Was im neuen Jahrzehnt wichtig wird Die wichtigsten Businesstrends 2020

Mensch und Roboter: In fast allen Branchen sorgt die Digitalisierung für neue Spielregeln

Mensch und Roboter: In fast allen Branchen sorgt die Digitalisierung für neue Spielregeln

Foto: REUTERS / DENIS BALIBOUSE/ REUTERS

Jetzt ist es da, das neue Jahrzehnt, die "Dekade des Umbruchs", in der sich die Welt noch schneller verändern wird als in den vergangenen zehn Jahren. Was müssen Unternehmen und Manager tun, um 2020 die richtigen Weichen für das neue Jahrzehnt zu stellen?

Zwischen Oktober und Dezember 2019 habe ich gemeinsam mit einem Expertenteam mehr als 1000 Studien und Prognosen von Trend- und Forschungsinstituten sowie Artikel der Fachpresse analysiert. Daraus lässt sich ein klares Bild für die wichtigsten Trends 2020  ableiten, die die kommenden zwölf Monate prägen werden.

Wer gleich in den ersten Monaten der neuen Dekade eine Art visionären Paukenschlag erwartet, wird ziemlich sicher enttäuscht. In diesem Jahr geht es ums Machen, Umsetzen, Anpacken. Nicht neu denken, das hatten wir schon. Sondern neu handeln. 2020 wird das Jahr, in dem die technologischen Durchbrüche des vergangenen Jahrzehnts den Mainstream erreichen. Vor fünf Jahren waren Technologien künstliche Intelligenz und Blockchain allenfalls etwas für Nerds, in diesem Jahr kommen sie endgültig in den Fachabteilungen der Unternehmen an.

Jens-Uwe Meyer

Dr. Jens-Uwe Meyer ist Vorstandsvorsitzender der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
www.jens-uwe-meyer.de 

Technologietrends: Von der Innovation zur Praxis

Ein Blick auf die Top Ten Technologietrends des internationalen Forschungs- und Beratungsunternehmens Gartner  spiegelt das wider: kein neuer Supertrend, nichts, das die Welt aus den Fugen hebt. Im Gegenteil: Es geht allein um die Umsetzung. Drei Beispiele:

· Hyperautomation, einer der wichtigsten Technologietrends dieses Jahres, steht nicht für eine elektrisierende neue Vision, sondern für die pragmatische Zusammenführung bestehender Automatisierungssysteme.

· Aus der Blockchain ist die "Practical Blockchain" geworden, was bedeutet, dass die Technologie jetzt breitere Anwendungsfelder findet. Wer sich mit Blockchain beschäftigt, ist kein Exot mehr.

· Kaum ein Technologietrend spiegelt die Grundhaltung dieses Jahres so wider wie das, was Gartner "die Demokratisierung von Fachwissen" nennt. Technologien, die noch vor fünf Jahren ausschließlich Experten zugänglich waren, stehen nun praktisch jedem zur Verfügung.

Eine Entwicklung, die ich auch in meinem Buch "Digitale Gewinner"  beschreibe: Egal welche Position Sie in Ihrem Unternehmen haben, egal was Sie tun, egal wie alt Sie sind: Sie können bereits heute damit beginnen, die Technologietrends für sich zu nutzen.

Ich gehe jede Wette ein, dass Sie schon morgen Abend in der Lage sein werden, einen ersten eigenen Chatbot zu entwickeln. Nutzen Sie einfach einen entsprechenden Service im Internet für die Entwicklung . Mit drei bis vier Stunden Einarbeitung und einem Aufwand von nochmals vier bis fünf Stunden werden Sie in der Lage sein, Kollegen und Kolleginnen mit einem eigenen Chatbot zu verblüffen.

Für Unternehmen wird 2020 eine der größten Herausforderungen darin bestehen, Mitarbeitern und Führungskräften den Zugang zu diesen neuen Technologien zu erleichtern. Natürlich wird nicht jeder Bankberater morgen in der Lage sein, die Grundlagen für ein autonomes Auto zu programmieren. Aber einfache Anwendungsfälle sind im Prinzip schon heute für jeden erschließbar.

Marketingtrends - vom Verkäufer zum Kriminalisten

Marketingtrends: Vom Verkäufer zum Kriminalisten

Auch im Marketing bahnt sich nichts revolutionär Neues an. Social Media Marketing, Inbound Marketing, Marketing- und Vertriebsautomatisierung und Targeting, alles bekannt. Eigentlich eine Situation, die Marketeers nicht mögen, denn gerade ihre Branche liebt Hypes und Buzzwords wie keine zweite.

Wenn Sie 2018 gesagt haben: "Wir machen jetzt Influencer Marketing", war das total hip. 2020 bekommen Sie die Entgegnung: "Und wie viele der Likes sind gekauft?" Ende des vergangenen Jahrzehnts war Targeting ziemlich aufregend. 2020 ist die Frage nur noch, wie gut Ihr Targeting ist. Die Aufgaben eines Marketingspezialisten lassen sich in den kommenden Monaten gut mit denen eines Kriminalisten vergleichen.

Zwei wichtige Fragen lauten:

· "Werden wir beim digitalen Marketing betrogen?" Bezahlen Sie Geld für Fantasieklickzahlen, deren Glaubwürdigkeit irgendwo zwischen Donald Trump und Grimms Märchen liegt? Laut "Financial Times" entstehen Unternehmen jährlich Milliardenverluste durch Ad Fraud.  Für Oliver Hülse, Managing Director bei Intregral Ad Science, wird Ad Fraud in wenigen Jahren hinter dem weltweiten Kokain- und Opiatgeschäft auf Platz zwei der organisierten Kriminalität landen. Grund dafür ist das große Potenzial für Betrüger, denn es winken hohe Gewinne bei gleichzeitig relativ geringem Risiko.

· "Wie können wir Customer Profiling besser nutzen?" Der Trend, Kunden gezielt nach ihren Wünschen und Bedürfnissen anzusprechen, ist nicht neu. Doch die Algorithmen werden besser. Sie kennen bestimmt die Zombie-Anzeigen, die Sie verfolgt haben, wenn Sie einmal eine Bohrmaschine gekauft haben. Als ob Sie ernsthaft noch eine zweite oder dritte Bohrmaschine kaufen würden. Das waren die ersten Gehversuche. Von 2020 an werden die Algorithmen smarter werden.

Entsprechend werden Technologien in diese beiden Richtungen genutzt werden. KI-unterstützte Anwendungen werden dazu beitragen, Betrugsfälle im Onlinemarketing leichter aufzuklären. Gleichzeitig wird individualisiertes Marketing seinen Weg in den Mainstream antreten, bis hin zur Fernsehwerbung .

Leadershiptrends: Qualifikation und Automatisierung

Die größten Veränderungen werden sich 2020 und in den Folgejahren für Mitarbeiter, Führungskräfte und das Topmanagement ergeben. 2017 und 2018 konnten Sie als Führungskraft in einer konservativen Branche immer noch bezweifeln, dass der digitale Wandel Sie wirklich betrifft. 2020 stehen Sie mit dieser Einstellung total allein da. Entsprechend wird 2020 das Jahr der großen Qualifizierungsoffensiven.

Falls Sie noch keinen Crashkurs in modernsten Technologien erhalten haben, ist dieses Jahr der beste Zeitpunkt dafür. Egal ob Sie Sachbearbeiter bei einer Versicherung sind, Fachkraft bei einem Automobilzulieferer oder Leiter der Rechtsabteilung eines Konzerns: Machen Sie 2020 zum Jahr Ihres persönlichen digitalen Wandels! Bitten Sie ihren Arbeitgeber, Sie für drei Monate freizustellen, besuchen Sie Seminare oder Onlineschulungen oder setzen Sie sich im Selbststudium mit neuen Technologien auseinander. Ganz egal, was Sie tun: Der Trend spricht für Sie!

Auch auf die Personalabteilungen kommen große Veränderung zu. Fachkräfte zu finden und zu halten wird noch einmal deutlich schwieriger werden. Weiterbildungen werden sich massiv verändern: Sie werden individualisierter, digitaler und praxisorientierter. Die Personalabteilung gehört 2020 zu den wichtigsten Treibern der Veränderung!

Die wichtigsten Branchentrends: Banken müssen sich Drittanbietern öffnen

Zwei wichtige Trends heißen "HR-Analytics" und "HR-Chatbots".

· Der erste dient dazu, Messinstrumente zu schaffen oder zu verbessern, die das im Unternehmen vorhandene Wissen besser dokumentieren. Durch den Einsatz von Analysetechnologien können beispielsweise auf Basis von Daten weiße Flecken in der Weiterbildungslandschaft aufdeckt werden.

· HR-Chatbots sollen Personalabteilungen dabei helfen, nicht in Routineanfragen zu ersticken. Während der Personaler gerade darüber nachdenkt, mit welchen innovativen Weiterbildungskonzepten die digitale Transformation befördert wird, sollte er möglichst nicht durch ständige Nachfragen à la "Wie fülle ich einen Urlaubsantrag im Intranet aus?" gestört werden.

Branchentrends: Das Wichtigste im Überblick

Von A wie Aktenvernichtungsspezialist bis Z wie Zahnarztzubehörzulieferer: Die Branchentrends 2020 werden durchs Anpacken geprägt.

· Das beherrschende Thema für Banken wird die Umsetzung von PSD2 sein, der digitalen Zwangsdisruption, initiiert von der Europäischen Kommission, umgangssprachlich auch Open Banking  genannt: Seit September 2019 sind Banken verpflichtet, ihre Systeme für Drittanbieter zu öffnen. Das wird Innovationen und Veränderungen drastisch beschleunigen. In der zweiten Jahreshälfte soll eine sogenannte "Request to Pay"-Lösung von 26 Geldhäusern aus 11 Ländern an den Start gehen. Damit wollen die Banken groß in das Geschäft des Instant Payments einsteigen. Aktuell läuft die Branche Gefahr, sich im Zahlungsverkehr von der neuen Konkurrenz wie Apple Pay und Co. überholen zu lassen.

Was Handwerk, Energiebranche und Gesundheitswesen verändert

· In Handwerk, Bau und Produktion wird die Vernetzung von Arbeitern  weiter voranschreiten. Schon heute werden Logistikarbeiter über Augmented-Reality-Brillen zum richtigen Lagerplatz geführt, Bauarbeiter erhalten ein Modell des Objekts auf eine Datenbrille, Produktionsmitarbeiter erhalten wichtige Daten in Echtzeit. In gefährlichen Berufen werden sogenannte Industrial Wearables zudem die Arbeitssicherheit erhöhen. Auch dieser Trend ist nicht bahnbrechend neu. Doch die Verbreitung wird sich drastisch beschleunigen.

· In der Energiebranche wird Cybersicherheit  eines der beherrschenden Themen sein. 2019 hatte das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) eine deutliche Zunahme von Hackerangriffen auf kritische Infrastrukturen registriert. Da die Energieversorgung zunehmend dezentral und stark vernetzt ist, ist der Schutz deutlich komplexer geworden.

· Im Bereich Gesundheit und Medizin haben Gesundheits-Apps den Massenmarkt erreicht, seit diesem Jahr kann der Arzt sie auf Rezept verschreiben . Vor dem Durchbruch steht der Einsatz künstlicher Intelligenz als Mittel gegen den Fachärztemangel, ein weiterer Anstieg intelligenter Implantate sowie der Einsatz von Gentherapien wie Crispr.

Handel und Industrie: Ciao Bargeld, hallo Zwilling

· Der Handel wird vom zunehmenden Wunsch nach Individualität geprägt. Die Studie "Zukunft des Einkaufens" prognostiziert, dass der Wunsch nach personalisierten Produkten und Verpackungen stark zunehmen wird. Der klassische Handel wird vom Trend zum bargeldlosen Zahlen profitieren. In der Ära der ungeduldigen Konsumenten ist das Warten an der Kasse out und führt schnell dazu, dass Konsumenten Geschäfte meiden. Das Bezahlen im Vorbeigehen wirkt dem entgegen.

· In der Industrie erreicht der digitale Zwilling den Mainstream: ein Produkt oder eine Maschine wird als digitales 3D-Modell entwickelt. Im Bereich der Industrie 4.0 wird Normung eine wichtige Rolle spielen. Wenn Maschinen untereinander kommunizieren sollen, braucht es hierfür festgelegte Standards. Auf diesem Gebiet hat Deutschland tatsächlich einen Wettbewerbsvorteil.

Anpacken und umsetzen

Von diesem Jahr an wird sich der digitale Wandel noch einmal drastisch beschleunigen. Denn Wissen und Know-how um den Einsatz neuer Technologien sind nichts mehr für Spezialisten. Bisher waren Entwicklungsabteilungen oder Menschen mit klangvollen Titeln wie Chief Digital Officer die Herren des Veränderungsprozesses. Sie waren das Nadelöhr. Doch genau das ändert sich 2020. Der Veränderungsdruck kommt in den Fachabteilungen an. Von nun an kann jeder Mitarbeiter zum Innovationstreiber werden. Für Unternehmen hat dies aber auch eine Kehrseite: Wer sich 2020 nicht bewegt, droht abgehängt zu werden. Denn zu den bitteren Trends der nächsten Jahre gehört auch, dass Deutschland das jahrelange Nichthandeln auf volkswirtschaftlicher und politischer Ebene voll zu spüren bekommen wird.

China und die USA werden bis 2025 ihren Technologievorsprung weiter ausbauen. Die beherrschenden Technologien werden 5G, künstliche Intelligenz, Edge Computing, das Internet der Dinge sowie autonomes Fahren sein. Im Bereich der künstlichen Intelligenz verfügte China bereits 2017 über 46 Prozent der weltweiten Patente.

Technologisch gesehen spielt Deutschland bei den beherrschenden Zukunftstechnologien heute nur noch eine Nebenrolle. Bei der Entwicklung innovativer Anwendungsfälle haben deutsche Unternehmen und Konzerne jedoch die Chance, 2020 zum Jahr des Aufbruchs zu machen. Indem sie das tun, was kaum eine Industrie so gut kann wie unsere: Umsetzen!


Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder. Meyers neues Buch "Digitale Gewinner" ist jetzt erhältlich .

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