Rocket Internet im Kanzlertest Der Internetfrontrunner und die Physikerin aus der Uckermark

In Berlin traf Angela Merkel auf den wichtigsten Internet-Unternehmer der Republik, Rocket-Internet-Chef Oliver Samwer. Es wurde eine wunderbare Parabel dafür, was Ingenieurs-Deutschland vom Internet-Deutschland trennt.
Von Andrea Rungg
Wünsch Dir was: "Jetzt sagen sie doch mal, was sie noch wollen", forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel Rocket-Internet-Chef Oliver Samwer auf

Wünsch Dir was: "Jetzt sagen sie doch mal, was sie noch wollen", forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel Rocket-Internet-Chef Oliver Samwer auf

Foto: DPA

Berlin - Irgendwie zweifelte die ansonsten so sichere Bundeskanzlerin kurz, ob sie das so sagen darf. Gerade hatte Angela Merkel ihre Rede zum Zustand der deutschen und der europäischen Digitalwirtschaft beendet. Je öfter man ihren Worten zu dem Thema dieser Tage lauscht, desto mehr beschleicht einen das Gefühl, dass es schlecht um unser Land, um Europa steht.

"Mich treibt um", "mich bedrückt", "wir müssen in den sauren Apfel beißen", "wir müssen aufpassen", "Herausforderungen", "die Zeit drängt", "wir brauchen", "wo ist unser Platz?", das sind Satzanfänge einer Kanzlerin, die die IT-Kompetenz unseres Landes, unseres Kontinents hinterfragt. Der Politik bescheinigte sie - und sie nehme sich da nicht aus - gut darin zu sein, Probleme zu beschreiben, aber sie käme dann nicht schnell genug voran. "Amerika kommt weiter, weil nichts geregelt ist. Wir kommen nicht weiter, weil geregelt ist, dass nichts geregelt ist", sagte sie.

Sie redete darüber, wie Europa die Datenflut regulieren müsse, über Fragen zur Netzneutralität, über Bürokratieabbau für junge Gründer und über Urheberrechte.

Nun also sollte sie auf Oliver Samwer treffen, den selbst ernannten "aggressivsten Mann im Internet". Jemanden, dem auch nichts schnell genug geht. Der Gründer und Chef des Startup-Inkubators Rocket Internet  und Miele-Chef Eduard Sailer waren eingeladen worden, mit der Kanzlerin und CDU-Vorsitzenden im Adenauer-Haus über die Digitale Agenda zu diskutieren.

Und da stand sie nach ihrer alarmierenden Rede noch alleine auf der Bühne und überlegte, wie sie ihn nennen soll, den Oliver Samwer. Die Moderatorin hatte gerade die Einführung Samwers verstolpert und Merkel wollte nur helfen. "Na, Internetfrontrunner", fährt sie dazwischen und schiebt nach, "wenn ich das so sagen darf."

Oliver Samwer der "Internetfrontrunner", ein immerhin schmeichelhafterer Titel als "aggressivste Mann im Internet" .

Warum der Staubsauger für die Zimmertemperatur verantwortlich ist

Der Unterschied zwischen dem Geschäft von Sailer und Oliver Samwer könnte größer kaum sein. Der eine verkauft Hausgeräte. Waschmaschinen, Staubsauger, Kühlschränke. Das sei nicht nur Blech, betonte Sailer, Miele verkaufe Systeme. Der andere baut Startups auf, eines nach dem anderen. Im besten Fall verkauft er sie gewinnbringend, im schlechtesten Fall scheitern sie. Während Mittelständler Miele soeben 115-jähriges Firmenjubiläum feierte, ging Oliver Samwer vor wenigen Wochen mit seinem sieben Jahre jungen Rocket Internet an die Börse.

Zwischen Sailer und Samwer stand nun die Kanzlerin. Miele hatte sie erst vor einem Jahr besucht. Das Geschäft ist ihr geläufig. Grundsatzverordnungen zu energiesparenden Geräten kann Merkel sofort zitieren. Sie habe sich einmal Sorgen gemacht, ob die neuen Regeln verhinderten, dass der Staubsauger der Zukunft mit 900 Watt auch noch richtig saugen könne. Ihre Mitarbeiter hätten sie beruhigen können. Als die ersten im Publikum lachen, fügte Merkel hinzu: "Man muss wissen: Mit den heutigen Staubsaugern heizt man auch immer ein bisschen das Zimmer".

Die Detailliebe der Kanzlerin bekam auch schon bald Oliver Samwer zu spüren. Der Rocket-Chef neigt dazu in Stichwörtern zu reden. Häufig beendet er Sätze nicht, weil er gedanklich schon im übernächsten ist.

Samwers Beschreibung des Zustands der deutschen Digitalbranche war keineswegs so schlecht, wie ihn die Kanzlerin zuvor skizzierte. Allerdings fokussierte sie sich eher auf die Industrie, das Rückgrat der deutschen Wirtschaft.

"Ach guck mal, da ist jetzt wieder was Pleite gegangen"

Der 41-Jährige ist hingegen in der Startup-Welt zu Hause. Der Hauptsitz von Rocket Internet ist in der vermeintlichen Startup-Hauptstadt Berlin. "Wenn man sich Berlin anschaut, dann ist neben den Behörden und der Bundesregierung, der größte Arbeitgeber die Summe der Startups. Das heißt, zwischen 1998 und 2014 ist schon etwas passiert", sagte Samwer.

Rocket beschäftigt nach Angaben von Samwer weltweit 20.000 Mitarbeiter. Onlinehändler Zalando , ein Unternehmen, das durch die Starthilfe der Samwers groß wurde, ist in Berlin einer der größten privaten Arbeitgeber und beschäftigt weltweit etwa 7400 Mitarbeiter.

Er und seine Brüder Marc und Alexander seien damals aus den USA nach Deutschland zurückgekommen, weil sie an das Land glaubten. "Am Ende haben wir gesagt, wir leben hier gerne, wir glauben an die Tugenden, die Fähigkeiten, die Vorteile des Ökosystems", sagte er.

Aber auch für Samwer ist noch nicht alles perfekt. "Wir müssen jetzt die Basis finden, dass auch neue, junge, kleine Mieles entstehen können", sagte er. Die einen würden vielleicht Zalando heißen, die anderen Wooga (ein Online-Spielehersteller) und ein anderes vielleicht Startup Nr. 13. Wir hätten in Deutschland die Kultur, dass sich 20, 30 Blogs auf diese Startups stürzten und dann schrieben, "ach guck mal, da ist jetzt wieder was Pleite gegangen", beklagte Samwer.

Wir müssten auch akzeptieren, dass sie scheitern. "Am Ende ist es nun einmal so", sagte er und sprach betont langsam, "um ein neues Miele zu schaffen, oder genauso ein Google  oder ein neues Facebook , da wird es nun einmal so sein, dass acht bis neun Startups es nicht schaffen werden."

Angela Merkel quetscht Oliver Samwer aus

Den Staat sieht er auch in der Verantwortung. Er verweist darauf, dass man vor 30 Jahren in Europa gemeinsam den Flugzeugbauer Airbus geschaffen habe. Bei Solar- und Windenergie habe der Staat auch eingegriffen, in der Digitalwirtschaft sage man aber immer, "ja, die KfW reicht wohl". Heute sei es so, dass Amerika immer noch 98 Prozent mehr Risikokapital habe als Deutschland. "Und wenn wir da was ändern wollen, dann müssen wir auch einen Anschub haben", sagte Samwer unverblümt und drehte sich zur Kanzlerin. Die Regierung solle für drei, vier oder fünf Euro Risikokapital einen Euro dazugeben, forderte er. Dann mache man plötzlich aus zwei Milliarden Euro Venture Capital noch einmal eine oder mehr Milliarden oben drauf.

Merkel hakte skeptisch nach: "Drei, vier, fünf Euro haben sie schon, damit ich einen dazu geben kann? Nicht, dass ich den einen Euro auftreibe und sie sagen dann, ich müsste den Rest auch noch ranschaffen." Oliver Samwer musste lachen, versicherte aber, dass man das Geld aufbringe.

Die Bundeskanzlerin bohrte weiter. Sie haderte mit der Startup-Kultur. Sie verstehe nicht, warum Samwer sich immer wieder von Unternehmen löse, warum viele Startups nur von der Erwartung lebten, nicht aber von Gewinnen. Das ist ein Vorwurf der Samwer (und anderen Gründern) nachhängt und den Merkel aufgeschnappt hatte.

Sie verwies auf Miele. Das Unternehmen habe zuerst eine Waschmaschine gebaut. Dann habe es Geld verdient und dann weitere Produkte hergestellt. Das Unternehmen habe es sich nicht leisten können, über Jahre keinen Gewinn auszuweisen. "Die ganze Kultur ist anders. Können sie mir das noch mal erklären?", bat die Kanzlerin Samwer.

"Jetzt sagen sie doch mal, was sie noch wollen"

Es sei nicht so, dass die deutschen Internet-Gründer nicht langfristig denken würden, sagte er. Sie würden genauso davon träumen, irgendwann ein Unternehmen mit weltweiter Bedeutung zu schaffen. Es sei nur einfach so, dass die Amerikaner mehr Kapital hätten und im Wettbewerb müsse sich der Gründer immer fragen, ob er alleine überleben könne. Manchmal müsse man das Unternehmen dann eben verkaufen.

Samwer lamentierte viel darüber, dass es zu wenig Kapital gebe. Das machte er durchaus auch im Interesse vieler anwesender Wagniskapitalgeber und Gründer. Rocket und Zalando hätte es beispielsweise ohne ausländische Investoren nicht gegeben, erklärte Samwer der Kanzlerin. Merkel erwiderte irgendwann etwas ungeduldig: "Das mit dem Wagniskapital haben wir jetzt verstanden. Jetzt sagen sie doch mal, was sie noch wollen."

Müsste Deutschland etwas in der Bildung ändern, will Merkel wissen. Wie so viele wünscht sich Samwer, dass neben Englisch, Französisch und Spanisch auch die Programmiersprache in der Schule zum Lehrplan gehöre. Darüber hinaus sollten erfolgreiche und gescheiterte Unternehmer gemeinsam in Schulen über ihre Erfahrungen berichten.

Für die digitale Wirtschaft sei es in Deutschland noch nicht zu spät, glaubt der Manager. "Wenn wir schnell entscheiden, dann haben wir eine gute Zukunft. Wir brauchen schnelle Netze, wir brauchen Geld für die Startups, wir brauchen wenig Regulierung - und dann let's go". Eine Aufforderung, die die Kanzlerin ziemlich wörtlich nahm. Sie verschwand zum nächsten Termin.

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