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Webex, Skype und Co.: Der Kampf um kostengünstige Konferenzen

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Cisco gegen Microsoft Skype-Urteil besiegelt Ciscos dreifache Niederlage

Microsoft darf Skype ohne Auflagen übernehmen. Dies hat das zweithöchste Europäische Gericht heute entschieden. Dem Netzwerkkonzern Cisco hätte ein Erfolg seiner Klage wohl auch nichts gebracht. Denn die Herausforderungen im Videokonferenzgeschäft lassen sich nicht vor Gericht lösen.
Von Kristian Klooß

Luxemburg - Chats, Internettelefonie, Videokonferenzen im Web: Der Markt für so genannte Collaboration-Dienste floriert. Besonders umkämpft ist das Milliardengeschäft mit Firmenkunden. Heute kam es vor dem zweithöchsten EU-Gericht in Luxemburg zum Showdown der zwei europäischen Marktführer, der IT-Konzerne Cisco  und Microsoft .

Die Frage, die das Gericht zu klären hatte, lautete: Besitzt Microsoft durch die 2011 erfolgte Übernahme des Sprach- und Videokommunikationsanbieters Skype künftig ein Monopol, das andere Anbieter ins Abseits drängen könnte? Dies ist der Standpunkt Ciscos und des Nebenklägers, des kleinen italienischen Skype-Rivalen Messagenet.

Die Microsoft-Übernahme von Skype war ein "Wendepunkt im Videokommunikationsmarkt", hatte Ciscos Anwalt Luis Ortiz Blanco während des Prozesses zu Protokoll gegeben. Der Zusammenschluss "schaffe ein faktisches Monopol und verurteile Wettbewerber zu einem Nischendasein". Und Anwaltskollege Alfonso Lamadrid attestierte: Die Kommission habe diese Bedenken weggewischt. "Ihre Prüfung war, bei allem Respekt, fahrlässig."

Die EU-Kommission, die den Kauf Skypes durch Microsoft ohne Auflagen genehmigt hatte, war von dieser Argumentation nicht überzeugt. "Die Antragsteller haben es nicht geschafft, Beweise zu liefern, dass ihnen die Übernahme Schaden zufügen könnte", sagte ihr Anwalt Corneliu Hoedlmayr den Luxemburger Richtern - und verwies auf mehrere Wettbewerber wie Google  oder den Skype-Konkurrenten Viber.

Cisco beherrscht das Videokonferenzgeschäft in Firmen

Die Richter sahen das ähnlich und folgten nun der Entscheidung der EU-Kommission aus dem Oktober 2011. Ihr Urteil: Microsoft darf Skype ohne Auflagen übernehmen. Der Zusammenschluss schränke weder den Wettbewerb auf dem Markt der privaten Videotelefonie noch der Geschäftskommunikation ein.

Für Branchenexperten ist das wenig überraschend. "Ich glaube nicht, dass es in Deutschland oder Europa zu einer marktbeherrschenden Stellung von Microsoft durch eine Verknüpfung seiner Angebote Lync und Skype kommt", sagt Axel Oppermann vom IT-Beratungsunternehmen Experton. Die Synergien, die sich aus einer Integration des stark auf Privatkunden ausgerichteten Telefondienstes Skype und den auf Firmenkunden ausgerichteten Dienst Lync ergeben, hält er für überschaubar.

Abgesehen davon beherrsche Cisco den Geschäftskundenmarkt für integrierte Kurznachrichten-, Sprach- und Videodienste nach wie vor mit seiner Software Webex und der Collaboration-Plattform Jabber, während Microsoft mit Lync im Firmenkundengeschäft lediglich die Position des Herausforderers inne habe, gefolgt wiederum vom Branchendino IBM , der seinen eigenen integrierte Sprach-, Daten- und Videoservice namens Sametime ins Rennen schicke.

Ciscos Problem ist nicht Skype

Dahinter streiten sich unter anderen die klassischen Telefonanlagenhersteller um die Plätze. Darunter der US-Konzern Avaya , der französische Netzwerk- und Telekommunikationskonzern Alcatel-Lucent  und Siemens . Wobei die Deutschen seit einigen Jahren nur noch 49 Prozent an ihrer einstigen Konzernsparte Siemens Enterprise Communications halten. Die anderen 51 Prozent liegen beim Finanzinvestor The Gores Group, der das Joint Venture zunächst durch Arbeitsplatzbau aufgehübscht und im Oktober dieses Jahres in Unify umgetauft hat.

Das eigentliche Problem für Cisco  und die anderen auf integrierte Firmenkommunikation spezialisierten Unternehmen dürfte sich indes kaum in Gerichtsverfahren gegen einzelne Wettbewerber wie Microsoft  lösen lassen. Denn das eigentliche Problem ist ein Trend, der die Diskussion um das Thema Bring-your-own-Device, also die Nutzung von privaten Smartphones und Tablets in Firmen, wie ein Schatten begleitet und sich mit dem Schlagwort "Bring-your-own-Service" zusammenfassen lässt.

Skype, Viber, Line & Co.

Bring-your-own-Service bedeutet, dass immer mehr Mitarbeiter in Firmen nicht auf ihre privaten Messaging-Dienste verzichten wollen. Skype ist da nur ein Programm unter vielen. Und doch steht es mustergültig für eine Entwicklung, die etablierte Spieler wie Cisco, IBM und Co. in ihrem bisherigen Terrain bedroht.

  • So hatten die beiden Skype-Gründer Niklas Zennström und Janus Friis nach der Gründung ihres Start-ups im August 2003 innerhalb von nur fünf Monaten knapp vier Millionen Nutzer von der Telefonie über das Datenkabel überzeugt - mittlerweile sind es 280 Millionen.
  • Der SMS-Versanddienst WhatsApp, seit 2009 am Markt, bringt es mittlerweile gar auf mehr als 350 Millionen Nutzer.
  • Der Skype-Konkurrent Viber, Ende 2010 gegründet, hat nur drei Jahre später weit mehr als 200 Millionen Nutzer.
  • Und der japanische, um Videotelefonie erweiterte WhatsApp-Konkurrent Line, 2011 gegründet, verfügt schon heute über mehr als 260 Millionen Nutzer - obwohl er erst im Oktober sein Deutschlanddebüt gegeben hat.

Gescheiterte Strategie im Privatkundengeschäft

Die Anwendungen großer Player wie etwa Google  oder Apple  treten hinzu. Kurzum, der Wettbewerb um die erfolgreichste integrierte Plattform für Kurznachrichten, Telefonie und Videokonferenzen findet nicht in Gerichtssälen statt, sondern auf den Smartphones, Tablets und Desktoprechnern von hunderten Millionen Menschen.

Eine jüngst veröffentlichte Analyse des Forrester-Analysten Philipp Karcher bringt das Potenzial auf den Punkt. Karcher beschreibt darin unter anderem die Situation, dass in Konzernen Videokonferenzsysteme auf 600 bis 1000 Dollar teuren mobilen Geräten jenen speziellen Systemen gegenüberstehen, die für 15.000 Dollar in Konferenzräume eingebaut würden. "Wenn 90 Prozent oder mehr der Konferenzräume nicht mit einer solch speziellen Videokonferenzanlage ausgerüstet sind, dann gibt es hier eine klare Marktlücke."

Auch Cisco ist dies nicht verborgen geblieben. Dennoch hat der Konzern über Jahre hinweg zumindest vermieden, das eigene, lukrative Geschäft mit neuen günstigeren Varianten der Videotelefonie zu kannibalisieren.

Ciscos dreifaches Scheitern

So hatte Cisco  als Alternative zu Internettelefondiensten wie Skype zwar 2010 selbst einen Dienst namens "Umi" für Privatkunden an den Start gebracht. Die Nutzer verschmähten das Heimvideokonferenzsystem allerdings, weil der Konzern dessen Gebrauch an den Kauf von 600 Dollar teurer Hardware und ein monatliches Bezahl-Abonnement von 25 Dollar knüpfte. Das Ergebnis: Umi floppte und wurde im Januar 2012 beerdigt.

Gleiches gilt im Übrigen auch für Ciscos Plan B, im Videokonferenzgeschäft für Privatkunden Fuß zu fassen. So hatte sich die Investmentgesellschaft Silver Lake, seit 2009 Eigner von Skype, im Jahr 2011 mit mehreren Interessenten getroffen, um einen Verkauf zu verhandeln. Neben Microsoft , das am Ende für 8,5 Milliarden Dollar den Zuschlag für Skype erhielt, sollen auch andere Branchengrößen an dem Bietergefecht teilgenommen haben. Eine von ihnen: Cisco.

Mit dem Luxemburger Gerichtsurteil von diesem Mittwoch ist nun auch Plan C gescheitert, private Videokonferenzsysteme und ihren von Microsoft forcierten Einzug in die Firmennetzwerke zumindest einzudämmen. Über Ciscos Plan D darf ab heute spekuliert werden.

Dem Autor auf Twitter folgen: @KristianKlooss 

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