Mittwoch, 20. November 2019

EU-Kommission vs. Google Entscheidung für die andere Netzneutralität

Google-Zentrale: Für 90 Prozent der Europäer ist die Suchmaschine das Tor zum Wissen

Die EU-Kommission hat sich mit Google im Wesentlichen darüber geeinigt, wie der Suchmaschinenkonzern künftig Suchtreffer präsentieren muss, um nicht gegen Wettbewerbsrecht zu verstoßen. Die Entscheidung und die Maßnahmen sind richtig - allerdings nicht wegen der gebeutelten Wettbewerber.

Hamburg - Google ist für neun von zehn Europäern das Fenster zum Wissen. Naja, eigentlich ist es eher ein Schlitz: Durch diesen blicken Deutsche, Portugiesen, Schweizer und Franzosen täglich per PC, Laptop, Tablet oder Smartphone in die digitale Welt. Doch diese Welt ist kein Abbild der Wirklichkeit. Sie ist weder vollständig noch neutral.

So sind bei Google viele Netzinhalte gar nicht erst zu finden: Facebook-Diskussionen, Twitter-Tweets, Diskussionen auf Xing oder LinkedIn, Telefonbucheinträge und vieles mehr können in der größten Suchmaschine der Welt nicht gefunden werden. Das liegt allerdings meist an den Restriktionen der Anbieter der entsprechenden sozialen Netzwerke oder an den Datenbanken selbst.

Anders liegt der Fall, wenn Google per Algorithmus darüber entscheidet, welche Treffer oben gelistet werden. In diesen nach dem Google-Gründer Larry Page benannten Page-Rank fließen inzwischen mehr als 200 verschiedene Faktoren ein. Welche das sind, ist ein gut gehütetes Geheimnis. Ein Geheimnis, das darüber entscheidet, welche Ergebnisse ganz oben in der Trefferliste stehen, wenn man beispielsweise sucht nach: "News zu Michael Schumacher", "Italienisches Restaurant Bremen", "Flug in die Türkei ab München" oder "Preis iPhone 5S".

Der Leitspruch "Don't be evil" und die Realität der Märkte

Bevorzugt Google systematisch eigene Dienste vor denen der Konkurrenz? Darüber streitet sich der Suchmaschinenkonzern, der sich einst den Leitspruch "Don't be evil" auf die Fahne schrieb, seit Jahren mit seinen Wettbewerbern. Dass sich dieser Leitspruch mit einer Börsenbewertung von mittlerweile rund 380 Milliarden Dollar und einer auf die Gesetze der Kapitalmärkte fixierten Konzernwelt vereinbaren lässt, daran haben indes auch die Vertreter der EU-Kommission ihre Zweifel.

Der voraussichtliche Maßnahmenkatalog, den Europas höchster Wettbewerbshüter Joaquin Almunía nun nach mehr als drei Jahren Verhandlung mit Google Börsen-Chart zeigen präsentiert hat, ist daher richtig und konsequent - solange die Maßnahmen die Neutralität und Pluralität des Wissens im Netz nachhaltig sicherstellen und keine Schlupflöcher bleiben.

Denn einem privaten Konzern ein so grundlegendes Monopol - den Zugang zum digitalen Wissen - ohne Vorgaben zu überlassen, wäre fatal. Dies gilt vor allem aus Sicht der Nutzer der werbefinanzierten Google-Dienste. Ein Punkt, den Almunía selbst betont: Er will "Wettbewerb zugunsten der Verbraucher und nicht der Wettbewerber" sicherstellen.

Die Untersuchung der EU-Kommission ist von den Wettbewerbern Googles - allen voran Microsoft Börsen-Chart zeigen und Yahoo Börsen-Chart zeigen - angestoßen worden. Ob diese aus der sich anbahnenden Einigung tatsächlich große Vorteile ziehen, bleibt offen: So gab Microsoft erst am Dienstag bekannt, sich mit 15 Millionen Dollar am aufstrebenden sozialen Netzwerk Foursquare beteiligt zu haben, über das Nutzer ihre Standorte einander mitteilen sowie öffentliche Tipps über Restaurants und Geschäfte austauschen können.

Der Deal sieht unter anderem vor, Foursquare künftig in die Datenbanken der Microsoft-Suchmaschine Bing zu integrieren. Foursquare-Rivalen wie Yelp dürften angesichts der anstehenden Kommissions-Entscheidung genau hinschauen, ob sich Microsoft an die gleichen Regeln hält wie Google.

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