Warum die Zocker im Silicon Valley kein Vorbild sind Der Snapchat-Wahnsinn

Die Aktie des App-Betreibers ist kurz nach dem Börsengang abgestürzt und notiert mit rund 24 Dollar mittlerweile unter den Startpreis aber noch deutlich über dem Ausgabepreis von 17 Dollar

Die Aktie des App-Betreibers ist kurz nach dem Börsengang abgestürzt und notiert mit rund 24 Dollar mittlerweile unter den Startpreis aber noch deutlich über dem Ausgabepreis von 17 Dollar

Foto: Kirsty O'connor/ dpa

Der Börsengang des Snapchat-Betreibers Snap setzt jede Regel menschlicher Logik außer Kraft. Stellen Sie sich vor, ich würde Ihnen folgendes Geschäft anbieten: Beteiligen Sie sich an einem Unternehmen, das hohe Verluste schreibt, dessen Wachstum drastisch zurückgeht und dem die Konkurrenz dicht auf den Fersen ist. Was würden Sie sagen? Geh nach Hause! Es sei denn: Das Unternehmen heißt Snap und Sie glauben an die Segnungen des Silicon Valley. Dann würden Sie dem Unternehmen Ihr Geld hinterher werfen. Was im Silicon Valley passiert, ist mittlerweile Zockerei höchsten Ausmaßes.

An überzogene Erwartungen haben wir uns in den vergangenen Jahren gewöhnt, aber ein weltweit beachteter Börsengang trotz insgesamt negativer Erwartungen, das ist selbst für Silicon-Valley-Fans kaum noch zu verstehen. Dass der Aktienkurs am Tag der Ausgabe plötzlich abstürzt, spricht Bände.

Aggressives Marketing statt Substanz

Denn der Snapchat-Wahnsinn hat System. Im Silicon Valley geht es inzwischen ähnlich zu wie im nur 500 Meilen entfernten Las Vegas. Es ist das Eldorado der Zocker. Uber, Snap, AirBnB - Unternehmen wie diese folgen einer vergleichbaren Philosophie: eine relativ simple Grundidee - weit weg von Rocket Science - aggressiv umgesetzt, lautstarkes Eigenmarketing und durch viel PR in Milliardenhöge getriebene Bewertungen.

Jens-Uwe Meyer

Dr. Jens-Uwe Meyer ist Vorstandsvorsitzender der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
www.jens-uwe-meyer.de 

Würde morgen jemand auf die Idee kommen, den Weltmarktführer für personalisiertes Hundefutter ins Leben zu rufen und Millionen Dollar verbrennen, wahrscheinlich würde ein geschickter Finanzjongleur selbst so ein Unternehmen auf eine Bewertung jenseits von 2 Milliarden US-Dollar hochtreiben (zugegeben: mit viel Kreativität). Die Story müsste nur Silicon-Valley-like verkauft werden, mit viel Pathos und Emotion. Investoren würden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit darum reißen, in das Unternehmen zu investieren.

Das sollte uns zu denken geben. Denn für viele Topmanager deutscher Unternehmen ist das Silicon Valley aktuell erklärtermaßen ein Vorbild. In Cupertino stehen Reisebusse gefüllt mit deutschen Geschäftsleuten. Es würde mich nicht wundern, wenn TUI demnächst einen Spezialkatalog auflegt: das Silicon Valley in drei Tagen.

Religiöser Wahn statt Wahrheit

Doch dieser viel gerühmte Landstrich in Kalifornien darf kein Vorbild sein. Nicht mehr. Unbestritten: Unternehmen wie Google und Amazon haben die Welt verändert. Diese Leistungen sollen nicht geschmälert werden. Doch im Fahrwasser der großen Erfolge hat sich eine Casinomentalität breit gemacht. Zocken mit Start-ups

Wie viel also ist Snap wirklich wert? Die einen würden sagen: gar nichts. Ein Fall für den Insolvenzverwalter. Die anderen würden entgegnen: Quatsch, das ist der genialste Börsengang seit Erfindung der Börse. Das Schwierige ist: Es gibt in diesem Fall keine objektive Wahrheit, der man mit menschlicher Logik begegnen könnte. Die Zockerei im Silicon Valley ist wie eine Religion: Man muss dran glauben - oder eben nicht. Dazwischen gibt es nichts. Scheinbar haben in den vergangenen Wochen genug Menschen an die Snap-Religion geglaubt. Und jetzt - nach dem Börsengang - verlieren die ersten ihren Glauben.

Eigene Stärken statt zweiklassige Kopien

Taugt diese Form des Kapitalismus wirklich als Vorbild für uns? Unbestritten, man kann im Silicon Valley lernen, wie Unternehmen auch anders funktionieren können, abseits des deutschen Hierarchiedenkens. Man kann dort Gründergeist atmen und - soweit Geist überhaupt exportierbar ist - diesen "Spirit" nach Deutschland zurückbringen. Das ist okay. Doch die Zockermentalität sollten wir nicht kopieren. Deutschland würde dabei nur verlieren.

Die Berliner Start-up-Szene - so engagiert dort Ideen vorangetrieben werden - wird immer eine zweitklassige Kopie des Originals bleiben. Und zudem gibt es jenseits von Unternehmen, die trotz Verlusten auf Milliardenbewertungen aufgebläht werden, andere, bessere digitale Geschäftsmodelle. Im Bereich Industrie 4.0 haben wir gute Chancen, die Amerikaner abzuhängen. Auf eine Massenmarktanwendung wie Snapchat kommen mehrere tausend Nischenmärkte, die bereit sind für die digitale Disruption.

Im Video: Snapchat-Chef Evan Spiegel verstehen in 60 Sekunden

manager-magazin.de / Wochit

Nur weil ein Unternehmen auf digitalen Technologien und Grundsätzen aufbaut, muss es nicht zwangsläufig über Jahre Verluste schreiben. Die Qualität deutscher Unternehmensführung besteht traditionell darin, schnell zur Substanz zu kommen. Was sich nicht rechnet, wird nicht umgesetzt. Diese Haltung darf keine Entschuldigung dafür sein, digitale Innovationen gar nicht erst zu beginnen. Um jedoch in Nischenmärkten erfolgreich zu sein, braucht es zunächst eine grundsolide Einstellung. Es braucht Unternehmer statt Zocker. Wir haben sie bei uns in Deutschland - beschrieben in meinem aktuellen Buch "Digitale Disruption" .

Diese sollten wir fördern, keine aufgeblasenen Wunder-Start-ups, deren ausschließliches Unternehmensziel darin besteht, erst viel Geld zu verbrennen, um anschließend möglichst schnell viel Geld zu machen.

Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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