Mein Leben im Silicon Valley Der Bitcoin-Hype und die Nerds von der Wall Street

Das Valley möchte per Blockchain-Technologie die Banken abschaffen. Jetzt schlägt das Imperium zurück.
Von Astrid Maier
Bitcoins offline.

Bitcoins offline.

Foto: JIM URQUHART/ REUTERS

Ein Umzug ins Ausland kommt selten günstig, besonders ärgerlich sind die damit verbundenen Bank- und Überweisungskosten. Unsere erste Miete in Palo Alto etwa musste ich mit meiner Kreditkarte von Deutschland aus bezahlen. Dafür behielt Visa  knapp 250 Euro Gebühren ein. Geld von meiner Bank in Deutschland auf mein neues amerikanisches Konto habe ich erst gar nicht überwiesen: Die Transaktion sollte einige Hundert Euro kosten. Auch die Dienste eines baltischen Fintech-Start-ups haben mich nicht überzeugt. Das wollte knapp 30 Euro, um Geld von einem Kontinent zum anderen zu bewegen. Es hätte allerdings mehrere Wochen gedauert, bis der Betrag angekommen wäre.

Meine Bekannten im Valley haben für solche Anekdoten nur mitleidiges Lächeln übrig. Sie arbeiten schon seit langer Zeit daran, das Bankwesen eines Tages zu unterlaufen - oder es am besten gleich ganz abzuschaffen. Ihre Lösung heißt Bitcoin, die digitale Währung, und die dahinter liegende Technologieplattform Blockchain.

Vordenker wie Marc Andreessen, Investor und Miterfinder des Browsers Netscape, predigen seit Jahren, die Technologie habe so viel umwälzendes Potenzial wie in den frühen 90ern die Erfindung des kommerziellen Internets. Daten werden dabei in einem offenen Netzwerk von Computer zu Computer gehandelt, ähnlich wie beim Austausch von Musikdateien.

2016, so glauben viele im Valley, werde aus dem Traum der Computerfreaks endlich auch für Normalos wie mich ein Geschäftsmodell aus Blockchain. Der Tesla-Investor, Venture Capitalist und Bitcoin-Enthusiast Tim Draper erwartet in diesem Jahr gar die Ankunft des ersten "Bitcoin unicorn", also eines Milliarden-Start-ups aus der Kryptowährungsszene.

Selbst wenn Sie Bitcoin bisher eher mit Geldwäscheskandalen rund um zwielichtige Börsenplattformen wie Mt.Gox oder Silk Road in Verbindung bringen - ich habe mich von dem Optimismus längst anstecken lassen. Schließlich gehörten zu den ersten Webanwendungen auch Pornoseiten, zu den ersten E-Mail-Benutzern Kriminelle, da die neue Technologie abhörsicherer war als das Telefon. Das alles hat Jeff Bezos nicht davon abgehalten, 1994 auf der Webinfrastruktur Amazon  zu erfinden. Diesmal wird es wieder so kommen.

Denn Blockchain, die Plattform hinter Bitcoin, funktioniert im Grunde wie eine neue Datenbank. Darin lassen sich nicht nur Währungen wie Bitcoin handeln, sondern auch Überweisungen und Lastschriften, Aktien und Anleihen, Währungen und Finanzderivate speichern und bewegen. Diese Transaktionen gehen schneller und effizienter vonstatten, als dies die Banken mit ihren veralteten IT-Systemen hinbekommen. Der Mittler - also die Bank - ist in den meisten Fällen ohnehin obsolet. Und sicher ist das System auch, jede Transaktion lässt sich im Netzwerk zurückverfolgen.

2015 wurde den Analysten von CoinDesk zufolge erstmals mehr als eine Milliarde US-Dollar in Start-ups investiert, die Anwendungen rund um die Bitcoin-Technologie entwickeln. Doch bei aller Fintech-Euphorie im Valley - die Wall Street ist nach wie vor im Rennen. Das Imperium schlägt gerade zurück. Finanzkonzerne wie Visa, Citigroup  oder die Nasdaq  finanzieren Neugründungen, und so gut wie jedes namhafte Finanzinstitut hat eigene Programme oder Partnerschaften rund um Bitcoin aufgelegt. 2015 habe "einen Wendepunkt" markiert, konstatiert Bitcoin-Expertin Susan Athey, Wirtschaftsprofessorin an der Universität Stanford. "Die Finanzindustrie lässt sich nicht länger vom Silicon Valley überrumpeln."

Die Tech-Euphorie der Banker nimmt bereits besorgniserregende Züge an. Schon beschweren sich die ersten Nerds, auf den Bitcoin-Konferenzen liefen mehr Typen in Anzügen rum als in Hoodies. Die Kleiderordnung macht auch das unterschiedliche Interesse deutlich: Die Banker wollen mit Blockchain Kosten sparen, nicht zu Entwicklern werden - und schon gar nicht sich selbst abschaffen. Daher plädieren sie vehement für geschlossene Netzwerke - was meine libertär gesinnten Valley-Kommunarden regelmäßig in Rage versetzt. Mir ist es egal, wer gewinnt: Hauptsache, die Auslandsüberweisungen werden endlich schneller und billiger.

Astrid Maier, Tech-Editor des manager magazins, besucht bis zum Sommer als Stipendiatin die Stanford University. Ihre letzte Kolumne "Not macht erfinderisch, mehr denn je" aus dem Silicon Valley finden Sie im Juli-Heft.

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