Dienstag, 18. Februar 2020

Papierloses Büro Start-up-Kampf um die Zettelwirtschaft

4. Teil: Dropbox und Google sind keine Wettbewerber

Der stetige Wandel ist wohl die größte Gemeinsamkeit, die Doo und Smarchive verbindet. Dies gilt nicht nur für die Funktionen, die beide Portale ihren Kunden künftig bieten wollen. Dies gilt auch für die Monetarisierung. So plante Smarchive zunächst, den eigenen Dienst auf 1000 Dokumente zu begrenzen - und darüber hinaus 4,90 Euro für Privatkunden zu verlangen. "Das war der falsche Weg", sagt Reitz rückblickend. "Inzwischen sehen wir, dass man mit Speicher heute kaum noch etwas verdienen kann." Geld wolle Smarchive stattdessen künftig über Features für Business-Nutzer und Power-User einsammeln. Denkbar sei die Erstellung einer Steuererklärung durch eine kooperierende Kanzlei oder der nahtlose Versand von Briefen und Faxen.

Eine ähnliche Entwicklung hat auch Doo hinter sich. Derzeit gibt es noch eine eher halbherzig verfolgte Bezahlfunktion, die Nutzern für 3,99 Euro zusätzlichen Speicherplatz für digitalisierte Dokumente bietet. Langfristig sei der Verkauf von zusätzlichem Speicher allerdings kein Modell, mit dem Geld verdient werden solle, so Unternehmenschef Thelen. "Es wird eher um Funktionen wie die Synchronisierung über die Cloud und über Back-ups gehen." Die Nutzerschaft zur Kasse bitten will das Start-up allerdings frühestens in einem Jahr. "Die Reihenfolge lautet: Growth, Engagement, Monetization", sagt Thelen. Langfristig, so der Plan, sollen so 5 bis 10 Prozent der zahlenden Nutzer das komplette Angebot finanzieren.

Intelligente Mehrwerte statt einfache Suchtreffer

Mit diesem Dreisprung befände sich Doo in bester Gesellschaft mit US-Clouddiensten wie Evernote, Dropbox oder Box, die ein vergleichbares Geschäftsmodell verfolgen. Potenzielle Wettbewerber sehen indes weder der Doo-Chef noch Smarchive-CEO Reitz in den US-Giganten. Es sei zwar spannend, wie sich Dropbox oder Box künftig aufstellen würden, sagt Reitz. "Ich glaube aber nicht, dass sie mal eben eine Semantik aus dem Boden stampfen könnten." Zumal Smarchive sich auch eher als Dienst positioniere, der verschiedene Cloud-Speicherangebote wie Dropbox oder Box integriere.

"Am ernst zunehmenden ist vermutlich Google", sagt Reitz, da der US-Konzern über exzellente Entwickler verfüge. Worin sich Smarchive allerdings von Google unterscheide, sei der Umstand, dass der Suchmaschinenkonzern keinen Zugang zu Dokumenten wie Stromverträgen, Rechnungen oder Versicherungspolicen habe und die Informationswertigkeit der Suchergebnisse auch eine andere sei. "Google kann zwar eine Werbung schalten, die irgendwie für eine Zugfahrt nach München wirbt, wir aber können intelligente Mehrwerte bieten."

Dass Google sich eines Tages für Unternehmen mit entsprechender Semantik interessieren könnte, ist durchaus wahrscheinlich. Doo-Gründer Thelen, der noch immer 35 Prozent der Unternehmensanteile hält - sieht das durchaus pragmatisch. "Ich habe noch nie ein Unternehmen gebaut, um es zu verkaufen", sagt er. Geld, so der Multimillionär, interessiere ihn nicht. "Wird Doo irgendwann zu Google gehören?", fragt er - und antwortet gleich selbst: "Ja. Schließlich habe ich Venture Capital an Board." Dennoch gebe es Grenzen. Seine Software würde er niemals an jemanden verkaufen, bei dem es nicht passe. So solle Doo beispielsweise auch weiterhin plattformübergreifend auf Apple-, Windows- und Android-Geräten funktionieren. "Ich habe es ja gebaut, um es selbst mein Leben lang einsetzen zu können", sagt Thelen.

© manager magazin 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung