Sonntag, 26. Januar 2020

Fantastische Unternehmenswerte im Silicon Valley Stößt der Start-up-Hype an seine Grenzen?

Ist der Unicorn-Hype kurz vor dem Platzen?

2. Teil: Muss nun auch Europa zittern?

Tech-Börsengänge erwartet die "Financial Times" jetzt eher früher als später - solange es noch Investoren gibt, die Appetit auf die hoch bewerteten Milliarden-Deals von Unternehmen wie Uber und Airbnb haben.

Die Zeitung zieht Parallelen zum Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000: "Heute wie damals sind wir in den späten Phasen eines Kreditzyklus', wo zu viel Geld zu wenig Wert jagt." Investoren würden aktuell ebenso wie Ende der 90er auf eine Flut heißer Börsengänge setzen. Die Märkte seien aber eindeutig übermäßig aufgebläht. Und: Dieses Jahr werde das aktuelle Finanzierungsmodell der Tech-Firmen einem dringend nötigen Test unterzogen.

Einen weiteren Hinweis für einen Realitycheck der Branche sieht das "WSJ" in den sinkenden Seed-Deals, den frühen Investitionen in noch junge Start-ups. Seit drei Jahren geht die Zahl im Silicon Valley bereits zurück: von 1500 auf 882 im vierten Quartal 2018, wie eine Auswertung der Analysefirma PitchBook zeigt. Grund dafür sei unter anderem die Entwicklung der Tech-Börsenwerte, an der sich Venture Capitalists (VCs) traditionellerweise orientierten. Seit dem Hoch vergangenen August haben sie 13 Prozent verloren.

Europas Abhängigkeit

Bis das Ausmaß der Abkühlung völlig klar sei, könne allerdings noch Zeit vergehen. Verhandlungen über Beteiligungen dauerten üblicherweise mehrere Monate. Außerdem sei in den USA im vergangenen Jahr eine Rekordsumme in Start-ups geflossen, die wacklige Geschäftsmodelle noch eine Weile stützen könnte.

Muss nun auch Europa zittern? Tatsächlich bietet sich ein ähnliches Bild. Eine Rekordinvestmentsumme maskiert, dass seit 2015 die Beteiligungen an sehr jungen Start-ups laut PitchBook um 59 Prozent gesunken sind. Der Tech-Aktienindex TecDax Börsen-Chart zeigen hat seit seinem Hoch Ende August ebenfalls 13 Prozent verloren, in einem allerdings insgesamt schwachen Börsenumfeld.

Zudem ist die Tech-Branche in Europa abhängig von den Entwicklungen in den USA. Noch profitiert sie dabei vom erhitzten Klima im Silicon Valley: Die hohen Start-up-Bewertungen dort treiben Tech-Investoren ins Ausland. Sie beteiligten sich 2018 an 20 Prozent aller Deals in Europa, während der Schnitt in den Jahren zuvor bei 11 bis 14 Prozent lag. Auch zahlten amerikanische VCs laut PitchBook vergangenes Jahr mehr als 41 Prozent des Kapitals, das in die DACH-Region floss (Deutschland, Österreich und die Schweiz). Umso empfindlicher dürfte ein Abzug des Kapitals die Unternehmen treffen.

"Es ist heute für Gründer viel einfacher, an Geld zu kommen", sagt Yair Snir, Chef des Konzern-Investmentarms Dell Technologies Capital, über die Lage in Europa. "Das Gleiche gilt für Investoren und ihre Fonds. Deswegen müssen sie viel mehr Kapital verteilen. Das führt zu mehr Chancen für Gründer."


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Snir sieht allerdings auch eine Kehrseite in dem Hype: die steigenden Bewertungen der Start-ups in Europa. Nicht nur würden sie M&A-Deals immer schwieriger machen. "Das Einhorn ist eine neue Währung. Und eine neue Währung ist das beste Anzeichen dafür, dass Geld aufgebläht wird."

Bewertungen würden künftig wieder sinken, glaubt Snir. Zudem habe das viele Kapital auch zur Folge, dass es mehr Firmen gebe, die nie gegründet und finanziert hätten werden sollen. "Noch leben wir den Traum", so Snir. "Aber wir werden sehen, dass ein bedeutender Teil des investierten Geldes zum Fenster herausgeschmissen sein wird."

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