Sonntag, 15. Dezember 2019

Wettstreit der Autoaktien Warum die Börse Tesla höher einschätzt als Daimler oder BMW

Tesla Model Y: Dieses Modell könnte der US-Autobauer in Brandenburg bauen

Mit seinen Fabrikplänen in Deutschland stellt Tesla die hiesige Autoindustrie in den Schatten - genau wie zuletzt an der Börse. Doch Investoren gehen beim E-Autopionier aus den USA eine riskante Wette ein.

Der Coup ist gelungen: Völlig überraschend tauchte Tesla-Chef Elon Musk diese Woche in Berlin auf und verkündete, die lang erwartete europäische Produktionsstätte seines Unternehmens in Deutschland, genauer: in Brandenburg nahe der Hauptstadt, errichten zu wollen. Auf einen Schlag stand der Elektroautobauer aus Kalifornien wieder einmal groß im Fokus. Die heimischen Autohersteller Volkswagen Börsen-Chart zeigen, Daimler Börsen-Chart zeigen und BMW Börsen-Chart zeigen dagegen kamen in der Berichterstattung zu dem Ereignis meist nicht besonders gut weg.

Ähnlich lief es zuletzt an der Börse: Die Aktie von Tesla Börsen-Chart zeigen legte bis zum Sommer eine monatelange Talfahrt hin. Seither geht es jedoch aufwärts, und mit den erfreulichen Geschäftszahlen, die Konzernchef Musk Ende Oktober verkünden konnte, setzte das Papier zu einem regelrechten Höhenflug an. Auch die Aktien der hiesigen Autohersteller ließ Tesla dabei deutlich hinter sich: Auf Sicht von einem Monat beträgt das Kursplus der Amerikaner mehr als 30 Prozent, während Volkswagen, BMW und Daimler im allgemein guten Börsenumfeld auf Kursgewinne von weniger als 10 Prozent kamen.

Soweit die Momentaufnahme. Doch wie sieht es darüber hinaus aus? Hat Tesla mit dem jüngsten Quartalsgewinn tatsächlich die Wende zum Besseren geschafft? Können die Amerikaner dem Rest der Branche in Sachen moderner Mobilität künftig den Rang ablaufen, so wie es in dieser Woche den Anschein hatte? Und wie sieht die Lage aus Sicht der Aktionäre des Elektroauto-Pioniers aus?

360.000 Autos im Jahr 2019: Teslas Ziele bleiben sehr ambitioniert

Skepsis ist angebracht. Schon vor einem Jahr präsentierte Tesla-Chef Musk seinen Aktionären einen Quartalsgewinn - doch die Freude währte nicht lange. Seither häufte das Unternehmen erneut umfangreiche Verluste an. Zwar zeigen die jüngsten Geschäftszahlen, dass Tesla seine Produktionskosten erheblich senken konnte. Nicht zuletzt im Zusammenhang mit der beginnenden Autoherstellung in der neuen Fabrik in Shanghai sowie mit dem Bau des angekündigten Werkes in Brandenburg kommen jedoch hohe Ausgaben auf das Unternehmen zu. Und ob Tesla das anvisierte Ziel von 360.000 Auslieferungen in diesem Jahr tatsächlich erreichen wird, ist Analysten zufolge trotz der guten Zahlen aus dem dritten Quartal längst noch nicht ausgemacht.

Auf der anderen Seite ist die Lage der hiesigen Autobauer allerdings auch eher mau. Zwar konnten sowohl Volkswagen als auch BMW und Daimler zuletzt recht erfreuliche Geschäftsergebnisse für das dritte Quartal vorlegen. Der Vergleich zum Vorjahr wird allerdings bei allen drei Herstellern ein wenig verzerrt, weil die Geschäfte branchenweit in der zweiten Hälfte 2018 durch die Probleme mit dem neuen Abgastest WLTP belastet wurden.

Der Blick nach vorne gibt zudem wenig Anlass zu überschwänglichem Optimismus: Der US-chinesische Handelskonflikt schwelt nach wie vor, der Austritt Großbritanniens aus der EU ist weiter ungeklärt und die Konjunktursorgen sind noch längst nicht aus der Welt. All dies belastet die Geschäfte der weltweit agierenden Autobauer, deren Produktionszahlen bereits seit mehr als einem Jahr nach unten gehen.

Wettstreit ungleicher Gegner

Davon abgesehen handelt es sich beim viel beschriebenen Ringen zwischen Tesla und dem Rest der Autoindustrie ohnehin um einen Kampf zwischen ungleichen Gegnern. Auf der einen Seite steht das junge, wachstumsorientierte, zugleich jedoch nach wie vor insgesamt unprofitable Unternehmen aus Kalifornien, und auf der anderen die Phalanx von lange etablierten Großkonzernen, von denen jeder einzelne um ein Vielfaches mehr Autos verkauft als die Amerikaner, entsprechend deutlich größere Umsätze macht und selbstverständlich auch regelmäßig Milliardengewinne erzielt.

Ein Blick auf die Zahlen macht diese Diskrepanz deutlich: Der viel bejubelte Gewinn, den Tesla im dritten Quartal 2019 erzielte, betrug 143 Millionen Dollar (128 Millionen Euro). Der Wolfsburger Volkswagen-Konzern dagegen erzielte im gleichen Zeitraum ein operatives Ergebnis von 4,5 Milliarden Euro. Auch bei BMW und Daimler bewegte sich der Gewinn aus den drei Monaten im zehnstelligen Bereich.

Tesla deutlich mehr wert als Daimler oder BMW

Umso bemerkenswerter erscheint es, dass Tesla an der Börse mit den Großen der Autoindustrie in einer Liga zu spielen scheint. Immer wieder wird der Börsenwert des Unternehmens zitiert, der gegenwärtig etwa 63 Milliarden Dollar (57 Milliarden Euro) beträgt. Zum Vergleich: Daimler kommt momentan auf einen Marktwert von rund 54 Milliarden Euro, bei BMW sind es sogar weniger als 50 Milliarden Euro. Selbst der riesige Volkswagen-Konzern ist in den Augen der Investoren mit rund 90 Milliarden Euro nicht einmal doppelt so viel wert wie Tesla.

Automanager unter sich: BMW-Chef Oliver Zipse, Tesla-CEO Elon Musk und Volkswagen-Vorstandsvorsitzender Herbert Diess in dieser Woche in Berlin (v. l. n. r.).

Der Grund für dieses augenscheinliche Ungleichgewicht liegt in der bekannten Tatsache, dass an der Börse nicht Fakten gehandelt werden, sondern Erwartungen. Oder auch Hoffnungen. Das heißt: Gemessen an seiner aktuellen Unternehmenssituation mag Tesla deutlich überbewertet erscheinen. Die Anleger gehen jedoch offenbar davon aus, dass der Konzern dieses Kursniveau in den kommenden Monaten und Jahren mit Erfolgen rechtfertigen wird.

Der Aktienkurs Teslas spiegelt also eine Wette auf die Zukunft wider, und zwar eine Wette mit hohem Einsatz und entsprechend großem Risiko. Wie sehr die Investoren bei dem Elektroautobauer mit dem Feuer spielen, zeigt sich beispielsweise an der Kennzahl KGV, dem Verhältnis vom Aktienkurs zum Gewinn eines Unternehmens. Je höher dieses KGV, desto höher ist auch der Aktienkurs in Relation zum Gewinn des Unternehmens - desto mehr erwarten Investoren also von dem Unternehmen in der Zukunft.

Das KGV von BMW und Volkswagen beträgt gegenwärtig weniger als zehn und bewegt sich damit in einem vergleichsweise moderaten Bereich. Bei Daimler liegt der Wert mit rund 20 dagegen schon deutlich höher, Investoren trauen den Stuttgartern also momentan offenbar etwas mehr zu.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Für Tesla lässt sich im laufenden Jahr kaum ein KGV berechnen, weil ein Jahresgewinn gegenwärtig nicht absehbar erscheint. Im kommenden Jahr dagegen taxieren beispielsweise die Analysten der DZ Bank das mögliche KGV von Tesla auf mehr als 47. Die Researchfirma Refinitv kommt sogar auf einen Wert von rund 65. Das ist noch einmal mehr als das Dreifache des aktuellen Daimler-KGVs.

Beim Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV), einer anderen Kennzahl, mit der sich Unternehmensbewertungen miteinander vergleichen lassen, liegt Tesla zudem momentan um etwa das Zehnfache über anderen Autokonzernen. Investoren sollten diese Zahlen aufmerksam beobachten. Denn sie sind ein deutlicher Beleg für das hohe Anlagerisiko, das beim aktuellen Kursniveau mit der Tesla-Aktie verbunden ist.

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