Dienstag, 18. Februar 2020

Interview mit Fraunhofer-Experte Peter Liggesmeyer Wie Deutschland bei Künstlicher Intelligenz sein Ressourcenproblem lösen kann

Digitale Bildung: "Wir reden im Moment ganz häufig über digitale Vermittlung, aber nicht über die digitalen Lerninhalte. Und das halte ich für einen Fehler"
Andrey Armyagov/ddp images
Digitale Bildung: "Wir reden im Moment ganz häufig über digitale Vermittlung, aber nicht über die digitalen Lerninhalte. Und das halte ich für einen Fehler"

2. Teil: "Informatik ist eine Kulturtechnik wie Rechnen, Schreiben, Lesen"

Wann sollte man denn Ihrer Ansicht nach damit anfangen?

Möglichst früh. Und es ist ja nicht nur so, dass wir in Sachen Informatik hierzulande echte Spätstarter sind. Es wird meines Erachtens auch an dem eigentlichen Sachverhalt vorbeidiskutiert. Wenn wir über Bildung in Schulen reden, über frühe Bildung in Digitalisierung, dann geht es allzu oft um Breitbandanbindung, um Smartboards in Klassenzimmern, um Ausstattung mit Hardware. Das hat aber nicht zwingend etwas mit Qualifikation in digitaler Hinsicht zu tun. Wir reden im Moment ganz häufig über digitale Vermittlung, aber nicht über die digitalen Lerninhalte. Und das halte ich für einen substanziellen Fehler.

Und wie lässt sich Ihrer Ansicht nach dieses Nachwuchsproblem lösen?

Indem man viel früher mit der digitalen Bildung ansetzt. Auch wenn diese Sichtweise noch nicht weit verbreitet ist: Informatik ist meiner Ansicht nach eine Kulturtechnik wie Rechnen, Schreiben oder Lesen. Daher sollte man am besten schon im Kindergarten damit anfangen, die Kinder in einfacher, kindgerechter und spielerischer Form dort heranzuführen. Dann würde sich der Rest von alleine erledigen. Die Kinder würden dann während ihrer Schulzeit natürlichen Zugang dazu gewinnen.

Davon sind wir aber aktuell noch weit entfernt.

Ja, mein Sohn hatte in der 8. Klasse zum ersten Mal die Möglichkeit, Informatik zu wählen, in Konkurrenz zu Spanisch, Französisch und Latein. Aber wie soll jemand, der in der Mittelstufe von einem mittelmäßig qualifizierten Informatiklehrer in geringem Umfang in Informatik eingeführt wird, sich dazu eine profunde Meinung bilden?

Und diese profunde Einschätzung ist Ihrer Ansicht nach nötig, um genügend Nachwuchsinformatiker zu produzieren, um nicht weltweit den Anschluss zu verlieren?

Ja. In Deutschland gibt es eine schiefe Wahrnehmung, dass Informatiker in abgedunkelten Räumen blass vor einem Computermonitor sitzen und wenig soziale Interaktion haben. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Es geht viel um Kommunikation und um Arbeiten in Teams. Aber dieses Zerrbild führt dazu, dass sich zu wenige und dann auch noch häufig die Falschen für einen Informatikstudiengang entscheiden. Die Folge sind Abbruchquoten von teilweise 50 Prozent.

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