Projekt Gaia X Der Traum von der europäischen Wolke - und woran er scheitern könnte

Vernetzter Kontinent: Die europäische Cloud soll jetzt Realität werden.

Vernetzter Kontinent: Die europäische Cloud soll jetzt Realität werden.

Foto: Getty Images/iStockphoto

Es sind Ideen, die in regelmäßigen Abständen laut werden - und die zeigen, wie weit sich Europa im Tech-Bereich abgehängt fühlt: Eine eigene Suchmaschine, eine eigene Batteriezellenfertigung - und jetzt eine eigene europäische Cloud.

Gaia X heißt das Projekt, das der deutsche Wirtschaftsminister Peter Altmaier am Dienstag vor seinem Unfall auf dem Digital-Gipfel in Dortmund der Öffentlichkeit präsentieren wollte und zu dem am Wochenende weitere Details bekannt wurden.  Die Idee eines solchen sogenannten virtuellen Hyperscalers: Die Server-Kapazitäten einer Vielzahl kleiner, mittlerer und großer Unternehmen in Deutschland und Europa so zu vernetzen, dass eine "leistungs- und wettbewerbsfähige, sichere und vertrauenswürdige Dateninfrastruktur für Europa" entsteht. Einen zweistelligen Millionenbetrag will die deutsche Regierung laut Medienberichten  zunächst in das Projekt investieren.

Entstanden ist das Vorhaben aus einer High-Level-Group des Ministeriums, schildert der Cloud-Verantwortliche des Bitkom, Lukas Klingholz, die Entstehung. Die Idee: Deutschen und europäischen Unternehmen eine souveräne Cloud-Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, in der sie vor ausländischer Industriespionage, dem Zugriff ausländischer Geheimdienste und Folgen unabwägbarer politischer Entwicklungen im Ausland sicher sein können.

Aktuell sind es vor allem ausländische Cloud-Dienste, die den Markt beherrschen. "Zwar war Deutschland sehr früh bei der Cloud-Entwicklung dabei", erläutert Experte Klingholz. "Bei der Anwendung von Cloud-Technologien sind deutsche Unternehmen aber traditionell eher zurückhaltend gewesen".

Und sind es bis heute - auch wenn sie im internationalen Vergleich aufgeholt haben. Während hierzulande laut aktuellen Zahlen von KPMG  73 Prozent aller Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern in der Cloud arbeiten, waren es in den USA bereits vor Jahren 90 Prozent.  

Warum Deutschland im Cloud-Geschäft hinterher hängt

Aktuell wird der Markt von ausländischen Anbietern dominiert, die in den vergangenen Jahren enorme Summen in den Ausbau ihres Angebots investiert haben und mit ihren Angeboten international führend sind. So vereinen alleine die großen vier - Amazons AWS, Microsofts Azure sowie die Clouds von Google und Alibaba - mehr als 63 Prozent des weltweiten Cloud-Marktes auf sich.  

Und sie haben mit ihrer großen Skalierbarkeit, ihren Funktionalitäten und Analysetools auch große deutsche Unternehmen für sich gewonnen. So arbeitet BMW im Cloud-Bereich  unter anderem mit Microsoft zusammen, VW setzt auf AWS .

Bei der Nutzung US-basierter Cloud-Dienste haben allerdings US-Behörden über den sogenannten Cloud Act weitreichende Zugriffe auch auf außerhalb der USA gespeicherte Daten.  Und auch die Venezuela-weite Sperrung von Adobe-Konten  zeigte gerade wieder, welche Auswirkungen die Politik auf private Technologie-Unternehmen und deren Kunden haben kann.

Um Unternehmen aber auch Behörden hier künftig eine europäische Alternative oder Ergänzung zu bieten, auf die beispielsweise US-Nachrichtendienste keinen automatischen Zugriff haben, setzt der deutsche Wirtschaftsminister nun auf den Aufbau des "virtuellen Hyperscalers" Gaia X. Ähnlich wie bei AWS oder Azure, wo sich je nach aktuellem Bedarf Rechnerkapazitäten und Funktionalitäten dazu kaufen lassen, soll auch das stetig erweiterbare Gaia X flexibel auf schwankende Bedürfnisse der Kunden reagieren können.

Verträge sollen die Kunden dabei auch weiterhin mit einzelnen Anbietern individuell machen, die an die neue Infrastruktur angebunden werden sollen, und die für weniger sensible Daten und Anwendungen parallel auch weiter andere Anbieter nutzen können.

Und wie sich das ändern soll

Mit im Boot bei der Entwicklung waren unter anderem die Telekom, Bosch, SAP, Siemens, Festo und offenbar auch der französische IT-Dienstleister Atos. Schließlich soll Gaia-X keine ausschließlich deutsche Veranstaltung werden. Geht es nach Altmaier und seinem französischen Amtskollegen Bruno Le Maire soll Frankreich möglichst schon 2020 mit im Boot sein, dem Jahr, in dem das Projekt an den Start gehen und bereits mit ersten Anwendungen starten soll.

Frankreich soll möglichst schnell mit ins Boot

Nach Einschätzung des Bitkom-Experten wird es entscheidend für den möglichen Erfolg sein, das Projekt über deutsche Grenzen hinaus und vor allem schnell zu etablieren. "Ein allein auf Deutschland bezogenes Projekt macht wenig Sinn. Es muss von Anfang an europäisch gedacht und gehandelt werden", meint Klingholz.

Dass Klingholz' Verband, der sowohl Betreiber als auch potenzielle Kunden vertritt, von dem Projekt begeistert ist, ist wenig überraschend. Allerdings hatten staatliche oder überstaatliche Akteure wie die EU in der Vergangenheit oft kein glückliches Händchen, wenn es um europäische Prestigeprojekte ging.

So wartet das 2012 gestartete Projekt De-Mail noch immer auf seinen Durchbruch.  Das europäische Navigationssystem Galileo verteuerte sich massiv und verzögerte sich mal eben um ein Jahrzehnt. Und auch am geplanten Batterie-Airbus gibt es von Seiten der Industrie Zweifel. 

Von der Gefahr, dass es Gaia X angesichts der hochentwickelten Konkurrenz nicht schaffen könnte, sich vom Preis und der Leistung her am Markt zu etablieren, will man sich beim Bitkom nicht entmutigen lassen. Mit den angekündigten Investitionen dürfte es also sicher nicht getan sein.