Researchgate-Gründer Madisch "Man muss den Leuten die Vision zeigen"

Bill Gates ist mit einer Millionensumme investiert, drei Millionen Forscher nutzen es. Geht es nach den Machern, wird das Wissenschaftsnetzwerk Researchgate die Forschung revolutionieren. Gründer Ijad Madisch über deutsche Mentalitätsprobleme, den Standort Berlin und das nächste große Ding.
Forscherin in Barcelona: Das Wissenschaftsnetzwerk Researchgate will Forscher international besser verknüpfen

Forscherin in Barcelona: Das Wissenschaftsnetzwerk Researchgate will Forscher international besser verknüpfen

Foto: QUIQUE GARCIA/ AFP

mm: Herr Madisch, Facebook  und LinkedIn  kennt in Deutschland mittlerweile jeder. Bei Researchgate ist das noch anders. Wie unterscheidet sich Reseachgate von anderen sozialen Netzwerken?

Madisch: Researchgate ist ein soziales Netzwerk für Wissenschaftler, um Forschung schneller und besser zu machen. Dabei hat man sein eigenes Profil, in dem man seine wissenschaftlichen Publikationen und die Daten, die man kreiert hat, hochladen und mit anderen Forschern teilen kann - und dadurch dann andere Forscher finden kann, die einem bei Problemlösungen helfen können. An den Start gegangen sind wir Mitte 2008. Mittlerweile haben wir mehr als 3 Millionen Nutzer - fast die Hälfte aller Forscher weltweit.

mm: Gegründet haben sie das Portal in den USA, wo sie hingezogen sind, nachdem ihr deutscher Professor Ihnen zuvor gesagt hatte, das mit dem Portal für Wissenschaftler sei eine Schnapsidee. Dann sind sie aber zurückgekehrt nach Deutschland. Für ein Start-up heutzutage ist das doch eher untypisch. Wieso sind Sie nach Berlin gegangen?

Madisch: Das stimmt schon, es ist ungewöhnlich. Aber ich wollte nach Deutschland zurück. und wusste, dass Deutschland ein guter Ort ist, um das hier aufzubauen. Berlin war als Ökosystem schon ganz gut präpariert. Es gab eine ganze Reihe Copycats, was auch immer man davon halten mag. Und es gab StudiVZ, die aktivste Seite, die Deutschland je hatte

Immer nur zu sagen: Es ist so schwer, ich gehe lieber nach San Francisco, das bringt nichts. In San Franciso gibt es andere Probleme. Da befindet man sich im Wettbewerb um Talente mit Facebook, Google  und Apple  . Wenn Deutschland tatsächlich so schlimm ist, muss man zurückkommen und das ändern. Es gibt hier viele Leute, die die Fähigkeiten haben, eine Super-Startup aufzubauen. Und die sind hungrig nach Erfolg.

mm: Sie sind nach eigenen Worten mit dem Ziel angetreten, die Welt zu verbessern. Nicht gerade bescheiden - und nicht wirklich typisch für einen deutschen Unternehmer.

Madisch: Ein Freund von mir hat mal gesagt, es sei auffällig, dass in Deutschland die Gründer fast alle Geschäftsleute sind, die oft an bekannten Unis studiert haben. In den USA kommen viele aus der Industrie oder aus dem normalen Leben, wo sie ein Problem identifiziert haben, das sie lösen wollen.

mm: Und bei ihnen ist das auch so?

Madisch: Was wir hier aufbauen, soll zu mehr dienen als nur dazu, Geld zu verdienen. Wir beeinflussen die Art, wie Forscher arbeiten, wie wissenschaftliche Durchbrüche erzeugt werden, wir wollen Denkanstöße liefern. Geldverdienen ist ok, man muss ja auch leben. Aber etwas Nachhaltiges zu schaffen ist meiner Ansicht nach das höhere Gut. Aber vielleicht verändert sich mit Researchgate die Mentalität in diese Richtung.

Wie man etablierte Systeme in Schwung bringt

mm: Das klingt ziemlich selbstbewusst.

Madisch: Vor drei Jahren wurde ich für meine Art, die Firma zu führen - mit Billardraum, kostenlosem Mittagessen, Getränken und Obst für alle - von großen deutschen Firmen noch belächelt. Mitterweile werde ich gerufen, um den Leuten zu erklären, wie man so einen Spirit aufbauen kann. Aber den baut man nicht mit Stechkarten auf und damit, dem Mitarbeiter zu sagen: du musst, musst, musst. Man muss den Leuten die Vision zeigen. Und wenn sie die Vision vor Augen haben, dann kommt die Motivation von selber.

mm: Wenn es um Start-ups geht, wird den Deutschen immer vorgeworfen, zu sehr aufs schnelle Geldverdienen fixiert zu sein und deshalb gar nicht in der Lage zu sein, Unternehmen wie Google oder Facebook hervorzubringen. Ist da Ihrer Ansicht nach was dran? Oder sind die Deutschen einfach realistischer?

Madisch: Es ist ja gar nicht so, dass wir nichts hervorbringen. Wir haben Bosch, BASF  , Bayer  . In Biowissenschaften sind wir sehr stark. Aber wir können es nicht gut vermarkten. Wenn man in San Fransciso herumläuft, kommen einem ständig Leute entgegen, mit Facebook oder Google auf dem T-Shirt. Wer läuft denn in Deutschland mit einem T-Shirt rum, auf dem steht: I am proud to work at Telekom?

Wir haben eigentlich coole Sachen hier. Aber man bindet die Leute nicht so richtig mit ein. Es ist eher ein Angestelltenverhältnis. Das versuchen wir anders zu machen: Bei uns bekommt jeder Mitarbeiter - auch die Putzleute - Unternehmensanteile. Wenn die Leute wissen, dass sie wichtig sind, dass ihnen ein Teil der Firma gehört, verändert das die Art und Weise zu arbeiten.

mm: Bei einem Start-up ist so etwas leicht…..

Madisch: Wer sich als große deutsche Firma weiterentwickeln will, muss diesen Schritt gehen und sich mehr um seine Mitarbeiter kümmern. Schließlich wollen sie ja die besten Leute haben. Und die bekommt man nur, wenn man ihnen zeigt, dass sie ein wichtiger Teil der Firma sind und auch Verantwortung übernehmen sollen.

mm: Die Idee, Wissenschaftler und Unis zu verknüpfen, war ja eine Grundidee des World Wide Web. Wieso hat es so lange gedauert, bis jemand auf die Idee gekommen ist, die Grundidee zu perfektionieren?

Madisch: Ich glaube es liegt daran, dass Wissenschaft im Grunde immer anders betrieben worden ist. Und es dauert, etablierte Systeme zu verändern. Es gibt immer viele etablierte Spieler, die die Regeln, so wie sie sind, behalten wollen. Deshalb hat es gedauert. Aber das WWW hat die Daten ja schon online gebracht - wenn auch nicht organisiert und mit Personen verknüpft. Aber es tut sich was: Mittlerweile hat sich sogar mein alter Professor angemeldet - und mich auf eine Konferenz eingeladen, bei der ich Researchgate vorstellen soll.

Das nächste große Ding

mm: Inzwischen ist auch Bill Gates mit im Boot. Wie schnell hat der danach gefragt, wie das mit dem Geldverdienen geplant ist?

Madisch: Gar nicht. Ihm war sofort klar, dass man damit Geld machen kann.

mm: Und wie soll der Rubel rollen?

Madisch: Mit Jobs, Recruiting. Dass man die richtigen Wissenschaftler mit den richtigen Firmen verknüpft. Dass Firmen, wenn sie Forscher suchen, das bei uns reinstellen können und die richtigen Leute dafür finden. Damit, Konferenzen an die richtigen Leute heranzutragen. Und mit Ausrüstung für Labore. Da wollen wir eine Art Marktplatz aufbauen, wo die Forscher dank des Feedbacks der Community die passenden Ausrüstungsgegenstände für ihre Forschung finden.

Dabei wollen wir aber unabhängig bleiben. Wir wollen keine Firma sein, die dann am Ende wieder von jemandem gekauft wird, der bestimmte Interessen hat und dann im Sumpf der Wissenschaft wieder versinken. Die Wissenschaft muss sich nämlich dringend ändern.

mm: Mittlerweile gibt es Facebook, Businessportale wie Xing  oder LinkedIn - und jetzt auch noch Researchgate für Forscher. Was kommt als nächstes?

Madisch: Ich glaube, Nachbarschaftsnetzwerke kommen, Angebote wie next door in den USA.

mm: Wird Berlin eines der großen Hubs in der Star-up-Welt werden?

Madisch: Nicht in ein paar Jahren - eher in zehn Jahren. Man braucht einen große Firma, aus der wieder neue Unternehmer wachsen. Etwas das bleibt, nicht die x-te Couponwebsite.

mm: Gib es etwas, was sie anderen Gründern raten würden?

Madisch: Freunde sind wichtig. Netzwerken bringt gar nichts. Freunde sind das, was zählt und Verbindungen schafft.

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