Datenkrake Palantir und die dunkle Seite der Macht

Sie gilt als scharfe Waffe im Kampf gegen den Terrorismus - die Analysesoftware von Palantir. Informationen über das Unternehmen sind spärlich. Für ein Investorenprospekt hat es die Tür nun einen Spalt geöffnet.
Von Andrea Rungg
Alex Karp, Doktor der Philosophie und Chef der Softwarefirma Palantir. Seit bekannt ist, dass Palantir zur Tötung von Osama bin Laden beigetragen haben soll, begleiten ihn Bodyguards.

Alex Karp, Doktor der Philosophie und Chef der Softwarefirma Palantir. Seit bekannt ist, dass Palantir zur Tötung von Osama bin Laden beigetragen haben soll, begleiten ihn Bodyguards.

Foto: DPA

Hamburg - Es war ein absurder Auftritt im Januar 2014. Der Technologiechef von Palantir saß auf einem Podium der Hubert-Burda-Media Digitalkonferenz DLD in München, bereit für ein Interview - und dennoch sagte er nichts. Shyam Shankar redete zwar, aber eben derart Nichtssagendes, dass im Publikum bald die ersten den Kopf schüttelten.

Er beschrieb allgemein das Problem großer Datenmengen (Big Data), vermied es aber, die Arbeit seines Unternehmens genauer zu erklären. Er verwies gerne darauf, dass Palantir mit Hilfsorganisationen zusammenarbeite, aber über eine Zusammenarbeit mit Geheimdiensten, darüber brachte er keine Silbe über die Lippen. Nach rund 18 Minuten sagte die Moderatorin, die zweifelsohne ihr Bestes versuchte: "Es freut sie sicherlich, dass unsere Zeit abgelaufen ist".

Palantir gilt als eines der erfolgreichsten jüngeren Unternehmen aus dem Silicon Valley. US-Medienberichten zufolge wird es auf neun Milliarden Dollar taxiert. Dieser Wert könnte demnächst steigen. Denn im US-Bundesstaat Delaware registrierte Palantir Ende vergangenen Jahres eine neue Finanzierungsrunde. 400 Millionen Dollar will das Unternehmen einsammeln. Knapp eine Milliarde Dollar erhielt es bereits von Investoren seit der Gründung 2004.

Neuen Investoren muss das Unternehmen sein Potenzial offenbaren, was im Falle Palantirs durchaus ein Balanceakt ist. Denn einerseits gelang es dem Unternehmen eine Software zu programmieren, die Daten aus verschiedenen Informationsquellen zusammenführen kann, um sie für Menschen analysierbar zu machen, etwa bei der Verbrechensbekämpfung.

Andererseits ist das Unternehmen mit Vorwürfen konfrontiert, dass genau dieses Analysetool den Geheimdiensten bei der Auswertung der Daten aus der massenhaften Überwachung hilft, die der frühere Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden 2013 enthüllte.

Verteidigungsministerium als größter Kunde

Der Technologie-Blog "Techcrunch" zitiert nun aus einem Prospekt an Investoren , in dem das Unternehmen einige seiner Kunden beim Namen nennt. Worüber Technikchef Shankar im Januar vergangenen Jahres nichts sagen wollte oder konnte, steht laut "Techcrunch" nun im Prospekt. So würden etwa die Geheimdienste CIA und NSA, das Heimatschutzministerium, die Marine, die Air Force, das Kommando für Spezialoperationen der USA, die Militärakademie der USA (West Point) oder etwa die Militäreinheit zur Abwehr von Anschlägen auf Truppen "Joint IED Defeat Organization" die Software des Unternehmens nutzen.

Im Prospekt wird der erfolgreiche Einsatz im Kampf gegen den Terrorismus betont. Sogar ehemalige Militärs werben für Palantirs Produkt. "Es ist eine Kombination aus allen analytischen Tools die man sich nur erträumen kann. Man wird jeden einzelnen Schurken in der Umgebung kennen", wird Samuel Reading zitiert, ein früherer Marine, der in Afghanistan für NEK Advanced Securities Group im Einsatz ist, einem Auftragnehmer des US-Militärs.

Hervorgehoben wird auch, dass Palantirs Software dazu beigetragen habe, das Schneeballsystem des Anlagebetrügers Bernie Madoff mitaufzudecken. Binnen Stunden hätte sie aus 20 Terabyte Daten die Schlüsselereignisse im Fall Madoff offenlegen können.

Dass es über Palantir auch kritische Aspekte gibt, dies steht naturgemäß nicht im Prospekt für Investoren aus dem "Techcrunch" zitiert. Der Blog vermeidet allerdings ebenfalls eine kritische Einordnung des Unternehmensprodukts. Dabei zeigen gerade die Enthüllungen der vergangenen Jahre, dass Palantirs Software nicht von jedem gefeiert wird.

Facebook-Investor Peter Thiel als Geburtshelfer

Palantir ist ein von Peter Thiel mitfinanziertes und auch initiiertes Unternehmen. Thiel, einer der erfolgreichsten Investoren im Silicon Valley und erster Facebook-Geldgeber, wollte die Idee seines früheren Unternehmens Paypal weiterentwickeln. Betrüger hatten das Bezahlsystem für sich entdeckt und Mathematiker des Unternehmens programmierten eine Software, die es Maschinen und Menschen ermöglichte Betrügereien in Echtzeit zu ermitteln.

Die US-Bundespolizei FBI soll derart beeindruckt gewesen sein, dass es die Software ebenfalls verwenden wollte. So schilderte es Thiel in seinem jüngst veröffentlichten Buch "Zero to One".

Unter dem Eindruck der Terroranschläge vom 11. September 2001 wollte Thiel schließlich ein neues Startup gründen. Er rief seinen alten Studienfreund Alex Karp an. Karp, der mit Thiel in Harvard Jura studiert hatte, aber keinerlei Ambitionen hegte, in diesem Bereich zu arbeiten, hatte es zwischenzeitlich nach Frankfurt verschlagen, wo er unter Jürgen Habermas Philosophie studierte.

Thiel, Tolkien, Karp und die magischen Steine

Thiel konnte Karp von seiner Idee überzeugen und gemeinsam gründeten sie und einige Informatiker das Software-Unternehmen Palantir. Die Software sollte es Menschen ermöglichen aus sämtlichen verfügbaren Informationsquellen Terrornetzwerke und Finanzbetrüger zu enttarnen.

Als Fan des Autors J.R.R. Tolkien wählte Thiel den Unternehmensnamen Palantir. In Tolkiens "Herr der Ringe" sind Palantiri magische Steine, die es den Herrschern ermöglichen in die Ferne zu schauen und die Kontrolle zu bewahren.

Im Silicon Valley glaubte zunächst keiner der namhaften Risikokapitalgeber an den Erfolg des Unternehmens, so erzählte es Karp der "New York Times". Thiel investierte schließlich selbst 30 oder 40 Millionen Dollar in Palantir. Die Angaben über die Höhe variieren. Außerhalb des Valleys fand Palantir allerdings einen Investor, der lange Zeit auch der einzige Kunde der Software war: die CIA. In-Q-Tel, der Investmentarm des Geheimdienstes, gab zwei Millionen Dollar.

Mittlerweile zählt etwa auch JPMorgan  zu den Kunden. Nach Angaben von Palantir lädt die Bank jeden Tag 500 Gigabyte Daten in die Software. Angriffe auf die Sicherheit und Betrugsversuche sollen so identifiziert werden.

Idealistische Motive, von der Realität eingeholt

Karp und Thiel betonten in der Vergangenheit gerne die idealistische Mission Palantirs. Die Software solle die Welt verbessern. Sie solle den Terrorismus eindämmen und gleichzeitig die Bürgerrechte bewahren. Das ist ein Spagat, den Regierungen in den USA oder Großbritannien im vergangenen Jahrzehnt gar nicht erst versucht haben.

Palantir hatte den Nimbus in der Öffentlichkeit spätestens 2011 verloren, als durch Enthüllungen der Hacker-Gruppe Anonymous bekannt wurde, dass ein Mitarbeiter des Unternehmens gemeinsam mit anderen den Geheimdiensten nahestehende Firmen Wege finden wollte, die Enthüllungsplattform Wikileaks zu diskreditieren. Die Plattform hatte gedroht, Dokumente über die Bank of America zu veröffentlichen. Es sollten Fehlinformationen über Wikileaks verbreitet werden, auch über Journalisten wie Glenn Greenwald, der im vergangenen Jahr für die Snowden-Enthüllungen den renommierten Pulitzer-Preis erhielt.

Karp entschuldigte sich zwar, stellte den Mitarbeiter frei und soll innerhalb des Unternehmens stärker ethische Bedenken berücksichtigt haben. Die Ernsthaftigkeit seiner Entschuldigung wurde von Kritikern wie Bürgerrechtlern allerdings infrage gestellt, als bekannt wurde, dass der Mitarbeiter wieder ins Unternehmen zurückgeholt wurde.

Erschwerend kommt hinzu, dass seit den Enthüllungen durch Edward Snowden auch gefragt wird, ob Palantir zweifelfrei ausschließen kann, ob das hochgelobte Analysetool auch zur Auswertung der durch die massenhafte Überwachung erspähten Daten, etwa aus Online-Netzwerken, genutzt wird.

Software, die hilft, Menschen zu töten

Palantir gibt zwar an, Schutzmechanismen in die Software eingebaut zu haben, die nicht jedem den Zugang zu Daten erlaubt und die Ermittlern im Zweifelsfall zeigen, ob man sich an die Regeln gehalten hat. Dieser Schutzmechanismus ist aber nur in der Software für den privaten Sektor verpflichtend, nicht in der für Behörden.

"Sie sind eine Schlüsselfirma in der Überwachungsindustrie, aber sie verschließen die Augen vor der Wahrheit", sagte Christopher Soghoian, ein Softwarespezialist der US-Bürgerrechtsvereinigung ACLU, der "New York Times". 

Karp bestätigte immerhin der US-Zeitung, dass das US-Militär durch Palantirs Hilfe Menschen töte - aber nur jene, mit denen das Land im Krieg sei. Sein Unternehmen entwickle etwas zur Verbesserung der Welt, aber es sei sich ebenso über die Realität der Welt bewusst.

Zur Realität gehört dann eben auch, dass Palantir in einer boomenden Branche tätig ist. Wer einmal in den Geschäftsberichten großer Rüstungskonzerne stöbert, wird schnell feststellen, dass die Softwarekompetenz immer stärker gefragt ist. Dafür geben Regierungen und ihre Behörden Milliarden aus.

Auch andere Branchen suchen Wege mit großen Datenmengen umzugehen. Insofern dürfte Palantir leicht Investoren finden.