Montag, 21. Oktober 2019

Gewinnmarge SAPs Problem mit der Cloud

Muss sich mit der Cloud arrangieren: SAP-Vorstandssprecher Bill McDermott

Europas größter Softwarehersteller SAP hat die Zeichen der Zeit erkannt - und passt sich den Strategien der Wettbewerber im Cloud-Geschäft an. Die Verschiebung des Margenziels ist allerdings ein Weckruf - auch für Anleger.

Wie verkauft man eine unbequeme Wahrheit? Vielleicht mit dem Satz: "Wir wollen den Marktanteil gegen andere Lösungsanbieter erhöhen und keine kurzfristige Marge ernten", dachte sich Bill McDermott. Mit diesem Satz begründete der SAP-Co-Vorstandschef dann auch den Aufschub des eigentlich für 2015 angestrebten Margenziels von 35 Prozent auf das Jahr 2017.

Es ist ein Satz, der zunächst nachvollziehbar klingt. Und in dem mitschwingt, die SAP-Führung hätte die Wahl gehabt, anders zu handeln. Zumal McDermott die Anleger damit zu beruhigen versuchte, dass das bis 2017 angestrebte Umsatzziel von rund 22 Milliarden Euro nicht angestastet wird.

Die Wahrheit ist aber komplizierter. Denn SAP ist längst zum Getriebenen geworden. Und ob es im Cloud-Geschäft jemals "langfristige Margen" zu ernten gibt, ist fraglich. Zu groß sind die Verwerfungen in der IT-Branche.

Abschied von langjährigen Lizenzen

Früher verkauften Konzerne wie SAP Börsen-Chart zeigen, Oracle Börsen-Chart zeigen, Microsoft Börsen-Chart zeigen oder IBM Börsen-Chart zeigen langjährige Lizenzen zu fixen Preisen (im Fachjargon "on premise") und banden ihre Kunden eng an die eigene Software, Infrastruktur und Services - mit entsprechenden Margen. Es war eine fast ideale Welt für die großen Player. Heute kommen jedoch nur noch wenige Unternehmen, die sich neu für eine Firmensoftware entscheiden, auf die Idee, sich jahrelang an Lizenzverträge zu binden.

Stattdessen setzen sie zunehmend auf die Wolke, wo sie sich die besten Cloud-Anbieter per Mausklick aussuchen können und "on demand" nur die Leistung bezahlen müssen, die sie in der Cloud auch tatsächlich genutzt haben, seien es Speicherplatz, Rechnerleistung oder Software.

Die neue IT-Welt bringt neue Risiken für SAP

Für klassische IT-Konzerne wie SAP, Oracle, Microsoft und Co. ist dieses neue Geschäftsmodell ein Graus. Denn Sie müssen sich - ob sie wollen oder nicht - an die neuen Spielregeln anpassen. Der Strategiewechsel wird sich langfristig in der Margensituation dieser Konzerne niederschlagen.

  • So müssen die Walldorfer das bisherige "on premise"-Geschäft samt Infrastruktur für Bestandskunden aufrechterhalten, andererseits die neue Infrastruktur für das Cloud-Geschäft aufbauen - und das im ungünstigsten Fall über Jahrzehnte.
  • Margen, wie sie bisher in der Branche üblich waren, sind dabei angesichts neuer aggressiver Wettbewerber nicht in Sicht. Denn längst haben sich auf die Cloud spezialisierte Vorreiter wie der SAP-Wettbewerber Salesforce Börsen-Chart zeigen oder das rasant wachsende US-Unternehmen Workday in der Cloud breit gemacht. Der Kampf um Kunden und Erlöse auf Kosten der Erträge dürfte auf Jahre hinaus die Margen drücken.
  • Hinzu kommt, dass es in netzbasierten Geschäftsmodellen auch Start-ups möglich ist, die eigene Software ohne eine große Verkaufsmannschaft und Büros in allen Ländern weltweit auszurollen. Oligopole, wie sie einst die Branche prägten, dürften einem verschärften Wettbewerb weltweit agierender Cloud-Spezialisten weichen. Die weltweiten Vertriebsmannschaften und Partnernetzwerke von SAP und Co. dürften daher eher Ballast als Motor des Wandels sein.
  • Zudem dürften die Kosten eines Software-Anbieterwechsels - zumindest für Standard-Firmensoftware - innerhalb der virtuellen Cloud-Infrastrukturen sinken. Auch dies deutet nicht auf langfristig steigende Margen eines Anbieters wie SAP hin, der bislang auch von Pfadabhängigkeiten und Anbindeeffekten (im Branchenjargon "Vendor Lock-in") der eigenen Kunden profitiert hat.

Höhere Umsätze, geringere Margen: An diese Formel werden sich die Anleger im Falle des deutschen Vorzeige-IT-Konzerns wohl gewöhnen müssen - und das über die jetzt angekündigten zwei Jahre hinaus.

Sollte Bill McDermott diese neuen Branchengesetze "langfristig" außer Kraft setzen, müsste man den Hut vor dem SAP-Chef ziehen. Doch wetten sollten Anleger darauf nicht.


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