Startups an die Börse Braucht Deutschland einen Neuen Markt 2.0?

Am Donnerstag trifft Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel Investoren und Vertreter der Deutschen Börse, um die Idee eines "Neuen Marktes 2.0" voranzutreiben. manager-magazin de sprach mit Zooplus-Gründer Sven Rittau über das Für und Wider des Modells.
Börse als Geldgeber für junge Unternehmen: "Wenn man sich den Prospekt von Rocket Internet anschaut, dann dürften die Anforderungen zumindest im Entry Standard nicht zu hoch sein"

Börse als Geldgeber für junge Unternehmen: "Wenn man sich den Prospekt von Rocket Internet anschaut, dann dürften die Anforderungen zumindest im Entry Standard nicht zu hoch sein"

Foto: DPA

mm: Herr Rittau, Sie haben mit dem E-Commerce-Händler Zooplus einen erfolgreichen Onlineshop gegründet, der mittlerweile im SDax notiert ist und sind aktuell CEO eines Print-on-Demand-Anbieters. Sie sollten also die Bedürfnisse von Startups gut kennen. Braucht Deutschland einen neuen Markt 2.0, wie ihn Bundeswirtschaftsminister Gabriel propagiert?

Rittau: Nein, ich bin nicht der Meinung, dass so ein Segment nötig ist. Die Börsengänge von Zalando  und Rocket Internet  haben ja gezeigt, dass IPOs auch über etablierte Standard wie Prime und Entry möglich sind. Und wenn man sich anschaut, was beispielsweise in dem Prospekt von Rocket drin stand - nämlich nicht wirklich viel - dürften die Anforderungen zumindest im Entry Standard auch nicht zu hoch sein.

Aber grundsätzlich finde ich die Diskussion darüber, wie die Kapitalzufuhr für Wachstumsunternehmen verbessert werden kann, gut und will das auch gar nicht abkanzeln. Es ist wichtig, dass das Thema endlich eine gewisse Visibilität und Popularität bekommt. Und dass man auf Augenhöhe sprechen kann und vielleicht auch noch andere Instrumente findet, die das Ökosystem für junge Unternehmen hierzulande verbessern.

mm: Können Sie die Bedenken der Deutschen Börse verstehen, die offenbar Reminiszenzen an das Neue-Markt-Debakel fürchtet und statt eines separaten Börsensegments lieber eine Prä-IPO-Plattform ins Leben rufen will ?

Rittau: Ich glaube auch, dass die Konnotation da echt schwierig ist. Die Aktienkultur in Deutschland ist seit 2001 immer noch total am Boden. Die Amerikaner haben sich einmal geschüttelt und lachen uns aus, dass wir noch immer von dieser Blase reden. Aber ich glaube, es tut dem Thema nicht gut, wenn man jetzt versucht, das wieder aufzuwärmen.

"Die Briten waren mal wieder schneller"

mm: Der Startup-Verband sieht darin das "fehlende Rohrstück im Finanzierungskreislauf"…

Rittau: Ich glaube, es wäre besser sich anzuschauen, was eigentlich vor den Börsengängen passiert. Eine Art Zubringersystem zu schaffen…

mm: … wie es sich die Deutsche Börse vorstellt?

Rittau: Im Prinzip ist die Idee der deutschen Börse einer Pre-IPO-Plattform gar nicht schlecht. Aber die Briten waren eben mal wieder schneller.

mm: Die haben auch schon ein eigenes Wachstumssegment an der Börse geschaffen. Schon zu Jahresbeginn.

Rittau: Das ist eben das angelsächsische: erst einmal machen. Hierzulande geht man das kontinentaleuropäischer an.

mm: Sind die Deutschen vielleicht einfach risikoaverser? Wenn man sich anschaut, dass in Deutschland mit 500 Millionen Euro gerade einmal 0,02 Prozent des BIP als Risikokapital angelegt werden, der Anteil in den USA mit umgerechnet 21 Milliarden Euro oder 0,17 Prozent des BIP hingegen neun Mal so hoch ist. Ist das vielleicht einfach eine Mentalitätsfrage?

Rittau: Das ist natürlich ein Metalitätsthema. Aber das wäre ja ein Totschlagsargument. Das werden sie in 50 Jahren wahrscheinlich nicht ändern. Außerdem glaube ich, muss man unterscheiden zwischen professionellen Investoren und Privatanlegern. Bei den Privaten liegt die Investitionsbereitschaft schon seit Jahren am Boden. Bei den professionellen sieht das anders aus. Da sucht jeder bei den Zinsen aktuell nach Möglichkeiten, sein Kapital anzulegen.

mm: Also heißt das, es gibt Ihrer Meinung nach eigentlich genug Wagniskapital?

Rittau: Geld ist da. Aber es kommt darauf an, dass die Verknüpfung zwischen Unternehmen und Investoren sich verbessert.

"Ausländische Investoren lecken sich die Finger nach deutschen Unternehmen"

mm: Kommt da die deutsche Börse nicht etwas spät? Die London Stock Exchange ist mit dem ELITE-Programm, bei dem mögliche IPO-Kandidaten auch in Silicon-Valley-Manier von Fachleuten gecoached werden sollen, mittlerweile europaweit an den Start gegangen. Gehe ich als Unternehmen mit internationalen Ambitionen da nicht lieber in ein internationales Umfeld?

Rittau: Wenn die deutsche Börse da ein Geschäftsmodell sieht, dann werden die das verfolgen. Ein deutscher Zugang zu dem Thema ist gar nicht so schlecht. Es ist prinzipiell gut, wenn Unternehmen eine Auswahl haben.

mm: Und trotzdem ist es so, dass sich selbst erfolgreiche deutsche Startups wie Wooga oder Researchgate ihr Geld in den USA besorgen.

Rittau: Auch bei Rocket sind die großen Aktienpakete ja nicht in Deutschland platziert worden. Die Investoren, die derartige Visionen teilen, sitzen halt nicht unbedingt in Deutschland. Ausländische Investoren lecken sich die Finger nach deutschen Unternehmen, weil die Deutschen den Aufbau von Strukturen beherrschen. Deutsche Unternehmer bauen oft solidere Geschäftsmodelle als die ausländische Konkurrenz. Wir sind nur schlechter im Storytelling.

Hierzulande ist nur die Investorenlandschaft einfach eine andere. Aber wieso sollte dann ein deutsches Börsensegment, das dieselben Investoren anspricht, die Lösung sein?

mm: Aber von Seiten der Start-ups ist der Ruf nach einem eigenen Börsensegment doch nachvollziehbar. Sie bekämen eine Art eigenes Schaufenster, einen eigenen Index. Und sie würden attraktiver für Investoren, weil für die einfach der Exit leichter würde.

Rittau: Ja aber es gibt ja auch bei jungen Unternehmen einen Finanzierungs-Lebenszyklus. Und ich glaube nicht dass irgendeine Firma heutzutage nach zwei Jahren einen Börsengang macht, um sich darüber Wachstumskapital zu besorgen. So etwas werden wir heutzutage nicht mehr sehen. Ein Börsengang braucht eine gewissen Reife.