Sonntag, 22. September 2019

Roboterautos kommen später Warum digitale Disruption viel länger dauert als erwartet

Robotertaxi VW Sedric auf der IAA: "Euphorisch entdeckt, wie schnell 95 Prozent dieser Technik beherrschbar sind"

Die Digitalisierung verändert unsere Wirtschaft radikal. Dennoch lassen einige Veränderungen länger auf sich warten, als die Silicon-Valley-Boys behaupten.

Wann fahren wir autonom? Bereits morgen? Oder doch erst in zehn Jahren? Wann stirbt das Bargeld aus? Wie lange wird es den Einzelhandel noch geben? Und wann müssen wir endlich keine unsinnigen Papierbelege mehr sammeln und in Aktenordnen zum Steuerberater schleppen? Wer die aktuellen Fragen der Digitalisierung verfolgt, stellt eines fest: Die gleichen Fragen wurden vor fünf Jahren bereits diskutiert. Und vor zehn Jahren. Und immer wieder war es die gleiche Botschaft: Die Technologie ist da, in Kürze wird sich alles radikal verändern!

Jens-Uwe Meyer
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    Dr. Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
    www.jens-uwe-meyer.de

Doch jetzt pfeift Volkswagen Vorstand Thomas Sedran zurück: Die Einführung von selbstfahrenden Robotertaxi wird viel länger dauern als erwartet. Im Interview mit dem manager magazin sagte er einen interessanten Satz: "Da haben einige Visionäre insbesondere im Silicon Valley euphorisch entdeckt, wie schnell 95 Prozent dieser Technik beherrschbar sind."

Dieses Zitat lässt sich sinngemäß auf die gesamten Veränderungen, die als digitale Disruption bezeichnet werden, übertragen. In meinem neuen Buch "Digitale Gewinner" zeige ich auf, warum die Digitalisierung im Kopf deutlich länger braucht als es die Technologien zulassen.

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Bild: manager-magazin.de

Warum dauert der Umbruch so lange? Hatten Zukunftsforscher vor zehn Jahren nicht prognostiziert, dass Digitalisierung viel schneller voranschreiten wird als beispielsweise die industrielle Revolution? Stimmt. Und genau das ist das Problem.

Die Digitalisierung verändert uns radikaler als es die Industrialisierung tat

Die Zeiten der Industrialisierung veränderten die Gesellschaft radikal. Jedoch vor allem in der Hinsicht, dass Menschen in die Städte gingen und von Bauern zu Arbeitern wurden. Verbunden mit allen Spätfolgen wie dem Kampf der Arbeiterklasse und dem Bild des bösen Kapitalisten als Ausbeuter.

Doch das ist nicht mit den tiefgreifenden Auswirkungen zu vergleichen, die die Digitalisierung mit sich bringt. Während der Industrialisierung taten die Menschen vorher und nachher im Wesentlichen das Gleiche: Sie vermarkteten ihre Arbeitskraft. Vorher indem sie ein Feld pflügten, nachher indem sie in der Fabrik arbeiteten.

Im Video: Moia-Chef Robert Henrich im Interview

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Die Digitalisierung jedoch erfordert ein echtes Umdenken. Mehr noch, ein echtes Umlernen. Und auch das reicht nicht einmal. Umlernen würde bedeuten, dass Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auf eine Weiterbildung gehen und nach einer einwöchigen Schulung plötzlich Digitalisierungsexperten oder Expertinnen sind. Nein, der Wandel ist noch tiefgreifender: Es erfordert ein vollkommen neues Denken, das der "alten" Generation häufig nicht gelingt.

Der Fotokopierer wird so schnell nicht sterben

Die Art, wie wir über Wirtschaft denken, wie Unternehmen organisiert und geführt werden, wie Angebote vermarktet und Kundenbeziehungen gestaltet werden - all das ändert sich gerade so radikal, dass es in vielen Unternehmen erst einen Generationswechsel an der Spitze braucht, damit diese in der Lage sind sich zu wandeln.

· Deshalb werden Sie wahrscheinlich im Jahr 2025 noch einen Taxibeleg aus einem Thermodrucker ausgedruckt bekommen, diesen auf einen Fotokopierer legen (weil er sonst binnen weniger Tage nicht mehr zu lesen ist), das vergilbte Original an die Kopie heften und beides einscannen um es dann an das Finanzamt zu senden.

· Deshalb werden Sie auch in fünf Jahren noch auf Unternehmen treffen, bei denen Sie das Gefühl haben, Sie seien schlagartig in die 90er Jahre zurückversetzt wurden.

· Und deshalb werden Unternehmen auch in fünf Jahren noch Arbeiten manuell erledigen, obwohl der Mensch dafür die ungefähr einhundertfache Zeit braucht, die eine künstliche Intelligenz benötigen würden.

Die Digitalisierung verläuft ein bisschen wie die deutsch-deutsche Wende. Die Mauer (als technisches Symbol der deutschen Teilung) war innerhalb kürzester Zeit eingerissen. Die Grenzanlagen abzubauen war das geringste Problem. Die Mauer in den Köpfen hält zum Teil heute noch an.

So einfach Digitalisierung technologisch auch umzusetzen ist: Die Revolution die wir gerade erleben ist so tiefgreifend, dass sich Erneuerer und Bewahrer einen heftigen Kampf liefern. Deswegen hat VW-Vorstand Thomas Sedran Recht, wenn er sinngemäß sagt: Erwartungen bremsen, so schnell wird alles nicht kommen.

Doch später als viele dachten bedeutet nicht, dass die Auswirkungen sanft werden. Die Folgen für Geschäftsmodelle werden noch viel radikaler sein als wir es uns heute jemals vorstellen können. Doch, und das ist die gute Nachricht, die Mühlen mahlen deutlich langsamer als erwartet. Und das bedeutet: Selbst wenn Sie die Digitalisierung bislang halbwegs verschlafen haben, können Sie immer noch zum digitalen Gewinner werden. Denn die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft hat gerade erst begonnen.

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