New Yorker Hype-Firma "Peloton" Mit Heimtrainern zur Vier-Milliarden-Firma

Viel Geld kosten die Trainingsgeräte von John Foley. Trotzdem hat der Gründer damit in den USA Kultstatus erreicht. Jetzt bringt er die Spinning-Räder von "Peloton" auch nach Europa. Kann das funktionieren?
Das Rad von Peloton mit großem Bildschirm

Das Rad von Peloton mit großem Bildschirm

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Der Hippness-Faktor eines Standfahrrads hält sich in Grenzen. Sperrig, hässlich und klapprig sind die Geräte für Zuhause, häufig verstauben sie irgendwann in einer Abstellkammer.

Trotzdem ist es John Foley gelungen, mit Standrädern ein Unternehmen aufzubauen, das vier Milliarden Dollar wert ist. Erst vor wenigen Tagen haben Investoren wie die Private-Equity-Firma TCV, die durch Beteiligungen an Facebook, Spotify und Netflix bekannt ist, 550 Millionen Dollar in "Peloton" gesteckt. Schon kommendes Jahr könnte das 2012 gegründete Start-up an die Börse gehen.

Gründer Foley hat den alten Heimtrainer so cool gemacht, dass Kunden bereit sind, mindestens 2000 US-Dollar für das moderne Ergometer mit dem großen Touchscreen hinzublättern. Er hat mit seiner Entwicklung den richtigen Zeitgeist erwischt. Der Fitnessmarkt umfasst allein in den USA ein Volumen von 31 Milliarden Dollar.

Die deutsche Fitnessbranche setzte laut einer Deloitte-Studie  vergangenes Jahr immerhin 5,2 Milliarden Euro um, Tendenz steigend. Dabei werden die Angebote immer vernetzter, persönlicher und können überall genutzt werden. Fitness-Apps wie Freeletics oder Runtastic erlebten so einen Zustrom von Nutzern. Accessoires wie das Armband Fitbit oder die Apple-Watch, die den Puls, Schritte oder Kalorienverbrauch ihrer Träger messen, boomten eine Zeit lang.

"Der ganze Markt ist im Umbruch", sagt David Kuczek, General Partner bei dem Berliner Investor Holtzbrinck Ventures. "Es wird viel entwickelt, was über den klassischen Fitnessstudio-Besuch hinausgeht - und Peloton hat es geschafft, seine Kunden zu Hause abzuholen."

Nicht nur das Peloton-Rad ist teuer

Für sein Rad hat sich Foley eine Menge Funktionen ausgedacht, um den neuen Ansprüchen gerecht zu werden. Über den Bildschirm können sich die Nutzer bei Live-Kursen im New Yorker Peloton-Studio einwählen. Ihnen wird angezeigt, wie viel Widerstand sie wann einstellen und wie schnell sie treten müssen. Die präzisen Angaben lassen keinen Raum dafür, sich selbst zu beschwindeln. Wer will, kann sich mit der Leistung anderer Teilnehmer vergleichen lassen. Dafür gibt es eine Rangliste. Die Trainerinnen und Trainer sehen die Namen und die Performance der Teilnehmer und können sie so direkt ansprechen.

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Wer nicht live teilnehmen möchte, kann die aufgezeichneten Kurse aufrufen. Außerdem gibt es kurze Programme, um verschiedene Muskelgruppen ohne Rad zu trainieren. Auf einer Übersichtsseite sehen die Nutzer, wie oft und wann sie trainiert haben - und was ihr Rekord ist.

Dieses Angebot wiederum macht Foley ebenfalls zu Geld. Pro Monat kostet das Streaming der Kurse 39 US-Dollar. Der Unternehmer verdient also nicht nur einmalig an einem verkauften Rad, sondern auch an der monatlichen Abo-Gebühr. Daneben gibt es noch eine App mit Kursen, die jeder mit seinem eigenen Smartphone und Ergometer für 19,50 Dollar monatlich nutzen kann. Natürlich verkauft Peloton noch Spinning-Schuhe, kleine Hanteln, Matten und anderes Zubehör wie Kopfhörer mit seiner Marke darauf.

Mit dieser Palette will Foley 700 Millionen Dollar Umsatz im aktuellen Geschäftsjahr erwirtschaften. Damit würde sich der Umsatz von Peloton erneut verdoppeln.

Warum aber sind so viele Kunden dazu bereit, mindestens 2000 US-Dollar für ein Sportgerät auszugeben? Foley selbst bezeichnet den Preis als "verrückt". Seiner Meinung nach aber biete niemand sonst so viele Funktionen.

Kann die Expansion gelingen?

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Eine andere Erklärung sind die Preise von Sportkursen in US-amerikanischen Großstädten. Eine Runde Yoga oder Spinning kostet in New York, Boston oder Los Angeles schnell 35 US-Dollar. Wer viel Sport macht, für den könnte sich das Rad sogar lohnen.

"Die Zahlungsbereitschaft für Abonnements ist signifikant höher als in Europa", sagt Investor Filip Dames des Berliner Risikokapitalgebers Cherry VC. Daher seien die USA der ideale Markt für das Geschäftsmodell. Einen Grund für den Erfolg sieht er in dem gesamten Paket: "Das bietet Abwechslung und hält Kunden aktiv, daher kommt auch die Bezeichnung "Netflix of Fitness" für Peloton."

Aktiv hält die Nutzer auch der soziale Aspekt: Mit ihrem Konto können sie anderen folgen und ihre eigenen Fortschritte teilen. Das geht so weit, dass die Sportler sehen können, wie viele Kalorien jemand anders verbrennt. Der Wettbewerb scheint anzuspornen - das Prinzip hat sich bereits bei anderen Sport-Apps bewährt.

Das Unternehmen hat nun verkündet, im Herbst nach Kanada und Europa zu expandieren. Hier startet Peloton zunächst in Großbritannien. Ob es die Spinning-Räder bald in Deutschland gibt, ist noch offen. Dames sieht Potenzial: Er glaubt, die Zahlungsbereitschaft der Kunden ändere sich derzeit.

Im Schnitt zahlt ein Fitnessstudiomitglied hier laut Deloitte allerdings nur 44 Euro monatlich. Doch auch Experte Kuczek meint: "Ich denke, es gibt genug Menschen in Deutschland, die ausreichend Geld haben, um sich so ein Gerät für ihr Zuhause zu leisten." Zwar würden neue Angebote in Deutschland meist weniger schnell angenommen als in den USA. "Aber wenn es dort funktioniert, wüsste ich nicht, warum es hier anders sein sollte."

Bei dem Rad soll es nicht bleiben: Teurere Geräte geplant

In den USA zeigt sich, dass längst nicht nur Privatleute die Spinning-Räder kaufen. Auch Hotels stellen sie für ihre Gäste auf, selbst manche Fitnessstudios kaufen Exemplare für ihre Mitglieder.

Bei den Rädern soll es allerdings nicht bleiben. Peloton-Gründer Foley will im Herbst dieses Jahres sein zweites smartes Trainingsgerät auf den Markt bringen: ein Laufband. Der Preis beträgt fast 4000 US-Dollar. Der Unternehmer argumentiert, Laufbänder seien eben komplexere Produkte als Räder.

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In seiner Vision für die nächsten zehn Jahre ist das Rad auch nur eins von zahlreichen Produkten, die Peloton liefern will. "Ich nenne es 'fitness as a service'", so Foley in einem Interview . "Jeder wird 100 bis 200 US-Dollar monatlich zahlen, um die beste Fitnessausrüstung bei sich zu Hause stehen zu haben." Egal, welche Geräte der Kunde dann zu Hause habe: "Wir rüsten nach. Wir kommen vorbei und tauschen das Equipment gegen das neueste Rad oder das modernste Laufband."

Eine Lösung, die wohl nur für Wohlhabende und Haushalte mit viel Platz infrage kommt. Auch gibt es bereits eine Menge Alternativen zu dem Rad von Peloton, welches das Geschäft noch einige Zeit lang befeuern muss. Einerseits beliebte Studios in den USA wie SoulCycle, die ausschließlich Spinning anbieten. Andererseits Unternehmen wie die Fitnessfirma Flywheel, die im November 2017 einen Heimtrainer mit Streaming-Option auf den Markt brachte. "Fly Anywhere" kostet 1699 Dollar, das Abo 39 Dollar monatlich.

Investor Kuczek glaubt dennoch, dass das 2012 gegründete Peloton einen wichtigen Vorsprung hat. "Die Hardware musste entwickelt werden, was viel Kapital und Aufwand gekostet hat, ebenso die digitalen Inhalte. Dann muss das Unternehmen die Räder zurücknehmen und reparieren, sollte etwas kaputt gehen, was komplex ist", sagt er. "Das alles sind Hemmer für neue Marktteilnehmer." Womöglich ist also genug Zeit für Peloton, bevor Kopien den Markt fluten.

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