Facebook mischt Dating-Markt auf So läuft das Tinder-Geschäft

Mark Zuckerberg präsentiert Facebooks Dating-Funktion

Mark Zuckerberg präsentiert Facebooks Dating-Funktion

Foto: STEPHEN LAM/ REUTERS

Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis Mark Zuckerberg noch einmal auf die Idee kam, die schon am Anfang von Facebook stand: mit digitalen Profilen einfache Verbindungen zwischen möglichen Liebespartnern herstellen. Das Gründungsmotiv des heutigen Giganten im globalen Werbegeschäft war, die Harvard-Kommilitonen beider Geschlechter übersichtlich nach Gesicht zu sortieren. Beziehungsstatus: "It's complicated."

"Geschmeichelt" nennt sich nun Mandy Ginsberg, "dass Facebook in unseren Raum kommt und die globale Chance in dem sieht, was wir tun". Ginsberg ist Chefin der Match Group, die wohl am meisten zu verlieren hat, wenn Facebook  tatsächlich den Markt der Dating-Apps aufmischt.

Tinder, das in den vergangenen Jahren die vorige Revolution der Partnervermittlung anführte, ist nur ihr bekanntestes Produkt. Jede dritte Beziehung, wollen vom Unternehmen beauftragte Forscher herausgefunden haben, gehe heute auf ein Dating-Produkt zurück - und davon wiederum 60 Prozent aus dem Hause Match. Die nervöse Reaktion des Aktienkurses  zeigt, dass diese starke Stellung im rasant wachsenden Markt durchaus noch bedroht werden könnte.

Wie viel für Tinder von Facebook abhängt

Tinder setzt zunehmend auf freiwillige kostenpflichtige Angebote

Tinder setzt zunehmend auf freiwillige kostenpflichtige Angebote

Foto: © Mike Blake / Reuters/ REUTERS

Von Facebook hängt ziemlich viel ab. Tinder ist nur deshalb so einfach und zieht massenhaft Nutzer an, weil die App auf die im Facebook-Profil sowieso vorhandenen Daten wie Bilder oder persönliche Interessen zugreift. Werbung läuft über das Facebook Ad Network ein. Tinder ist also ein Musterbeispiel für ein Angebot, das sich in Facebooks Ökosystem eingerichtet hat.

Umgekehrt profitiert Facebook davon, dass zumindest ein Teil seiner zwei Milliarden Nutzer auch wegen Tinder (220 Millionen Mal heruntergeladen) im sozialen Netzwerk unterwegs ist. Allerdings lag der Gedanke nahe, einen solchen Dating-Dienst gleich selbst anzubieten.

Das Freemium-Modell lebt von der schieren Masse der Nutzer: Man muss nicht für den Dienst bezahlen, ein kleiner Teil tut es aber für Zusatzfunktionen wie ein höheres Ranking des eigenen Profils, Ausblenden der Werbung oder anonymes Beobachten. Zum erst seit 2015 angebotenen Abomodell "Tinder Plus" kommt nun das etwas teurere "Tinder Gold", zusammen mit inzwischen mehr als drei Millionen zahlenden Abonnenten.

Nach eigenen Angaben unter Berufung auf die Analyseplattform App Annie ist Tinder weltweit die Nicht-Spiele-App mit dem zweithöchsten Umsatz, nur übertroffen von Netflix . Profitabel ist das Unternehmen anscheinend auch - für Match insgesamt gilt das auf jeden Fall.

Ein Mann profitiert am meisten vom Dating-App-Boom

Tinder ist klarer Marktführer der Dating-Apps

Tinder ist klarer Marktführer der Dating-Apps

Foto: Mike Blake/ REUTERS

Tinder wurde aus dem texanischen Unternehmen Match heraus 2012 gegründet. Damit hat sich der Pionier des Online-Datings in den USA mit einer seit 1993 bestehenden Plattform seinen wichtigsten Herausforderer selbst geschaffen, bevor es ein anderer tut. Match.com selbst läuft weiter mit mehr als 100 Millionen registrierten Nutzern, die zwar weniger hektische Swipe-Bewegung entfalten als die Tinder-Kunden, aber für verlässliche Zahlungsströme sorgen.

Seit einigen Jahren hat Match zudem einige der wichtigsten Wettbewerber gekauft, beispielsweise das in Nordamerika und Brasilien populäre Plenty of Fish oder OKCupid, eine ebenso spielerische, aber weniger oberflächliche Tinder-Alternative. Mit der französischen Meetic kam der europäische Marktführer hinzu, einschließlich etablierter deutscher Plattformen wie dem früher zur Deutschen Telekom  gehörenden LoveScout24 oder neu.de. In China - im Online-Dating ausnahmsweise nur der zweitgrößte Markt hinter den klar dominierenden USA - ist Match an Zhenai beteiligt, neuerdings als Juniorpartner des Finanzinvestors PAG Asia Capital.

Die mobilen Angebote verdrängen zwar die aufwändigeren und teureren Website-basierten Partnervermittlungen. Der schnelle Wandel zum Freemium-Abomodell sorgt aber inzwischen für satte Gewinnmargen, auch wenn die Erlöse noch überschaubar sind. Für 2017 meldete die Match Group einen Umsatz von 1,3 Milliarden Dollar und 350 Millionen Dollar Nettogewinn.

Die Match Group gehört mehrheitlich zum Internetkonzern IAC , ein Minderheitsanteil wurde 2015 separat an die Börse gebracht. Damals wurden die Aktien  nur am unteren Ende der Preisspanne zu 12 Dollar gekauft. Seitdem stieg der Kurs fast auf 50 Dollar - bis zum Zuckerberg-Schock. Der brachte einen Einbruch auf 35 Dollar, doch das ist immerhin noch das Niveau von Anfang Februar. Hauptprofiteur der Rally ist IAC-Großaktionär Barry Diller.

Alle 16 Monate verliebt sich ein Finanzinvestor in Parship Elite

Parship-Elite-Chef Tim Schiffers

Parship-Elite-Chef Tim Schiffers

Foto: manager magazin online

Als "führender Anbieter für Online-Partnervermittlung in Europa" sieht sich auch die Hamburger Parship Elite Group - die allerdings voll auf das traditionelle Geschäftsmodell im Gegensatz zu den schnellen Apps setzt. Gerade besserverdienende Singles mit wenig Zeit, so das Kalkül, geben lieber etwas mehr Geld für ernsthafte Partnersuche anstelle des Tinder-Einerlei aus und investieren auch den Aufwand, sorgfältig mit Fragebogen ihr Profil zu gestalten.

Tatsächlich werden die Abos, die nominell teils mehr als 50 Euro Monatsgebühr kosten, oft mit hohem Rabatt angeboten. Tinder und Co. wirken anscheinend als Preisbrecher.

Parship Elite hat eine Serie von Besitzerwechseln in kurzer Zeit hinter sich. Zum Jahresbeginn hat der gerade aus dem Dax ausgeschiedene Fernsehkonzern ProSiebenSat.1  das Unternehmen in das digitale Handelsgeschäft Nucom ausgegründet, mit dem US-Finanzinvestor General Atlantic als Minderheitspartner.

Riesigen Gewinn hat mit Parship Elite vor allem die Private-Equity-Firma Oakley Capital gemacht, die in 16 Monaten Beteiligung ihren Einsatz mehr als verdreifacht hat. Die Geschäftsaussichten sind aber nicht mehr ganz so rosig. Statt 10 Prozent rechnet das Unternehmen nur noch mit 4,6 Prozent jährlichem Wachstum. Für 2017 weist der Geschäftsbericht von ProSieben einen Jahresverlust der Parship Elite Group von 1,9 Millionen Euro aus.

Auch Lovoo hat einen Partner gefunden

Polizisten durchsuchen die Geschäftsräume von Lovoo (Juni 2016)

Polizisten durchsuchen die Geschäftsräume von Lovoo (Juni 2016)

Foto: Arno Burgi/ dpa

Den Titel als deutscher Marktführer kann auch Lovoo für sich in Anspruch nehmen - zumindest, was die Zahl der Downloads von Dating-Apps angeht. Das Dresdener Unternehmen ist einer von vielen lokalen Tinder-Konkurrenten, die in einzelnen Märkten die Dominanz der globalen Marke überstrahlen.

So ist beispielsweise die von einem französischen Startup lancierte App Happn Marktführer in New York - in Metropolen lohnt sich deren Modell eher, Zufallsbegegnungen im echten Leben digital zu unterstützen. In Japan führt YYC, in Kalifornien das an Homosexuelle gerichtete Grindr - und in deutschsprachigen Ländern eben Lovoo.

Furore machte das Unternehmen vor allem 2016 mit einer Polizeirazzia und Betrugsvorwürfen, unter anderem wegen gefälschter Profile. Ein häufiges Problem mancher Dating-Plattformen ist der Überschuss männlicher Nutzer auf Partnersuche, der sich nicht immer vom Algorithmus regulieren lässt.

Nichtsdestotrotz fand sich auch für Lovoo im November 2017 ein Käufer. Die börsennotierte US-Firma The Meet Group  überwies 60 Millionen Euro nach Sachsen. Sie versammelt mehrere Plattformen wie Meetme oder Skout, die an der Grenze zwischen sozialem Netzwerk für High-School-Schüler und Flirt-App immerhin 14 Millionen monatlich aktive Nutzer zählen.

Geschäftlich waren die Ergebnisse zuletzt miserabel: Auf 124 Millionen Dollar Umsatz verbuchte die Meet Group im vergangenen Jahr 64 Millionen Dollar Verlust. Im Eiltempo werden jetzt Anzeigenerlöse durch Nutzergebühren ersetzt.

Die feministische Offensive mit russischer Hilfe

Tinder- und Bumble-Gründerin Whitney Wolfe

Tinder- und Bumble-Gründerin Whitney Wolfe

Foto: REUTERS

Als einziger Tinder-Rivale kann sich wohl Badoo mehr als nur regional oder in Nischenmärkten behaupten. Die Plattform wurde bereits 2006 von Andrej Andrejew in Russland gegründet und ist heute mit fast 390 Millionen registrierten Nutzern die Nummer eins in mehreren Ländern Lateinamerikas, Süd- und Osteuropas sowie Afrikas.

Badoo setzte schon früh auf Einnahmen aus Kleinbeträgen für Zusatzdienste im generellen Gratisangebot. "Kleinen Umsatz von zehn Millionen Nutzern im Monat zu kassieren ist besser als ein großer Vertrag mit Coca-Cola", sagte der zumeist öffentlichkeitsscheue Andrejew einmal in einem Interview. Angeblich erreichte Badoo auf diese Weise schon 2012 rund 150 Millionen Dollar Umsatz und schon zwei Jahre zuvor die Gewinnschwelle.

Damals bereits kursierten Milliardenbewertungen und Gerüchte über einen Börsengang. Doch Andrejew und seine Manager verkauften nie, außer frühe Minderheitsanteile an den russischen Finam Technology Fund. Offizielle Geschäftszahlen sind daher nicht zu haben.

Badoo beteiligte sich auch mit Kapitalmehrheit an der von Tinder-Mitgründerin Whitney Wolfe 2014 gestarteten App Bumble, die sich mit rund 27 Millionen Downloads auch schon in einigen US-Staaten vor Tinder geschoben hat. Wolfe sorgte mit einer Belästigungsklage gegen Ex-Kollegen aus der Tinder-Führung für Aufsehen. Bumble wird als frauenfreundliche Alternative vermarktet und bietet auch die Funktion an, nur eine platonische Freundschaft zu suchen.

Laut Presseberichten lehnten Andrejew und Wolfe im vergangenen Jahr ein milliardenschweres Kaufangebot von der Tinder-Mutter Match Group ab. Die beiden Unternehmen streiten sich auch mit ähnlich teuren Klagen vor Gericht. "Wir werden euch nie gehören", verkündete Bumble im März per ganzseitiger Anzeige in der "New York Times".

Nur noch ein Player auf Chinas Dating-App-Markt

Chinesinnen machen Selfie in einem Pekinger Cafe

Chinesinnen machen Selfie in einem Pekinger Cafe

Foto: AFP

Ebenfalls von Tinder wegen Verletzung eines US-Patents verklagt wird die chinesische Dating-App Tantan. Die, nach eigenen Angaben für 3,3 Milliarden glückliche chinesische Paare verantwortlich, wurde im Februar für rund 750 Millionen Dollar von Momo übernommen, das seinerseits ebenfalls als Dating-Angebot gestartet war, sich aber zu einem allgemeinen sozialen Netzwerk verbreitert hat.

"Wir schaffen auf einen Schlag den einzigen verbliebenen Player auf Chinas Dating-App-Markt", frohlockte der Banker Jeremy Choi von China Renaissance, der den Deal begleitete.

Auch in China gibt es traditionelle Web-Partnerbörsen - deren größte sich bereits 2016 zusammengeschlossen hatten. Baihe übernahm Jiayuan, das seinen 170 Millionen Nutzern auch mehr als 100 Filialen zur Partnersuche anbietet. Das Geschäft ist mit umgerechnet 25 Millionen Euro Umsatz im ersten Halbjahr 2017 eher klein, aber hochprofitabel - und alles im Zeichen glücklicher Hochzeitspaare.

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