Real Madrid mag vieles sein, einer der besten Verteidiger der Welt zum Beispiel. Weltmeister, Europameister, mehrfacher Champions-League-Sieger. Eines aber ist Ramos nicht: ein vorbildlicher Sportsmann. Im Champions-League-Finale gegen den FC Liverpool streckte der Spanier erst Liverpools Starstürmer Mo Salah mit einer Art Judo-Rolle nieder, so dass dieser verletzt und unter Tränen den Platz verlassen musste. Wenig später rammte Ramos - vom Schiedsrichter unbemerkt - Liverpools Torhüter Loris Karius die Schulter gegen den Kopf. Ob die beiden kapitalen Fehler, die Karius sich danach leistete und die den Madrilenen am Ende zum Sieg verhalfen, das Resultat einer Gehirnerschütterung waren, die sich der Keeper bei Ramos' Angriff zuzog, ist naheliegend, aber nicht zweifelsfrei zu belegen.

Dass Ramos seinen Gegner noch Tage nach dem Finale verhöhnt  ("Nachdem der Torhüter behauptet, er hatte nach der Kollision mit mir eine Gehirnerschütterung, fehlt nur noch, dass Firmino sagt, er hätte eine Erkältung bekommen, weil einige meiner Schweißperlen auf ihm gelandet sind.") ist an Arroganz und Unsportlichkeit kaum zu überbieten. Sergio Ramos ist das egal. Er will einfach immer gewinnen, egal wie. Diese Einstellung zieht sich durch seine ganze Karriere.

Nun geht es im Sport aber immer auch um Fair Play. Gerade im Fußball, der wie keine andere Sportart weltweit so sehr unter dem Brennglas der Öffentlichkeit steht, haben die Spieler auch eine Vorbildfunktion zu erfüllen. Ramos ist sich dessen wohl eher nicht bewusst.

"Brutal effektiv" in einer Fair-Play-Welt

Komischerweise nimmt das Image des Abräumers in der öffentlichen Wahrnehmung trotzdem kaum Schaden. Ramos sei einfach ein "brutal effektiver" Spieler, der "vor Nichts zurückschrecke" und "unbedingt gewinnen" wolle, so die einhellige Meinung. "So einen Spieler wie Ramos möchte doch jeder gerne in seiner Mannschaft haben", las und hörte man kurz nach dem Finale von vielen tatsächlichen und vermeintlichen Experten.

Offensichtlich leidet weder das Image des Klubs, noch der Marktwert des Spielers Sergio Ramos unter seiner Spielweise. Im Gegenteil: Real Madrid ist global gesehen einer der beliebtesten und angesehensten Clubs. Und Ramos' Marktwert ist - trotz seiner 32 Jahre - so hoch wie nie zuvor.

Das war doch nix: Ramos in seinem Element (hier mit Opfer Salah)

Das war doch nix: Ramos in seinem Element (hier mit Opfer Salah)

Foto: SERGEI SUPINSKY/ AFP

Der Spanier ist ein sogenannter "Aggressive Leader", auch Mark van Bommel, Genaro Gattuso oder Marc Wilmots zählten zu diesem Spielertypus. Sie haben eines gemeinsam: Trotz ihrer Spielweise sind sie bei den meisten Fans in durchaus positiver Erinnerung geblieben. Auch von ihnen heißt es, dass sie "unangenehme Gegner", echte "Kampfschweine" waren.

Dass van Bommel selbst im letzten Spiel seiner Karriere mit Gelb-Rot vom Platz flog? "Stilecht, beinahe formschön", schrieb das Branchen-Blatt "11Freunde" im Jahr 2013 darüber. Imageschaden? Fehlanzeige!

Dabei ist Fair Play gerade im Milliardengeschäft Profifußball von zentraler Bedeutung für seine Glaubwürdigkeit - dies ist im Sinne der Vereine, der Spieler und auch der Zuschauer. Nicht umsonst gibt es die Torlinientechnologie. Auch der Video-Assistent ist an den Start gegangen, um menschliche Fehler zu minimieren, und das Spiel fairer zu machen.

Warum werden aber in diesem auf Gerechtigkeit getrimmten Kontext unfair agierende Spieler wie Ramos zu vermeintlichen Helden verklärt?

Spektakel wie am alten Rom

Ein Grund liegt im Naturell des Menschen begründet. Schon im alten Rom dienten Gladiatorenkämpfe zur Volksbelustigung. Sie waren blutig, unappetitlich, es ging um Leben und Tod. Trotzdem - oder gerade deswegen - haben die Römer sie geliebt. Zehntausende Menschen strömten damals in die Arenen, um das Spektakel mitzuerleben. Nun ist die Römerzeit lange her, die modernen Menschen sind anders sozialisiert und aus ethischen Gründen gibt es keine Gladiatorenkämpfe mehr. Dennoch ist das Grundbedürfnis nach Spektakel geblieben, wenn auch in anderer Form.

Der Fan will unterhalten werden. Er will Höchstleistungen und Rekorde sehen. Heute sind es Sportveranstaltungen, die Menschenmassen in Arenen locken, egal ob auf dem Fußballplatz, im Boxring oder auf der Rennstrecke.

Kampfroboter statt Sportler?

Der renommierte israelische Zukunftsforscher Yuval Noah Harari prophezeit, dass neue Leistungsrekorde in Zukunft eher bei den Paralympischen Spielen aufgestellt werden als bei Olympischen Spielen. Allein der technische Fortschritt entscheide darüber, wann es so weit sein wird. Schon vor den Olympischen Spielen 2012 wurde die Teilnahme des unterschenkelamputierten Sprinters Oscar Pistorius, der mit zwei Beinprothesen antrat, intensiv diskutiert. Auch wenn der Südafrikaner weit von den Medaillenrängen entfernt abschnitt, wurde die grundsätzliche Chancengleichheit infrage gestellt, da Prothesen nicht ermüden.

Diese Frage wird in Zukunft immer relevanter werden. Denn irgendwann wird es die Technik erlauben, dass Menschen mit Prothesen schneller laufen können als Menschen ohne Hilfsmittel. Gut möglich, dass die Paralympischen Spiele dann mehr Zuschauerinteresse hervorrufen als Olympia. Schnellere Menschen bieten ein größeres Spektakel. Spinnt man diesen Gedanken weiter, ist es nicht undenkbar, dass der Mensch selbst irgendwann gar nicht mehr im Mittelpunkt des Spektakels steht.

Kampfroboter statt Sportler

Was bedeutet das für den Sport? Der Science-Fiction-Streifen "Real Steel" von 2011 handelt von Robotern, die im Jahr 2020 statt Menschen im Boxring gegeneinander antreten. Der Grund: Normale Boxkämpfe sind den Zuschauern nicht spektakulär genug. Ähnlich wie bei Gladiatorenkämpfen im alten Rom dürsten die Menschen nach einem Überlebenskampf, nach der totalen Zerstörung im Boxring. Da dies in einer zivilisierten Gesellschaft zwischen menschlichen Athleten nicht möglich ist, werden hoch entwickelte Kampfroboter im Ring eingesetzt.

Diese Faszination von Roboterkämpfen ließe sich ja durchaus auch auf Sportarten wie den Fußball übertragen. Völlig abwegig erscheint der Gedanke nicht. So verfolgen die Anhänger des "Robo-Cups", einer weltweiten Gemeinschaft aus Zehntausenden Mitgliedern, die Vision, im Jahr 2050 mit einem Team aus autonom agierenden Robotern gegen den amtierenden Fußballweltmeister anzutreten - und zu gewinnen.

Noch sehen ihre Roboter relativ unbeholfen aus. Aber es bleiben ja auch noch mehr als 30 Jahre, um das Ziel zu erreichen. Was wohl Sergio Ramos dazu sagen würde?

Sascha L. Schmidt ist Professor an der WHU - Otto Beisheim School of Management und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.