Montag, 24. Juni 2019

Interview mit Fraunhofer-Experte Peter Liggesmeyer Wie Deutschland bei Künstlicher Intelligenz sein Ressourcenproblem lösen kann

Digitale Bildung: "Wir reden im Moment ganz häufig über digitale Vermittlung, aber nicht über die digitalen Lerninhalte. Und das halte ich für einen Fehler"
Andrey Armyagov/ddp images
Digitale Bildung: "Wir reden im Moment ganz häufig über digitale Vermittlung, aber nicht über die digitalen Lerninhalte. Und das halte ich für einen Fehler"

Peter Liggesmeyer ist Leiter des Fraunhofer-Instituts für Experimentelles Software Engineering IESE in Kaiserslautern. Mit manager-magazin.de sprach der langjährige Präsident der deutschen Gesellschaft für Informatik über Deutschlands Ressourcenprobleme in Sachen Künstliche Intelligenz - und wie sie gelöst werden können.

manager-magazin.de: Herr Liggesmeyer, wenn aktuell in Deutschland von KI die Rede ist, geht es meistens darum, wie weit Deutschland von China und den USA bereits abgehängt ist und ob Deutschland überhaupt noch Chancen hat aufzuholen. Wie sehen sie als Experte der angewandten Forschung die Diskussion? Ist Deutschland tatsächlich so schlecht aufgestellt?

Peter Liggesmeyer: Wissenschaftlich sicher nicht. Da haben wir aktuell eine ganz gute Position inne. Aber angesichts der Tatsache, dass China mit sehr viel Geld bestimmte Themen fördert und in den USA die Gründerkultur ziemlich gut zu funktionieren scheint, ist es vielleicht gar nicht so ungeschickt, sich mit denjenigen zu vergleichen, die andernorts ein bisschen aus der Masse herausragen.

Also alles Paletti? Hätte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier sich seine ganze KI-Strategie sparen können?

Natürlich nicht. Aber ich glaube, man muss sich schon über die Unterschiede zwischen den Ländern im Klaren sein. Die IT in den USA ist im Wesentlichen sogenannte Primär-IT. Das heißt, sie haben dort Unternehmen wie Microsoft, Hewlett-Packard oder Oracle, deren Produkt hauptsächlich Software ist. Von dieser Sorte gibt es in Deutschland eigentlich nur ein einziges großes Unternehmen, nämlich SAP Börsen-Chart zeigen. Die anderen großen deutschen Firmen bauen Produkte, in denen Software enthalten ist ...

und die dort auch eine beträchtliche Rolle spielt.

Ja, aber die Unternehmen verkaufen keine Software an sich, sondern ein Auto mit Software, eine Maschinensteuerung, in der Software drin ist, oder einen Roboter, der softwaregesteuert ist. Und dafür braucht man etwas andere Kompetenzen: Insbesondere Engineering-Kompetenz und die Fähigkeit, Software und Engineering zusammenzubringen. Und das sollte meiner Ansicht nach auch Konsequenzen dahingehend haben, worauf wir unsere Forschungsschwerpunkte in der KI legen.

Das heißt konkret?

Für unsere Volkswirtschaft ist es wichtig, dass KI bestimmte Aufgaben erfüllen kann. Beispielsweise autonome Fertigungsstraßen, in denen nicht die Gefahr besteht, dass ein Schwerlastroboter "versehentlich" einen Menschen umfährt. Das sind sicherheitskritische Systeme, die unglaublich gut, sicher und verlässlich funktionieren müssen. Da gelten andere Anforderungen als bei der Spracherkennung, wo man sich, wenn der Computer einen beim ersten Versuch nicht versteht, vielleicht ärgert, aber es danach einfach noch einmal versuchen kann. Das sind Kompetenzen, mit denen wir uns in Deutschland durchaus profilieren können.

Und wie sieht es hierzulande mit der Versorgung mit solchen Grenzgängern aus, die KI-Kenntnisse und Engineering vereinen?

Nicht gut. Wir erzeugen generell in der Ausbildung für den IT-Bereich zu wenige Absolventen. Und diejenigen, die wir hervorbringen, sind dann oft auch nicht ideal qualifiziert, sondern haben Schwierigkeiten, den technischen Innovationen zu folgen.

Das ist ein ziemlich hartes Urteil. Wie erklären sie sich das?

Es wird ihnen im Studium nicht beigebracht. Dabei ist es nicht so, dass sich Universitäten und Fachhochschulen nicht bemühen würden, diese neuen Belange in die Studiengänge einzubauen. Aber man kann die Studiengänge ja nicht endlos aufblasen. Also muss man sich überlegen, was man dafür herausnimmt. Und das ist angesichts der Autarkie von Professoren, die ihre eigenen Fächer mitunter für ganz besonders wichtig halten, nicht ganz trivial. Außerdem wird das Thema IT meines Erachtens in Deutschland dem Nachwuchs viel zu spät nahegebracht.

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