Donnerstag, 27. Februar 2020

Papierloses Büro Start-up-Kampf um die Zettelwirtschaft

3. Teil: "Das zu schaffen, ist total verrückt"

So rund wie bei Doo lief es beim Wettbewerber Smarchive in Sachen Finanzierung nicht. Inzwischen herrscht zwar wieder Ordnung im Finanzierungsplan der Münchner. "Wir sind im Augenblick nicht in akuten Cash-Nöten", sagt Smarchive-CEO Reitz. Bis das junge Unternehmen sich nach einer ersten Finanzierungsrunde über die Crowdinvesting-Plattform Seedmatch aber den Ankerinvestor T-Ventures ins Boot holen konnte, verbrachten die Gründer manch schlaflose Nacht. "Die Zahl 144 hat sich bei mir eingebrannt", sagt Reitz. Denn der Deal mit der Telekom stand über Monate unter dem Vorbehalt, dass jeder der 144 Smarchive-Investoren, die über Seedmatch stille Beteiligungen an dem Startup erworben hatten, entweder einem Rückkauf mit Prämienaufschlag oder einer Wandlung der stillen Beteiligung in eine Pooling-Gesellschaft zustimmten.

Am Ende gelang die Mission. Inzwischen arbeiten 29 Mitarbeiter - fast durchweg Entwickler und Semantiker - daran, ein System zu schaffen, das künftig in der Lage sein wird, automatisch festzustellen, welches Datenvolumen ein Smarchive-Nutzer beispielsweise monatlich beim Telefonieren verbraucht, wann sein bisheriger Handy-Vertrag ausläuft und welcher Anbieter möglicherweise kostengünstiger ist.

Über zu wenig Komplexität können sich die Produktentwickler dabei nicht beschweren. Schließlich existiert bislang nicht einmal eine fehlerfreie App zur Erfassung von Visitenkartendaten. Ob es sich bei einem Zeichen wie diesem "I" um eine "1", ein "i", ein "L" oder einfach nur um einen senkrechten Strich handelt, ist nur eines von ungezählten Problemen, mit denen die Macher von Smarchive, Doo und anderen Visionären des papierlosen Heimbüros zu kämpfen haben. Schließlich existieren weltweit mehr als hundert verschiedene Dokumentenformate, die das System lesen und verarbeiten muss. Hinzu kommt, dass zahlreiche Dokumente - etwa im PDF-Format - lediglich als Bilddateien gespeichert und so digital nicht verarbeitbar sind. Sie müssen erst per Texterkennung erfasst werden. Körnige Faxe oder gar handschriftliche Notizen sind zusätzliche Baustellen.

"Für alles eine Lösung"

"Das zu schaffen, ist total verrückt", sagt Doo-Gründer Thelen. In den vergangenen zwei Jahren sei er oft stotternd nach Hause gekommen, weil er das Gefühl hatte, sein Gehirn wäre nach dem Tag wie leer gesogen gewesen. Zwar hätten sein Mitgründer Alex Koch und er bereits bei früheren Start-ups wie IP Labs, Wunderlist und MyTaxi komplexe Probleme gelöst. Doo bringe sie allerdings an ihre Grenzen.

Die größte Baustelle ist für ihn indes eine andere. Zwar hätten bislang rund 250.000 Nutzer Doo heruntergeladen. "Damit sind wir zufrieden", sagt Thelen. Das Hauptproblem sei aber, den Menschen die Möglichkeiten von Doo zu erklären. "Diesen Wow-Effekt, wenn die Leute Doo benutzen und das dann weitererzählen, den haben wir noch nicht erreicht."

Ob Smarchive es besser hinbekommt, darüber kann bislang nur spekuliert werden. Denn die Papierkiller-App aus München befindet sich noch immer in der Beta-Phase, also im Testbetrieb. Ihr Start ist allerdings in den kommenden Monaten geplant. "Der definitive Launch wird erfolgen, wenn wir das Gefühl haben, dass das Produkt rund läuft und auch das Marketing denkt, jetzt passt es", sagt CEO Reitz.

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