E-Scooter und Co. unter Druck Was für Sharing-Dienste noch schwierig wird

Immer mehr Gefährte sammeln sich an Straßenrändern der Großstädte

Immer mehr Gefährte sammeln sich an Straßenrändern der Großstädte

Foto: ERIC BARADAT/ AFP

Sie quellen aus Mülleimern, liegen verbogen in Ecken und stapeln sich am Straßenrand. In Kalifornien landet gerade der derzeit größte Investoren-Hype im Dreck - oder verstopft Bürgersteige: elektrische Tretroller. Bald sollen sie auch in Deutschland erlaubt sein.

Die kleinen Roller zeigen, wie sich der Wettstreit unter Unternehmen heiß läuft. Immer mehr Anbieter buhlen um Kunden, die mit den Leihautos, E-Rollern, Fahrrädern, E-Shuttles oder nun auch den elektrischen Scootern ihre Wege zurücklegen sollen - ob bloß die letzten Meter zwischen Bahnhaltestelle und Büro oder gleich den ganzen Weg zum Einkaufen.

In dem Kampf pumpen die Unternehmen und Investoren Milliarden in die verschiedenen Sharing-Dienste. Sie wittern einen lukrativen Markt, da die Mobilität in Städten ein drängendes Thema ist: Autos verstopfen die Straßen, Bahnen sind überfüllt. Gleichzeitig wachsen Städte in die Breite, sodass mehr und mehr Menschen weite Wege zurücklegen müssen. Die Strategieberatung Oliver Wyman schätzt, dass digitale Dienstleistungen für Reisende 2040 allein in Deutschland rund vier Milliarden Euro Umsatz generieren werden. Wer da ein wichtiger Player werden wolle, müsse jetzt handeln, schreiben die Berater in einer Studie . Noch sei offen, wer den Markt beherrschen werde.

Nicht alle können überleben

Auf dem Weg zur Pole Position stehen die Anbieter vor einer Reihe Unsicherheiten - wie den hohen Kosten. Sie müssen in eine große Flotte investieren, damit der Weg zum nächsten Gefährt für den Nutzer nicht weit ist. Niemand geht zwei Kilometer bis zum nächsten Rad oder Roller. Gleichzeitig sind die Einkünfte pro Fahrt recht niedrig und das Geschäft rechnet sich nur, wenn groß ausgerollt wird. Bei E-Tretrollern beispielsweise muss ein Scooter mindestens vier Mal pro Tag geliehen werden, damit es sich lohnt.


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Doch stehen die Gefährte im Weg, ärgern sich Stadtbewohner. Obike hat so für ein schlechtes Image der Leihradanbieter gesorgt. Nach der Pleite des Unternehmens musste die Stadt München dann noch liegen gebliebene Räder verschrotten.

Shuttle-Dienste - wie ihn VW mit Moia plant - versperren zwar keine Bürgersteige. Aber solche On-Demand-Angebote haben das Problem, dass sie ihre Kunden nicht zu lange warten lassen dürfen - sonst wird das Angebot unattraktiv.

Schließlich müssen Nutzer noch für jedes Gefährt eigens die passende App laden und Nutzerkonten anlegen - nicht sonderlich kundenfreundlich. Doch wie können die Services stattdessen in Zukunft aussehen?

Wie wichtig wird die Stadt?

Gunnar Froh ist Gründer des Hamburger Mobilitäts-Start-ups Wunder, das gerade 26 Millionen Euro von Investoren erhalten hat. Er bietet Unternehmenskunden eine Mobilitätsplattform an, die mit der Software ihr Carsharing und andere Leihservices bedienen können. Froh kann sich vorstellen, dass künftig Stadtverwaltungen eine aktivere Rolle einnehmen werden. "Sie könnten zum Beispiel entscheiden, dass Anbieter, die in einer Stadt vertreten sein wollen, sich auch in die Verkehrsapp der Stadt integrieren müssen."

Das könnte zugemüllte Bürgersteige verhindern und wäre auch für die Nutzer praktisch. Allerdings sprechen einige unbequeme Wahrheiten gegen das Szenario.

Skeptisch ist beispielsweise Berylls-Berater Matthias Kempf. "Die Städte haben zwar viele Ideen und Projekte, aber es findet zwischen den Expertengremien zu wenig Abstimmung und gemeinsame Planung statt." Kempf rechnet mit weiterem Wachstum des On-Demand-Marktes. Aber: "Damit neue Services wie das Pooling gut funktionieren, benötigen sie halbwegs freie Straßen und hohe Reisegeschwindigkeiten." Das zu erreichen, sei besonders in den staugeplagten Städten schwierig, die neue Lösungen dringend benötigten. In manchen Fällen könne da Regulierung helfen, um Innenstädte vom Autoverkehr zu entlasten, so Kempf. "Aber mit solchen Regeln macht man sich gerade im autoverliebten Deutschland natürlich nicht nur Freunde."

Schon jetzt konsolidiert sich der Markt

Auch Valerian Seither wünscht sich, dass Autos aus den Städten weichen. "Wir haben alle einen gemeinsamen Endgegner: das private Auto", sagt der Mitgründer des E-Roller-Sharing-Start-ups Emmy. Die starke Konkurrenz will er naturgemäß positiv sehen: Nicht jedes Gefährt sei für alle Strecken geeignet. So sehe er E-Scooter auch nicht als Wettbewerb. Kunden würden sie vor allem für kürzere Strecken nutzen.

Auf mehr Integration will Seither nicht setzen. Als Anbieter habe man kein Interesse daran, fremde Services in die eigene App zu holen. Sein Plan: "Es ist unsere Aufgabe, für eine gute Abdeckung durch die Roller zu sorgen, damit der Kunde immer zufrieden ist und gar nicht erst eine andere App öffnet."

Etwas anderes könnten Start-ups kaum äußern, sagt ein Branchenkenner, der ungenannt bleiben möchte. "Welcher Investor gibt sein Geld schon jemandem, der offen ausspricht, dass er irgendwann wegkonsolidiert werden könnte?" Und dass nicht alle überleben könnten, sei er sich sicher. Beispiele dafür sehe man bereits jetzt am Markt: die Pleite des Leihradanbieters Obike oder aber die Fusion von Daimlers Car2Go und DriveNow von BMW. Die Carsharing-Anbieter hatten monatelang über ein gemeinsames Mobilitätsunternehmen verhandelt und hoffen nun, zusammen stärker sein zu können.

Der Druck ist hoch

Zu der neuen Einheit wird auch die Daimler-Tochter MyTaxi gehören - und sie könnte sich künftig ebenfalls breiter aufstellen. Bisher können Nutzer über die App Taxen bestellen und bezahlen. Noch in diesem Jahr sollen in Südeuropa E-Scooter hinzukommen. Wo genau der Test mit den Tretrollern stattfinden soll, verrät das Unternehmen noch nicht. Bei Erfolg könnte der Service aber ausgedehnt werden.

MyTaxi wagt damit einen Schritt in einen Bereich, in dem der Druck hoch ist. Die US-Start-ups Lime und Bird fahren bereits in mehreren europäischen Großstädten. In Rekordzeit haben sie auf dem Papier Milliardenbewertungen erreicht, Investoren wie Uber und Google angezogen. Die beiden deutschen Start-ups Tier Mobility und GoFlash treten außerdem gerade in den Markt ein. Wer bestehen kann, ist völlig offen.


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Bei den Leihrädern hat die erste Pleite mit Obike nicht lange auf sich warten lassen. Konkurrent Ofo hat sich nach nur drei Monaten in Berlin vom deutschen Markt zurückgezogen. Mobike hingegen expandiert weiter. Künftig könnte das Unternehmen elektrisch angetriebene Gefährte bieten: Zumindest in China  verleiht Mobike seit Kurzem E-Bikes über seine App. Mit bis zu 20 km/h sollen Kunden so leichter längere Strecken zurücklegen können.

Das wäre eine weitere Option, die den Wettkampf anfachen könnte. Und es könnte nicht die letzte sein. Emmy-Gründer Seither vermutet, dass es künftig auf den Straßen noch ganz neue Gefährte geben wird, mit denen niemand gerechnet habe. "Die E-Scooter hat schließlich auch niemand kommen sehen."

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