Rockets Fehlstart an der Börse Feueralarm im Handelssaal

Rocket Internet hat den Start an der Börse verpatzt, der Kurs der Aktie fiel zweistellig. Banker wurden blass und flüchteten in die abgeschirmte Lounge. Nur Rocket-Chef Oliver Samwer blieb stoisch ruhig.
Von Andrea Rungg
Keine Kursrakete: Oliver Samwer hatte vor Handelsbeginn noch die Hörner des Bullen gestreichelt - doch nach dem Fehlstart von Rocket verzogen sich viele Banker in die Lounge. Samwer immerhin stand tapfer Rede und Antwort

Keine Kursrakete: Oliver Samwer hatte vor Handelsbeginn noch die Hörner des Bullen gestreichelt - doch nach dem Fehlstart von Rocket verzogen sich viele Banker in die Lounge. Samwer immerhin stand tapfer Rede und Antwort

Foto: RALPH ORLOWSKI/ REUTERS

Frankfurt am Main - Firlefanz war am Mittwoch, Nüchternheit am Donnerstag. Zalando  ging mit Modells, Konfetti, Lametta und viel Tamtam an die Börse, Rocket Internet mit Bankern, Bankern und noch mal Bankern. Die Abgrenzung zum Vortag hätte größer kaum sein können.

Und sie war bewusst gewählt. Es sollte zurückhaltend sein, das Gegenteil dessen, wofür allen voran Rocket-Chef Oliver Samwer bekannt ist.

Binnen zwei Tagen sind die zwei wichtigsten Gewächse der Internetunternehmer Oliver, Marc und Alexander Samwer an die Börse gegangen. In der deutschen Internetszene sind sie zweifelsohne die erfolgreichsten, aber auch die umstrittensten Manager. Es gibt nur wenige Gründer in Berlin, die nicht irgendwann einmal bei den drei Brüdern angeheuert haben. Die Samwers sind hierzulande Maßstab für eine ganze Branche, aber auch Prügelknaben für all das, was vermeintlich falsch läuft.

42,50 Euro: Rocket und die Banker haben zu dick aufgetragen

Nun hatten sich die Berater um Oliver Samwer also einen leisen Börsengang vorgestellt. Der Börsenkurs sollte für sich sprechen. Und man kann sagen, Rocket und die Banken haben bei der Preisspanne dick aufgetragen. Sie wählten den höchsten Betrag von 42,50 Euro je Aktie - zu diesem Kurs wäre Rocket Internet an der Börse mit 6,7 Milliarden Euro bewertet und damit teurer als die im Dax notierte Lufthansa.

Einige Banker sagten, die Aktie sei zehnfach überzeichnet gewesen, andere wollten sich nur auf eine mehrfache Überzeichnung festlegen und wieder andere behaupteten, man habe das gar nicht bekannt gegeben. Am Ende stand immerhin ein Emissionsvolumen von bis zu 1,6 Milliarden Euro zu Buche.

Es war der größte Börsengang eines Internetunternehmens in Europa seit dem Boom-Jahr 2000. Dabei schreibt die Internetbrutstätte mit 50,7 Millionen Euro nur einen niedrigen Gewinn und selbst die erfolgreichsten Startups der Holding machen noch Verluste. Wer in Rocket investiert, der muss die bei Startups nötige und übliche Geduld sowie eine große Portion Vertrauen mitbringen. Zumal Rocket, anders als Zalando, nur den so genannten Entry Standard wählte, damit geringeren Publizitätspflichten unterliegt. Und auch die Zeichner der Aktie brauchen angesichts der zweistelligen Verluste am ersten Handelstag starke Nerven.

Der erste Kurs - und ein schockiertes "Ohhhh"

Für Rocket verlief es zunächst generalsstabsmäßig. 8:15 Uhr Ankunft der Gäste, 8:30 Uhr Ankunft von Hauke Stars, Mitglied des Vorstands der Deutschen Börse, verantwortlich für Informationstechnologie, Markt Daten und Services Division. Bei Zalando hatte noch Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni höchstpersönlich die Erstnotiz begleitet.

Während Oliver Samwer gemeinsam mit Finanzchef Peter Kimpel (bis Anfang des Jahres noch bei Goldman Sachs) und Managing Director Alexander Kudlich noch draußen die Hörner des Bullen streichelten, huschten fast unbemerkt Marc und Alexander Samwer Richtung Handelssaal. Alles war wie immer, die beiden blieben im Hintergrund. Marc Samwer wollte sich im Handelssaal von Agentur-Fotografen nicht einmal ablichten lassen, sein Bruder Alexander blieb gleich in der abgeschirmten Lounge.

Der erste Kurs - und ein schockiertes "Ohhhh"

Neun Uhr, Gang zur IPO-Schranke. Es lief noch nach Plan. Oliver Samwer, Kimpel und Kudlich warteten auf den ersten Kurs. Viele Banker und am Börsengang beteiligte Mitarbeiter stellten sich wenige Meter weit entfernt auf die Treppenstufen, um den Startschuss für den Handel von oben zu beobachten. Die Smartphones in der Hand, bereit für den Schnappschuss für den Rocket-Börsengang. Am Mittwoch standen dort noch die Models von Zalando in Kleidern mit Pailletten, am Donnerstag reihten sich dort die wichtig dreinschauenden Banker in ihren Anzügen auf.

Es war 9:23 Uhr, als der erste Kurs kam. 42,50 Uhr, der Ausgabekurs. Oliver Samwer schwenkte die Glocke und verschwand kurz darauf wieder in der Lounge. Von der Treppe schallte ein langgezogenes und schockiertes "Ohhhh" herüber. Kein Sprung, nichts. Schlimmer, der Kurs fiel binnen Minuten bis auf ein Tief von 36,66 Euro. Zum Xetra Schluss notierte Rocket Internet bei 37 Euro - ein Minus von rund 13 Prozent gegenüber dem Ausgabekurs. So hatten die Beteiligten sich das nicht vorgestellt.

Am Vortag hieß es aus dem Umfeld des Unternehmens noch, die Banken würden hoffentlich bessere Arbeit als bei Zalando leisten. Sie sollten, wenn nötig, kaufen, kaufen, kaufen, um den Kurs am Premierentag zu stützen.

Banker flüchten in die abgeschirmte Lounge

Oliver Diehl, Leiter des Kapitalmarktgeschäfts der Berenberg Bank und damit Teil des Bankenkonsortiums, das Rocket an die Börse begleitete, hatte das Geschehen anfangs noch von der Seite beobachtet, rannte dann aber schnell in die Lounge zu Oliver Samwer. Während tags zuvor das Zalando-Management und einige wenige Banker im Handelssaal feierten, zogen sich alle Beteiligten dieses Mal schnell in die Lounge zurück. Die intelligente Glasfront der Lounge wurde auf Milchglas geschaltet, die Türen verschlossen.

Vor der Lounge blickten ein paar tapfere Banker noch geschockt auf die Anzeigetafel. Und als sei der Knall noch nicht groß genug gewesen, ging auch noch der Feueralarm im Handelssaal an. Feueralarm beim Börsengang von Rocket Internet. Das wäre wirklich eine billige Überschrift gewesen, wenn die Sirene nicht wirklich losgegangen wäre.

Die Experten hatten gleich ein paar Erklärungen parat. "Da wurden jede Menge Aktien auf den Markt geworfen", sagte ein Händler bei Handelsstart. Selbst Stützungskäufe der Banken, die den Börsengang begleiteten, hätten kaum etwas gebracht: "Der Verkaufsdruck zur Eröffnung war so groß, dass die Emissionsbanken nicht dagegenhalten konnten." Sie hätten aufgegeben.

Oliver Samwer: "Am Anfang eines Marathons"

Während sich die meisten Banker schnell verzogen, stellte sich Oliver Samwer im Fünf-Minuten-Takt den Fragen der TV-Journalisten. "Man muss Aktien langfristig betrachten und nicht kurzfristig an einem Tag, einer Woche oder einem Monat", wiederholte er immer und immer wieder auf die gleiche Frage nach dem mauen Handelsstart. "Unser Unternehmen denkt langfristig und einige unserer Investoren denken langfristig", sagte er.

Rocket sei am Anfang eines Marathons. "Wir wollen eines der weltweit größten Internetunternehmen aufbauen", sagte er selbstbewusst. Selbst die Feststellung, Rocket würde nur kopieren, kommentierte er souverän und knapp. "Mercedes hat vielleicht das Auto erfunden, aber Toyota ist heute größer", sagte er. Was er denn heute noch machen würde, will jemand wissen. "Ich werde ab halb zwölf wieder arbeiten."

So ist er, der Oliver Samwer. Es gab ja auch nichts zu feiern.

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