Samstag, 25. Mai 2019

Industrie 4.0? Service 4.0! Wem gehört künftig der Kunde?

3. Teil: Gestaltung von geeigneten Anreizstrukturen

Damit die Unternehmen integrierte Plattformen nachhaltig etablieren können, bedarf es jedoch auch geeigneten Geschäfts- und Betreibermodellen für diese Art der hochvernetzten Leistungserstellung. Eine der zentralen Herausforderungen in diesem Kontext ist dabei die Gestaltung von geeigneten Anreizstrukturen, um weitere Anbieter für die Integration auf den Plattformen gewinnen zu können. Denn wie bei allen Netzwerken wird es auch bei integrierten Service-Plattformen darum gehen, eine kritische Masse an Teilnehmern zu erzeugen - sowohl auf der Anbieter- als auch auf der Nachfrageseite. Doch wie kann eine solche Masse erreicht werden?

Erfahrungen aus dem Business-to-Consumer-Markt, der bei der Entwicklung von Smart Services in vielen Bereichen bereits sehr viel weiter fortgeschritten ist, sollten dabei genutzt werden. Die Online-Handelsplattform Amazon hat beispielsweise in ihren Gründerjahren bewusst auf die Erwirtschaftung von Gewinne verzichtet, um sowohl für Buchverlage als auch für potenzielle Kunden finanzielle Anreize setzen zu können und damit eine kritische Masse zu erreichen und den Markt zu etablieren. Eine solche Strategie eignet sich zwar wenig für etablierte und häufig auch börsendotierten Unternehmen, zeigt jedoch, dass die Akquisition von Plattformteilnehmern zu den schwierigsten Herausforderungen zählt. Damit diese und weitere Herausforderungen möglichst schnell bewältigt werden können, bedarf es einer engen Zusammenarbeit zwischen Forschungseinrichtungen und der Industrie. Eine gute Möglichkeit sich mit Wissenschaftlern über die Herausforderungen, Potenziale und Gestaltungsmöglichkeiten für Geschäftsmodelle bei Smart Services auszutauschen, bietet zum Beispiel das Fachforum Smart Services - Digitalisierung und Dienstleistung als Innovationstreiber für die Wirtschaft", das am 21. Oktober 2015 im Haus der Wirtschaft in Stuttgart stattfindet.

Smart Services sind jedoch keineswegs auf eine Industrie 4.0 beschränkt

Die vielfältigen Potenziale von Smart Services für Nutzer und Anbieter sind dabei nicht auf die industrielle Anwendung beschränkt. Im Gegenteil, sie werden zukünftig allgegenwärtig sein und unser aller Leben und Arbeiten erleichtern. Intelligente, datenbasierte Dienstleistungskonzepte werden beispielsweise auch im Gesundheitswesen oder im Umfeld von Smart Cities diskutiert. In den urbanen Räumen werden durch die vermehrte Nutzung von mobilen Endgeräten, dem Vormarsch des "Internet der Dinge" und dem Einsatz von urbaner Sensorik (z. B. Bewegungs-, Zustands- oder Verbrauchssensoren) bereits heute vielfältigste Daten generiert, welche die Transparenz über den aktuellen Zustand einer Stadt und über die Aktivitäten ihrer Akteure maßgeblich verbessern. Meldungen von Schlaglöchern in Straßen, die über Smartphones während der Fahrt von Bürgern generiert werden oder eine Parkplatzreservierung vor dem persönlichen Lieblingsrestaurant in der Innenstadt sind bereits heute Realität und stellen eher den Fahnenmast als die Fahnenspitze der möglichen Entwicklung dar. Die bestehenden öffentlichen und privaten Dienstleistungsangebote können durch die Nutzung von Daten und neuen Informations- und Kommunikationstechnologien gezielt an die Bedürfnisse der Stadtakteure angepasst und innovative, nachfragegetriebene Stadtdienstleistungen evidenzbasiert gestaltet werden. Daher sollten sich nicht nur Unternehmen, sondern alle Akteure darüber Gedanken machen, welche Potenziale Smart Services für die wirtschaftliche und industrielle Entwicklung Deutschlands bestehen und wie diese bestmöglich ausgeschöpft werden. Nur so kann Deutschland auch zukünftig eine erfolgreiche Industrienation mit hoher Lebensqualität bleiben.

Hans-Jörg Bullinger ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de

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