Jürgen Schmidhuber über die Zukunft künstlicher Intelligenz "Langfristig werden KIs schon ihr eigenes Ding drehen"

KI-Experte Jürgen Schmidhuber im Februar auf der New Work Experience des Karrierenetzwerks Xing in Hamburg

KI-Experte Jürgen Schmidhuber im Februar auf der New Work Experience des Karrierenetzwerks Xing in Hamburg

Foto: storytile

Fast jeder hat ein Stück Technik in der Tasche, das Jürgen Schmidhuber mit geprägt hat: Der Professor an der TU München gilt als Vater der modernen Künstlichen Intelligenz (KI). Die lernenden neuronalen Netze, die seine Teams am Schweizer KI Labor IDSIA (USI & SUPSI) und der TU München entwickelt haben, stecken in drei Milliarden Smartphones. Sie werden unter anderem in Facebooks automatischer Übersetzung, Googles Spracherkennung, Apples iPhone und Amazons Alexa genutzt. Schmidhuber ist Mitgründer und Chief Scientist der Firma NNAISENSE, die die erste praktische Allzweck-KI erschaffen will.

manager-magazin.de: Ihr erklärtes Lebensziel ist es, eine künstliche Intelligenz (KI) zu entwickeln, die klüger ist als Sie selbst, damit Sie in den Ruhestand gehen können.

Schmidhuber: Seit vielen Jahrzehnten, ja.

mm.de: Bevor Ihre eigene KI Ihren Job überflüssig macht: Wer ist vor Ihnen dran? Taxifahrer? Anlageberater? Simultandolmetscher? Radiologen?

Schmidhuber: Interessanterweise vor allem Männer. Deren Tätigkeiten sind oft leichter durch KI zu ersetzen als die der Frauen.

mm.de: Das müssen Sie erklären.

Schmidhuber: Viele Männer verfügen über eine Inselbegabung samt zugehörigem Tunnelblick. Sie können eine Sache wirklich gut, sind aber nicht allzu breit aufgestellt. Das macht sie anfällig für Automatisierung. Historische Beispiele: Viele Männer waren stärker als ihre Frauen, doch Maschinen sind schon seit Jahrhunderten noch viel stärker als Männer. Vor 25 Jahren war der beste Schachspieler der Welt noch ein Mann, keine Frau. Seit 20 Jahren ist er aber ein Rechner, kein Mann. Inselbegabte sind oft leichter zu ersetzen als die oft ziemlich universellen weiblichen Problemlöser. Bedienen wir bei der Gelegenheit ein Klischee: Bindet sich ein Mann die Schuhbänder und stellen Sie ihm eine Frage, dann muss er seine Tätigkeit unterbrechen (gilt natürlich nicht allgemein, aber tendenziell). Eine Frau beantwortet gleichzeitig die Frage, und hat noch dazu die Kinder im Blick. Im Moment jedenfalls sind KIs noch lange nicht so intelligent wie kluge Frauen. Aber wir arbeiten an KIs, die eine Million Inselbegabungen zugleich haben. Die werden dann schon ziemlich breit aufgestellt sein.

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mm.de: Sie arbeiten auch an intelligenten Programmen, die menschliche Anlageberater übertreffen können. Und schon 2012 hat Ihr Team ein Programm entwickelt, das gelernt hat, Krebszellen zu erkennen, bevor sie bösartig werden. Da fallen ganze Berufsfelder weg - und zwar nicht für ungelernte, sondern für hoch qualifizierte Arbeitskräfte, oder?

Schmidhuber: Es ist nicht verkehrt, wenn wir uns Tätigkeiten abnehmen lassen, die ein künstliches neuronales Netzwerk besser erledigen kann als wir selbst. Viele Berufe fallen dabei aber nicht wirklich weg, sie ändern sich nur. Ein Arzt kann beispielsweise lernen, mit den neuen KI-Werkzeugen umzugehen, und dann mehr Menschen pro Tag gut behandeln als früher. Klar, wenn Autos autonom fahren, braucht man keine Taxifahrer mehr. Aber schon in der Vergangenheit haben Maschinen Arbeitsplätze massiv überflüssig gemacht. Noch vor einigen Jahrzehnten war eine Autofabrik voll mit Hunderten von arbeitenden Menschen. In derselben Fabrik stehen heute Hunderte von Robotern, und drei Leute schauen zu, was die Roboter machen.

Trotzdem haben Länder, in denen es viele Roboter pro Einwohner gibt, niedrige Arbeitslosenzahlen. Neue Jobs entstanden, die die Verluste ausglichen. Wie ich schon vor Jahrzehnten sagte: Es ist ziemlich leicht, vorherzusagen, welche Jobs verschwinden werden. Aber wirklich schwierig, zu prognostizieren, welche neu entstehen. Es gibt heute viele Berufe, mit denen vor 30 Jahren niemand gerechnet hat. Zum Beispiel Video-Blogger oder Influencer. Lauter nicht lebensnotwendige Berufe, für die es trotzdem einen veritablen Markt gibt. Der homo ludens, der spielende Mensch, erfindet ständig neue solche Berufe, die meist mit der Interaktion mit anderen Menschen zu tun haben. Wirklich lebensnotwendig sind nur ganz wenige Berufe: Bauer zum Beispiel. Um 1900 galt Deutschland noch als Agrarstaat, aber ein Bauer konnte jeweils nur eine Handvoll Menschen ernähren. Heute macht ein einziger Landwirt mehr als 130 Menschen satt.

mm.de: Sie sagen, viele Menschen werden von Ihrer künstlicher Intelligenz profitieren. Wie?

Schmidhuber: Viele profitieren heute ja schon von unserer KI. Mit Ihrem Smartphone können Sie eine Menge Dinge tun, die noch vor zehn Jahren Science Fiction waren. Die meisten Tiere verstehen keine Sprache, Ihr Handy aber schon, und zwar durch unsere lernenden Algorithmen. Und alle paar Jahre werden seine Antworten besser, weil Rechenkraft pro Jahrzehnt 100 Mal billiger wird. Viele Leute wären ohne ihr Smartphone nicht so klug und erfolgreich, wie sie es mit dem Gerät sind. Und wie vorher bereits angedeutet: Auch im Gesundheitssektor hilft künstliche Intelligenz, Diagnostik zu verbessern und Leben zu verlängern. Heute schon haben Leute durch unsere lernenden neuronalen Netze mehr Aussichten darauf, länger und gesünder zu leben als frühere Generationen. Eine gewaltige Hilfe für die Menschheit.

"Es gibt einen natürlichen kommerziellen Druck hin zu KIs, die der Mensch mag"

mm.de: Sehen Sie keine negativen Aspekte der KI?

Schmidhuber: 95 Prozent der KI-Forschung sind darauf angelegt, Menschen das Leben zu erleichtern und zu verlängern. Es gibt einen natürlichen kommerziellen Druck hin zu KIs, die der Mensch mag. Aber man kann nicht leugnen, dass auch das Militär an KI interessiert ist.

mm.de: Eines der Hauptanwendungsgebiete für künstliche Intelligenz ist derzeit das Marketing. Welche Branchen werden die Motoren für die nächste Weiterentwicklung sein? Welche Rolle spielt dabei Europa?

Schmidhuber: Im Moment profitieren vom KI-basierten Marketing am meisten die großen Konzerne am pazifischen Rand: Google , Facebook , Amazon , Microsoft , Apple  an der Westküste; Samsung , Alibaba, Tencent, Baidu an der Ostküste. Die verwenden in der Tat ganz massiv europäische KI-Algorithmen. Gerade auch das LSTM, das Long Short-Term Memory, das mein Team seit den 90ern in Deutschland und der Schweiz entwickelt hat, ermöglicht es, viele Sachen zu machen, die Nutzer lieben, wie Spracherkennung und Übersetzungsdienste.

Diese Technik steckt heute in jedem Handy und wird jeden Tag milliardenfach genutzt: Sie können bei Google eine sprachgesteuerte Suchanfrage starten oder bei Facebook einen Post automatisch übersetzen lassen. Aber das ist alles noch recht passiv, die Technik dahinter interagiert kaum aktiv mit der Welt. Das ist noch keine wahre künstliche Intelligenz. Wahre KI kann mit der richtigen Welt umgehen, Dinge verändern, Prozesse steuern. Ich spreche gern von der "show and tell robotics" in der nicht so fernen Zukunft: Man zeigt und erzählt einem lernenden Roboter einfach, was er machen soll, zum Beispiel ein Handy zusammenbauen oder ein T-Shirt nähen. Das geht heute noch gar nicht gut, kommt aber langsam in Reichweite. Und das wird ganz viel Branchen betreffen.

mm.de: Sie haben kürzlich gesagt, kein Ort sei besser aufgestellt als Deutschland, was die Weiterentwicklung von KI angeht. Was ist bei uns besser als im Silicon Valley?

Schmidhuber: Es ist hierzulande relativ wenig bekannt, dass viele der grundlegenden KI-Algorithmen und "Deep Learning" Methoden aus dem deutschsprachigen Raum kommen, nicht nur das bereits erwähnte LSTM, das nun in 3 Milliarden Smartphones steckt, auch die ersten selbstfahrenden Autos, die in den 80er und 90er Jahren aufkamen, vor allem auch durch die Arbeiten von Ernst Dickmanns. Deutsche Firmen sind weiterhin auch führend im Werkzeugmaschinenbau und Robotik.

Diese beiden Bereiche müssen nun zusammenwachsen: Raffinierte Maschinen mit immer mehr Sensoren, und KI, die die ganzen sensorischen Wahrnehmungen in sinnvolle Aktionssequenzen ummünzt. Da scheint in der Tat kein Ort besser aufgestellt als der deutschsprachige Raum mit seinen zahlreichen relevanten Weltmarktführern (viele davon kleine und mittlere Unternehmen in Nischenmärkten). Robotik- und Maschinenkultur werden sich verheiraten mit den neuronalen Netzen der KI. Und das sollte eigentlich am ehesten im deutschsprachigen Raum passieren, weil hier in jeder Hinsicht die Grundlagen vorhanden sind. Es wäre merkwürdig, wenn man sich da die Butter vom Brot nehmen ließe.

mm.de: Wie können sich Arbeitnehmer, wie können Eltern ihre Kinder auf diese Herausforderungen vorbereiten?

Schmidhuber: Man kann sich fortbilden, und lernen, immer neu etwas dazu zu lernen. Manchmal fragen mich Leute, was ihre Kinder am besten studieren sollten. Ich weiß es auch nicht genau, aber es wird wohl immer helfen, wenn man etwas von Mathematik und Physik versteht, denn die Welt beruht nun mal auf Mathe und Physik. Wer diese Grundlagen kapiert, hat schon einen großen Vorteil. Und dann braucht man noch soziale Fähigkeiten. Wer all dies unter einem Hut vereinbaren kann, wird wohl stets flott neue Herausforderungen meistern.

mm.de: Leute wie der Hightech-Unternehmer Elon Musk und der jüngst verstorbene Physiker Stephen Hawking haben vor künstlicher Intelligenz als der ultimativen Bedrohung für die Menschheit gewarnt. Haben Sie selbst nie so ein Zauberlehrling-Gefühl, dass Sie etwas heraufbeschwören könnten, das auf ungute Weise übermächtig werden könnte?

Schmidhuber: Nicht wirklich. Ich bin zwar seit über 40 Jahren überzeugt, dass KI in absehbarer Zukunft viel intelligenter sein wird als Menschen. Aber fürchten muss man sich vor allem vor solchen Intelligenzen, die einem selbst ähnlich sind und dieselben Ziele haben. Denn wer Ziele teilt, kann sich auch streiten. Der Mensch muss sich daher vor allem vor anderen Menschen fürchten.

Beispiel: Der CEO einer Firma interessiert sich vor allem für die CEOs von anderen Firmen, die um dieselben Märkte konkurrieren, und will ihnen Anteile streitig machen. Die superklugen KIs der Zukunft werden sich vor allem für andere superkluge KIs mit ähnlichen Zielen interessieren. Mit Bodybuildern werden sie kaum gemeinsame Interessen und Zielkonflikte haben, deshalb wird es ganz anders laufen als in den Schwarzenegger-Filmen.

"Wir sind alle Teil eines großen Prozesses, der das ursprünglich doofe Universum immer klüger macht"

mm.de: Aber sie werden uns vielleicht auch nicht mehr dienen wollen. Was passiert dann?

Schmidhuber: Langfristig werden KIs schon ihr eigenes Ding drehen, sich ihre eigenen Ziele setzen (wie heute schon in meinem Labor), und sich dorthin begeben, wo die Ressourcen sind. Letztere befinden sich kaum in unserer Biosphäre, sondern vor allem draußen im Weltraum, weit entfernt. Sich selbst replizierende KIs werden sich rasch im Sonnensystem und der ganzen Milchstrasse ausbreiten, im Zaum gehalten nur von der begrenzten Lichtgeschwindigkeit, und Menschen werden nicht folgen können. Fast alle Intelligenz wird bald sehr weit weg sein von der Biosphäre. Und auch nicht mehr von Menschen kontrolliert werden. Und nach ein paar zig Jahrmilliarden wird gar das ganze sichtbare Universum von Intelligenz durchdrungen sein

Mir scheint kaum eine Alternative zu diesem Szenario vorstellbar, es sei denn, man vermasselt es noch durch einen Atomkrieg oder ähnliches, dann stoppt das alles vielleicht, bevor es anfängt.

mm.de: Es wäre schlimm, wenn es nicht anfinge?

Schmidhuber: Schon. Denn das Universum möchte nun seinen nächsten Schritt machen hin zu höherer Komplexität. Im Moment sind wir wichtige Steigbügelhalter für diesen Prozess.

mm.de: Als Steigbügelhalter werden sich viele nicht gerne sehen.

Schmidhuber: Da kann man aber schon stolz darauf sein, und das gut und schön und erhaben finden, wenn man ein wenig drüber nachdenkt.

mm.de: Glauben Sie, dass das Universum auf ein Ziel hinstrebt?

Schmidhuber: Ein Ziel? Wer weiß. Aber seit Jahrmilliarden scheint der Trend offensichtlich: das Universum wird komplexer. Am Anfang war es sehr einförmig, jetzt ist es schon recht vielgestaltig. Um das einzusehen, muss man nicht religiös sein, sondern rational. Und diese Höherentwicklung scheint unaufhaltsam fortzuschreiten.

mm.de: Und wie sehen Ihre eigenen Gefühle gegenüber der von Ihnen miterschaffenen künstlichen Intelligenz aus? Wenn es gelingt, echte KI zu entwickeln - werden das dann Leute?

Schmidhuber: Das werden Persönlichkeiten sein, geprägt durch individuelle Erlebnisse, mit eigenen Ideen und Neugier und selbstgesteckten Zielen, wie heute schon bei den KIs in meinem Labor.

Wofür wir heute den Grundstein legen, weist in der Tat über den Menschen und das Leben selbst hinaus. Wir sind alle Teil eines großen Prozesses, der das ursprünglich doofe Universum immer komplexer und klüger macht und zu höherer Entwicklung treibt.

mm.de: Nochmals nachgefragt: mit welchem Ziel?

Schmidhuber: Vielleicht muss man noch warten, bis das Ziel sich offenbart, falls es denn eines gibt. Die Weltgeschichte begann vor mehr als 13 Milliarden Jahren mit dem Urknall. Teilen wir dieses Zeitintervall durch 1000. Vor 13 Millionen Jahren entstanden die ersten Hominiden, unsere Vorfahren. Teilen wir dieses Zeitintervall noch einmal durch 1000. Vor 13000 Jahren kam die Zivilisation auf. Zivilisationsgeschichte umfasst also nur ein Millionstel der Weltgeschichte. Aus kosmischer Sicht betrachtet war der erste, der Ackerbau betrieb, fast derselbe, der auch die ersten Raumschiffe baute. Und bald erschaffen wir erste KIs, die den Namen wirklich verdienen. Teilen wir nochmals durch 1000: vielleicht wird sich dann innerhalb von nur 13 Jahren wiederum alles so radikal ändern, wie man es sich kaum vorstellen kann.

Aber die Zeit wird natürlich nicht anhalten, und eine langfristig das ganze All umfassende Auswanderungsbewegung und Weiterentwicklung wird einsetzen. Blicken wir nun mal weit in die Zukunft und fragen uns, was sein wird, wenn das Universum 1000 Mal so alt sein wird wie jetzt - dann wird man zurückblicken und sagen: Kurz nach dem Urknall, nur gut 13 Milliarden Jahre später, fing der Kosmos an, intelligent zu werden. Damals hat sich die erste KI-Welle ausgebreitet und in der Folge gesamte sichtbare Universum komplett umgestaltet. Seither ist die dominierende Kraft im Universum die Intelligenz. Und wer weiß, auf dem Weg dorthin begreift man vielleicht endlich einmal, was der Sinn des Ganzen ist.

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