Freitag, 18. Oktober 2019

Rocket Internet im Kanzlertest Der Internetfrontrunner und die Physikerin aus der Uckermark

Wünsch Dir was: "Jetzt sagen sie doch mal, was sie noch wollen", forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel Rocket-Internet-Chef Oliver Samwer auf

3. Teil: Angela Merkel quetscht Oliver Samwer aus

Den Staat sieht er auch in der Verantwortung. Er verweist darauf, dass man vor 30 Jahren in Europa gemeinsam den Flugzeugbauer Airbus geschaffen habe. Bei Solar- und Windenergie habe der Staat auch eingegriffen, in der Digitalwirtschaft sage man aber immer, "ja, die KfW reicht wohl". Heute sei es so, dass Amerika immer noch 98 Prozent mehr Risikokapital habe als Deutschland. "Und wenn wir da was ändern wollen, dann müssen wir auch einen Anschub haben", sagte Samwer unverblümt und drehte sich zur Kanzlerin. Die Regierung solle für drei, vier oder fünf Euro Risikokapital einen Euro dazugeben, forderte er. Dann mache man plötzlich aus zwei Milliarden Euro Venture Capital noch einmal eine oder mehr Milliarden oben drauf.

Merkel hakte skeptisch nach: "Drei, vier, fünf Euro haben sie schon, damit ich einen dazu geben kann? Nicht, dass ich den einen Euro auftreibe und sie sagen dann, ich müsste den Rest auch noch ranschaffen." Oliver Samwer musste lachen, versicherte aber, dass man das Geld aufbringe.

Die Bundeskanzlerin bohrte weiter. Sie haderte mit der Startup-Kultur. Sie verstehe nicht, warum Samwer sich immer wieder von Unternehmen löse, warum viele Startups nur von der Erwartung lebten, nicht aber von Gewinnen. Das ist ein Vorwurf der Samwer (und anderen Gründern) nachhängt und den Merkel aufgeschnappt hatte.

Sie verwies auf Miele. Das Unternehmen habe zuerst eine Waschmaschine gebaut. Dann habe es Geld verdient und dann weitere Produkte hergestellt. Das Unternehmen habe es sich nicht leisten können, über Jahre keinen Gewinn auszuweisen. "Die ganze Kultur ist anders. Können sie mir das noch mal erklären?", bat die Kanzlerin Samwer.

"Jetzt sagen sie doch mal, was sie noch wollen"

Es sei nicht so, dass die deutschen Internet-Gründer nicht langfristig denken würden, sagte er. Sie würden genauso davon träumen, irgendwann ein Unternehmen mit weltweiter Bedeutung zu schaffen. Es sei nur einfach so, dass die Amerikaner mehr Kapital hätten und im Wettbewerb müsse sich der Gründer immer fragen, ob er alleine überleben könne. Manchmal müsse man das Unternehmen dann eben verkaufen.

Samwer lamentierte viel darüber, dass es zu wenig Kapital gebe. Das machte er durchaus auch im Interesse vieler anwesender Wagniskapitalgeber und Gründer. Rocket und Zalando hätte es beispielsweise ohne ausländische Investoren nicht gegeben, erklärte Samwer der Kanzlerin. Merkel erwiderte irgendwann etwas ungeduldig: "Das mit dem Wagniskapital haben wir jetzt verstanden. Jetzt sagen sie doch mal, was sie noch wollen."

Müsste Deutschland etwas in der Bildung ändern, will Merkel wissen. Wie so viele wünscht sich Samwer, dass neben Englisch, Französisch und Spanisch auch die Programmiersprache in der Schule zum Lehrplan gehöre. Darüber hinaus sollten erfolgreiche und gescheiterte Unternehmer gemeinsam in Schulen über ihre Erfahrungen berichten.

Für die digitale Wirtschaft sei es in Deutschland noch nicht zu spät, glaubt der Manager. "Wenn wir schnell entscheiden, dann haben wir eine gute Zukunft. Wir brauchen schnelle Netze, wir brauchen Geld für die Startups, wir brauchen wenig Regulierung - und dann let's go". Eine Aufforderung, die die Kanzlerin ziemlich wörtlich nahm. Sie verschwand zum nächsten Termin.

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